Über den deutschen Nachhaltigkeitspreis

Zweifeln beim Deutschen Nachhaltig­keitspreis

Der deutsche Nachhaltigkeitspreis soll belohnen, was nachhaltig ist. Doch kommen Zweifel auf, ob es sich hierbei nicht eher um Greenwashing handelt.
Roter Teppich© iStockphoto / Sean Locke

Andreas Schäfer kommen auf dem “Deutschen Nachhaltigkeitspreis” und der IAA Zweifel, ob die Veranstaltungen nicht nur reines Greenwashing sind.

Ich bin undankbar. Das geht mir durch den Kopf. Aber da sind die Zweifel. Schließlich war ich Gast und als Gast ist man höflich zum und über den Gastgeber. Einmal Agnostiker, immer Agnostiker. Ich bin genau genommen Feuilletonist, höchstens Essayist. Was verstehe ich schon von Umwelt und Nachhaltigkeit?

Es ist der Deutsche Nachhaltigkeitspreis und ich bin dabei. Am Rande, ich soll darüber schreiben. Als Pressevertreter bleibt man vor dem roten Teppich aus abbaubarer Maisstärke und gafft und klickt. Hier werden die Fotos für die Yellow Press gemacht und die Bilder für die Gesellschaftsmagazine am nächsten Tag im Fernsehen. Beispiel 2010: Eva Padberg lächelt gekonnt in die Objektive. Joschka Fischer, Ehrengast, kassiert die Pfiffe der Bilderjäger, weil er ihnen keine Pose opfert und einfach durchzieht. Nina Eichinger braust im Abendkleid auf dem Elektroroller heran. Es macht klick, klick, klick. Jamie Oliver ist da, der bemühte Londoner Koch. Der bekommt später einen Nachhaltigkeitsehrenpreis. Irgendwie ist das verständlich, bei seinem Einsatz um die ehrliche Pfanne Frischgemüse für jedermann. Eva Padberg wird laudatieren. Warum eigentlich die? Seis drum, es gibt schöne Bilder und Aufmerksamkeit. Robin Gibb, der vorletzte Bee Gee ist auch schon da. Auch er wird einen Nachhaltigkeitsehrenpreis bekommen: „You win again!“ Und natürlich wird er das Unterhaltungsprogramm bestreiten.

Blogger: Andreas Schäfer

Andreas Schaefer
Andreas Schäfer ist Autor und Regisseur. Seit 2009 ist er Chefredakteur des Magazins Showcases. In einer Essayreihe beschäftigt er sich mit der Kommunikation im 21. Jahrhundert...
Die Elite der deutschen Wirtschaft hat sich versammelt. Und tanzt im Smoking und im Abendkleid zu „Stayin’ Alive“. Da der Zetsche, dort der Zeitz. Geht es darum? Das hat was von Titanic, denke ich. Robin Gibb kommt aus Dubai oder so. Eingeflogen wird auch Larry Hagman, der bekommt einen Preis für seine Solarfarm. Es macht wieder klick, klick, klick. Diesen Preis wird ihm seine ehemalige Fernsehpartnerin Barbara „Bezaubernde Jeannie“  Eden elegant überreichen. Das können die Amis. Die ist aber eben auch extra aus den USA eingeflogen worden. Mit Ausgleichszahlungen kauft man sich dafür CO2-frei. Meine Kollegen aus dem Blätterwald freut es. Da geht ein Fünfzeiler mit Bild an BILD und der Express berichtet fix am nächsten Morgen. Die Fotos werden gleich in Echtzeit übertragen. So generiert man erfolgreich Nachrichten. Das kann man neidlos zugeben! Das geht mir jetzt durch den Kopf. Aber, was bleibt für die Nachhaltigkeit? Zumindest der Bühnenbauer hat sich Mühe gegeben. Die meisten Teile sind wiederverwertbar. Auf die üblichen Wegwerfgroßdrucke hat man bewusst verzichtet. Stattdessen wird projiziert. Aber das schreibt keine Sau.

Und dann wird die Vorspeise serviert. Es ist Biolachs aus Norwegen. Wie kommt der her, doch nicht geschwommen? Irgendein Promikoch hat den ausgewählt und die Zubereitung überwacht. Als Hauptgang kommt zweierlei vom Rindfleisch. Ich muss an Methan denken und frage mich, geht das mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis wirklich auf? Fällt das denn niemandem auf? Mir vergeht der Appetit. Und ich bin froh, dass ich 2012 nicht wieder darüber berichten muss. Das war wohl Greenwashing und ich war live dabei.

Ähnlich geht es mir auch auf der IAA, der internationalen Automobilausstellung. Selbst ich weiß, dass wenn jeder Taxiboy in Mumbai einen 150-PS-Volkswagen fährt und jeder Rikschaboy in Bejing oder Schanghai sein BMW-Elektroauto, dann funktioniert das nicht. Wo kommt all der Strom her? Der Sprit ist schon teuer und knapp. Sollen wir alles schön dem Markt überlassen, tönt es vom Mont Pelerin. Die Marketingmaschine klappert eifrig im Takt. Mich beruhigt das nicht. Und stattdessen frage ich mich, warum man auf d e r Automobilmesse im Land der  I d e e n  immer noch auf Glühlampen setzt, um die Karossen glänzen zu lassen. Wo ist das stromsparende LED-Licht? Stattdessen braucht man ein Atomkraftwerk um Mercedes, Audi und Co. anzustrahlen.

Wie ernst meinen wir es eigentlich? Es kommt mir so vor, als wären wir alle noch auf der Schule und hoffen uns irgendwie durchzumogeln. Die Prüfung schaffen, ohne wirklich was dafür getan zu haben. Ich glaube, da ist noch viel Verdrängung im Spiel: „You know it’s alright it’s okay. I’ll live to see another day!“ Robin Gibb hat‘s gesungen.