Über das Buch “Das perfekte Leben”: Die große 30 — Kein Grund zur Panik

Im Buch "Das perfekte Leben" geht es um Frauen ab 30. In Gesprächen zwischen 5 Freundinnen werden Fragen um Liebe, die Eltern oder den Beruf behandelt.
von Katja Schmitz-Dräger
Die 5 Freundinnen© Nico Klein-Allermann

Und plötzlich ist er da, der 30. Geburtstag. Für viele Menschen ein wichtiges Datum. Vor allem für Frauen. Genau darüber hat die Historikerin Katja Schmitz-Dräger ein Buch geschrieben. Das Besondere daran: Es geht nicht nur um ihre eigenen Gedanken, sondern auch um die von vier ihrer Freundinnen, die sie — alle zusammen — interviewt hat. evidero hat Katja Schmitz-Dräger dazu befragt.

Mit 30 fängt das Leben so richtig an

evidero   Frau Schmitz-Dräger, Sie haben Ihr Buch “Das perfekte Leben” genannt. Denken Sie, dass das Leben mit 30 erst richtig anfängt?

Im Idealfall hat es natürlich vorher schon angefangen. Aber Geburtstage sind ja immer ein Anlass, um Bilanz zu ziehen. Und am 30. merkt man dann, dass man jetzt wirklich für nichts mehr zu jung ist, beruflich oder privat: Man kann bis zu diesem Zeitpunkt ohne Weiteres schon Karriere gemacht oder eine Familie gegründet haben. Das hat man dann getan, oder eben nicht.

Der Titel bezieht sich im Wesentlichen darauf, dass ich in den Gesprächen mit meinen Freundinnen — auch vor und nach der Arbeit an diesem Buch — festgestellt habe, dass es überall sehr klare und bewusste Ansprüche an sich selbst gibt. Dass Frauen dazu neigen, auf diesen verschiedenen Ebenen etwas vorweisen zu wollen.

Auf manchen Gebieten klappt das dann, und auf anderen nicht. Bei denen, die man als unzulänglich empfindet, kann man mit 30 schon mal denken: Oh, da muss ich jetzt aber mal ran. Letztlich gibt es einfach sehr viele Wahlmöglichkeiten in allen Bereichen, man kann sein Leben sehr frei entscheiden und möchte das dann auch. Aber dann eben so gut wie möglich.

evidero   Und wenn man nicht erreicht, was man sich vorgenommen hatte?

Es geht bei diesem Datum natürlich um Erwartungshaltungen: die eigenen, gesellschaftliche, vielleicht auch noch die der Eltern. Wenn man noch nicht 30 ist, ist das oft so eine Zahl von der man sich vornimmt: Bis dahin will ich dies und jenes erreicht oder bestimmte Dinge getan haben. Als es bei mir auf die 30 zuging, sah ich natürlich kommen, dass ich die Messlatte da vielleicht ein bisschen hoch gelegt hatte und nicht alles schaffen würde.

Aber sobald dieser Geburtstag da war, war ich eigentlich ganz entspannt und dachte: Mein Gott, dann ist das jetzt eben so. Der Zug ist ja auch nicht gleich abgefahren, nur weil man auf einmal über die 30 hinaus ist. Man guckt sich an, was man erreicht hat und was einem vielleicht noch fehlt, was man bisher vernachlässigt oder versäumt hat. Aber das lässt sich ja immer noch korrigieren.

evidero   Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, ein Buch zum Thema Frauen ab 30 zu schreiben und dafür gemeinsam mit Ihren Freundinnen Gespräche zu führen und diese aufzuzeichnen?

Ich hatte mich mit dem Thema natürlich schon ganz automatisch in Gesprächen mit meinen Freundinnen befasst. Mir ist aufgefallen, dass bestimmte Themen immer und immer wieder auftauchen, auf jeder Party, bei jedem Aufeinandertreffen. Es häuften sich die 30. Geburtstage, ich selbst ging auch auf die 30 zu und habe mir über meine eigene Bilanz Gedanken gemacht: Was habe ich bisher so gemacht, was nicht? Und da trat der Verlag an mich heran, ob ich mir nicht vorstellen könnte, dieses Buch zu schreiben.

Es gab ja auch einen Vorgänger, Juleska Vonhagens “Herzmist” – Gespräche von Anfang 20-Jährigen zu Liebesthemen. Und so haben wir besprochen, dass sich das Buch in seinem Gesprächs- und Interview-Charakter daran orientieren soll, denn bei diesen Gesprächen gibt es einerseits viele Perspektiven, aber andererseits entsteht auch eine große Offenheit, da wir ja alle Freundinnen sind.

Thematisch allerdings ist es deutlich breiter gefächert; es geht zwar natürlich um Liebe, Beziehungen, Kinder oder nicht – aber zum Beispiel auch darum, was für eine Rolle Beruf, Geld, Erfolg spielen, um Verhandlungskompetenz, weibliche Solidarität, Sicherheit und das Verhältnis zu den alternden Eltern.

evidero   Die Fragen, die Sie im Buch behandeln, sind ja teilweise sehr privat, haben fast schon Tagebuch-Charakter. Zum Beispiel die Frage nach Attraktivität, der Beziehung zu den Eltern, den Partner-Wünschen. War das eine merkwürdige Situation, das so offen zu behandeln im Bewusstsein, dass es auch veröffentlicht wird?

Ich habe ehrlich gesagt gestaunt über das Vertrauen und die Offenheit. Wir haben das vorher ausführlich besprochen – ich habe meine Freundinnen gefragt, ob sie Lust hätten, in dieser Runde dabei zu sein, und sie sagten: “Klar!”, auch nachdem ich noch mehrmals nachgeschoben hatte, dass das alles aufgezeichnet wird und im Buch landet. Ich glaube aber, das Thema hat sie eben auch selbst interessiert, wir hatten darüber ja alle schon geredet. Und es war natürlich auch Sinn der Sache, dass man dann auch offen ist.

Am ersten Tag war das Aufnahmegerät noch sehr präsent, aber dann vergisst man es doch irgendwann und entspannt sich. Das war ein ganz schöner Moment, auch hinterher das Aufschreiben des Ganzen. Da habe ich dann nach diesem Gesprächs-Marathon noch ein zweites Mal gestaunt, wie offen und schlau gesprochen wurde, denn manches von diesen Stunden und Stunden an Material hatte ich schon wieder vergessen – oder ich war kurz rausgegangen und das Gespräch lief weiter, und ich habe es dann beim Transkribieren zum ersten Mal gehört.

Was ändert sich überhaupt, wenn man 30 wird?

evidero   Sie haben vorhin schon ein wenig erzählt, wie es für Sie persönlich war, 30 zu werden. Haben Sie das Gefühl, dass sich irgendetwas konkret verändert hat?

Eigentlich nur das Bewusstsein. Für mich war es, wie gesagt, entspannt, weil der Druck weggefallen ist, etwas bis zu einem bestimmten Moment erledigt haben zu müssen. Aber — 30 klingt natürlich schon anders als etwa 28. Man fühlt sich vermutlich selbst nicht anders, aber die Relation zum Rest der Gesellschaft ändert sich: Man wird plötzlich anders behandelt, erwachsener.

Dann sind nach und nach erst die Spieler der Fußball-Nationalmannschaft jünger als man selbst, irgendwann sind die ersten Bundesminister jünger als man selbst, und dann denkt man vielleicht irgendwann: Hoppla! Das waren doch immer die alten Herrschaften! – Aber natürlich hört nichts plötzlich auf; ich habe weiter die Dinge gemacht, die mir wichtig waren.

Es ist für nichts zu früh, aber ja auch noch für nichts zu spät; das ist eigentlich ein ganz schöner Zeitraum.

evidero   Was ist denn an der 30 anders als etwa an der 40? Oder ist die 40 eigentlich ähnlich wie die 30?

Ich habe nicht den blassesten Schimmer und bin sehr gespannt, wie es wird, wenn ich 40 werde. Ich glaube, das wirklich dominante Thema bei Frauen zwischen 30 und 40 ist die Familiengründung, schon aus biologischen Gründen. Wenn man das bis dahin nicht angegangen ist, dann wird es vermutlich langsam echt eng, auch wenn es Ausnahmen gibt.

Das Spezielle an der 30 ist also, dass man alles, was man noch nicht erledigt hat, noch gut erledigen kann. Man ist eher dabei, die Weichen für sein Leben zu stellen: Mache ich mich selbständig, schule ich noch mal um? Und eben: Will ich eine Familie haben? Dann wahrscheinlich demnächst. Diese Entscheidung trifft man in diesen Jahren einfach, selbst wenn man sich davor drückt.

Aber ansonsten denke ich, wird man mit 40 wohl auch Bilanz ziehen und schauen, wie zufrieden man so ist, und wo man vielleicht noch mal nachsteuern will.

evidero   Um nochmal auf den Titel Ihres Buches zurückzukommen: Denken Sie, dass es so etwas wie das “Perfekte Leben” überhaupt geben kann?

Nein – oder jedenfalls kein Leben, das jeden Tag zu jeder Stunde perfekt ist. Es ist ja so: Seit unserer Generation gibt es so viele Möglichkeiten und damit auch Vergleichsmöglichkeiten. Man sieht die unterschiedlichsten Lebens- oder Familien-Modelle, Berufe, Wohnsituationen.

Über das Internet bekommen wir scheinbar immer mehr Möglichkeiten, man kann überall schnell hin, die Welt wird immer kleiner, man könnte hier oder dort leben. Durch Plattformen wie facebook ist man auch mit Menschen vernetzt, die ganz anders leben, als man selbst, vielleicht im Ausland, oder die nie von zu Hause weggezogen sind, aber jetzt schon 2 bis 3 Kinder haben.

An schlechten Tagen kann man dann schon mal auf den Gedanken kommen, ob die nicht vielleicht glücklicher sind und es besser gemacht haben als man selbst. Umgekehrt gibt es aber natürlich auch Tage, an denen man sich umsieht und denkt: Eigentlich habe ich alles richtig gemacht.

Das Beste ist, glaube ich, sich da ein bisschen zu entspannen und sich zu sagen, dass es schließlich Gründe gab, warum man sich für das eine und nicht für das andere entschieden hat. Es ist ja auch gar nicht möglich, alles gleichzeitig zu schaffen, und man hat es in der Regel ja so gut gemacht, wie man konnte.

evidero   Sind Sie mit Ihrem jetzigen Leben zufrieden?

Ja, eigentlich schon. Es passiert noch viel in meinem Leben, aber ich bewege mich in die Richtung, die ich mir wünsche. Ich habe mich von Dingen gelöst, die mir nicht gut taten und andere Dinge angefangen oder intensiviert, die mich glücklich machen.

Darum geht es ja letztlich: Das zu tun, was man für sinnvoll hält. Entscheidungen zu treffen, aus den bisher gemachten Erfahrungen seine Schlüsse und Konsequenzen zu ziehen. — Ja, ehrlich gesagt bin ich total zufrieden.

evidero   Ist Ihr Buch eigentlich auch was für Männer?

Nein, wirklich nicht. Wenn ein Mann dieses Buch lesen will, muss er im Buchladen seine Freundin vorschicken. — Nein, natürlich ist es auch für Männer.

Vielleicht ist die Offenheit im Buch ganz interessant, denn ich glaube, in gemischten Runden redet man über solche Dinge doch anders. Das kann im besten Fall auch eine Horizonterweiterung sein. Und dann geht es natürlich auch um viele Themen, die Männer genauso betreffen wie Frauen: Das Verhältnis zu den Eltern, beruflich Fuß zu fassen usw.

Das mag bei Männern vielleicht gesellschaftlich bedingt anders aussehen als bei Frauen, aber es sind Themen, in denen sie sich auch wiederfinden können.

evidero   Haben Sie Tipps für Frauen, die sich vor der 30 fürchten?

Groß feiern, würde ich sagen! Erst einmal durchatmen und entspannen, sich auf die Schulter klopfen für das, was man schon erreicht hat. Sich sagen, dass man bisher alles so gut gemacht hat, wie man konnte, und es immer nur noch besser wird. Das hoffe und glaube ich jedenfalls.

evidero   Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte: Manuela Hartung

Interviewpartnerin: Katja Schmitz-Dräger
Katja Schmitz-Dräger (31), freiberufliche Historikerin und Autorin aus Berlin, ist dank reichem Erfahrungsschatz und heterogenem Freundinnenkreis Expertin für alle Themen und Probleme, die Frauen Anfang 30 beschäftigen. Diese nimmt sie gern auseinander – mit genauem Blick, Scharfsinn sowie viel Humor und Selbstironie.
Buchtipp
Hier gibt es das vorgestellte Buch