Tagebuch schreiben: Den Zugang zu sich selbst finden

Eine tägliche Schreibpraxis hilft uns, Erlebtes zu verarbeiten und Visionen zu entwickeln. Schreibend kommen wir uns selbst wieder näher und verwirklichen lange vergessene Träume.
von Sabrina Gundert
Tagebuch SchreibenFoto: © LiliGraphie - Fotolia.com

Während wir als Jugendliche unser Tagebuch meist wie einen Schatz gehütet haben, ist diese tägliche Schreibpraxis als Erwachsene häufig gänzlich in Vergessenheit geraten. Dabei kann das Schreiben so viel: Es hilft uns, Erlebtes zu verarbeiten, Klarheit über Visionen und Träume zu bekommen und Erinnerungen wachzuhalten.

Das Tagebuchschreiben ist eine Form der täglichen Schreibpraxis, so wie die Morgenseiten, die Julia Cameron in ihrem Buch „Der Weg des Künstlers“ vorstellt.

Diese Seiten, die direkt nach dem Aufwachen geschrieben werden, gleichen einer inneren Reinigung. Altes von gestern, Träume, die noch nachwirken oder auch Sorgen und Ängste für den neuen Tag bekommen Raum auf dem Papier. Alles, was auf dem Papier ist, müssen wir nicht länger mit uns tragen. Es ist, als würden wir uns innerlich ausfegen und all das, was wir für den neuen Tag nicht brauchen, gleich am Morgen loslassen. Dies hilft uns, klar und frisch in den Tag zu starten.

Mit Tagebuchschreiben kann man Erlebtes verarbeiten

Schreibend bekommen wir Zugang zu Bereichen unseres Unterbewusstseins, denen wir uns allein mit dem Verstand nur schwer nähern können. Das Schreiben hat dabei ungleich viele Facetten: Es kann persönliche Therapie und Lebensfreude pur sein. Entspannungsort und Ruhepol. Zeit zum Krafttanken und eine Möglichkeit, mehr über sich selbst zu erfahren.

Wenn wir über Vergangenes schreiben, wiederholen wir das, was wir erfahren haben und holen es uns wortwörtlich wieder. Themen, die uns sehr bewegen – wie Trennung, Tod, ein Unglück oder aber auch besonderes Glück, eine Geburt oder Heirat –, bewegen wir häufig auch schreibend viele Tage, Monate oder Jahre.

Dabei bedeutet dies jedoch keinesfalls, dass wir auf der Stelle treten, denn beim täglichen Schreiben entblättern sich Schicht für Schicht immer neue Aspekte eines Themas. Diese können sich in Form einer Erkenntnis oder eines Aha-Momentes zeigen. Auf diese Weise schreiben wir uns selbst nach und nach über ein Thema hinaus – und werden irgendwann bemerken, wie wir das Thema gänzlich hinter uns gelassen und schreibend verarbeitet haben.

Beim Schreiben einen Blick auf die Zukunft werfen

Eine tägliche Schreibpraxis hilft uns jedoch nicht nur, Vergangenes loszulassen, sondern vermag auch unseren Blick in die Zukunft zu schärfen. Denn schreibend bekommen wir einen viel leichteren Zugang zu unserem Unterbewusstsein als mit dem bloßen rationalen Verstand.

Das zeigt sich beispielsweise in solchen Momenten, in denen wir uns auf ein Thema einlassen und plötzlich ganz erstaunt sind, an welche inneren Orte es uns geführt hat. Meist entstehen auf diese Weise ganz andere Texte als die, die wir vorher mit dem Kopf geplant hatten. So entdecken wir Aspekte von uns, die wir vielleicht lange nicht beachtet oder verdrängt haben – bisher nicht gelebte Träume, verschüttete Visionen, tiefe Sehnsüchte.

Schreibend darf sich das, was da in uns ist, zeigen. Folgen wir dem, bekommen wir mehr und mehr eine Klarheit dafür, was uns innerlich bewegt, welcher Bereich unseres Lebens vielleicht blockiert ist und auf welchem Weg es für uns weitergehen kann.

Tauchen langgehegte Träume und Visionen auf, ist das Schreiben doppelt wertvoll, denn das, was wir einmal aufgeschrieben haben, was Schwarz auf Weiß auf Papier steht, lässt sich nicht mehr so leicht vergessen. Das Schreiben ist somit der erste Schritt hin zur Verwirklichung dieser Träume.

Biographisches Schreiben wird durch Tagebücher erleichtert

Dinge, die wir aufgeschrieben haben, müssen wir zudem nicht länger im Kopf behalten. Schreibend können wir sie auf eine gewisse Weise festhalten und zugleich innerlich loslassen. Was auf dem Papier steht, darf aus unserem Kopf weichen.

Vor allem wenn wir älter werden, verspüren wir oftmals den Wunsch, etwas unserer Lebenswelt, unserer Erfahrungen und Erinnerungen für Familie und Freunde lebendig zu halten. Die täglich geschriebenen Texte werden über die Jahre zu einer wahren Schatzkiste an Erlebtem, Anekdoten, überstandenen Krisen und kleinen wie großen Freuden. Aus den Tagebuchnotizen wiederum können ebenso teilbiographische Romane entstehen.

Das Werkzeug: Was brauche ich zum Tagebuch schreiben?

Stift und Papier sind dabei das Werkzeug der Schreibenden. Sicherlich, heute entstehen die meisten Texte am Computer, doch dem Schreiben mit der Hand wohnt mehr als ein Hauch von Nostalgie inne. Die Bewegung der Hand bringt auch etwas in uns in Bewegung, lässt uns Themen bewegen und in ihrem eigenen Tempo sichtbar werden, geht doch das Schreiben mit der Hand meist langsamer als das Tippen auf der Tastatur. Zudem werden wir spüren, dass die Texte authentischer werden, wenn wir handschriftlich schreiben – die Verbindung vom Herz zur Hand ist einfach direkter.

Um mit Freude zu schreiben, sollten wir zu Beginn unserer Schreibpraxis ausprobieren, was stimmig für uns ist, sowohl an Stift und Papier als auch an Schreiborten und -zeiten. Wie ist es, Tagebuch auf einem Ringbuchblock zu führen? Wie in einem leinengebundenen Buch? Verändert sich durch das Papier meine Art zu schreiben beziehungsweise der Inhalt, über den ich schreibe? Wie ist es, mit dem Bleistift zu schreiben? Wie mit dem Kugelschreiber?

Was entspricht eher meinen Schreibbedürfnissen und -vorlieben? Es ist klar, dass sich uns nicht immer und überall die perfekten Bedingungen bieten. Doch gerade zu Beginn unserer Schreibpraxis sollten wir gut für uns sorgen, um somit die Freude am Schreiben zu stärken und wachzuhalten.

Zeit und Ort: Wann schreibt man am besten Tagebuch?

Neben Stift und Papier sind auch Schreibort und Schreibzeit entscheidend: Wann kann ich am besten schreiben – morgens oder abends? Brauche ich eine feste Schreibzeit oder komme ich am besten dann schreibend in den Fluss, wenn ich einfach meinem Gefühl nach der stimmigen Uhrzeit folge? Was verändert sich, wenn ich statt im Bett am Küchentisch schreibe? Oder in der Bahn, auf dem Friedhof oder mitten im Wald?

Probiere aus, was für dich stimmig ist, was dich inspiriert und anspricht. Und sei dir bewusst: Dies kann heute etwas anderes sein als in ein paar Wochen. Erlaube daher deiner Schreibpraxis, dass sie sich wandeln darf. Du darfst gespannt bleiben, an welche inneren und äußeren Orte sie dich führen wird.

Expertin: Sabrina Gundert
Sabrina Gundert ist Schreibcoachin, freie Journalistin und Autorin. Ihr Studium der Geographie hat sie die äußere Welt erforschen lassen, das Schreiben die innere...
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