Sprache und Glück: Was die Sprache über Glück verrät

Das eigene Glück ist oft nicht in Worte zu fassen. Trotzdem weiß man, wovon die Rede ist. Man fühlt, dass man glücklich ist. Aber was ist überhaupt Glück?
von Katharina Ludewig
Sprache und Glück© Yuriy Shevtsov - Fotolia.com

Auf der Suche nach der Antwort, was Glück eigentlich ist, kann uns die Sprache weiterhelfen. Auch wenn man manchmal nicht weiß, wie man das eigene Glück ausdrücken soll, bietet die Sprache einige Ansätze, das “Glück” näher zu umfassen und zu beschreiben. Wir haben uns Gedanken darüber macht, was uns die Sprache über das Glück verraten kann.

Was ist Glück?

Dass bei der Antwort auf diese Frage auch die Kultur eine große Rolle spielt, zeigt besonders deutlich der Blick auf die Sprache. Was wir unter Glück verstehen, hängt auch von der Sprache ab.

Das Glück ist kein Privileg einer kleinen Minderheit. Das wusste schon der Philosoph Aristoteles im vierten vorchristlichen Jahrhundert. Jeder Mensch strebe nach Glück, betonte er. Dieses Streben ist jedoch nicht auf ein bestimmtes Ziel gerichtet, sondern orientiert sich an bereits gemachten Glückserfahrungen. So hat man eine Ahnung davon, wie sich Glück anfühlt.

Das Glück liegt also in uns. Vielleicht geraten wir auch aufgrund unserer eigenen Komplexität an unsere sprachlichen Grenzen. „Ich bin sprachlos vor Glück“, heißt es dann. Nach dem Glück gefragt, nennt laut Aristoteles jeder etwas anderes: Wer krank ist, nennt die Gesundheit, wer arm ist, den Reichtum. Das, was uns fehlt oder das Leben schwer macht, führt uns das, was wir zum Glück brauchen, deutlich vor Augen.

Die Tragikomödie „Das Leben ist schön“ von Roberto Benigni veranschaulicht das sehr eindringlich. Der Jude Guido erklärt seinem Sohn, mit dem zusammen er in ein Konzentrationslager deportiert worden ist, auf humorvolle Art den Aufenthalt im Lager als kompliziertes Spiel, dessen Regeln strikt zu befolgen sind, um am Ende einen Panzer zu gewinnen.

Glück haben versus glücklich sein

Wenn vom Glück die Rede ist, erlaubt die deutsche Sprache eine wichtige Unterscheidung: Man kann „Glück haben“, wenn man etwas gewinnt oder bei einem Verkehrsunfall glimpflich davongekommen ist. Man kann aber auch „glücklich sein“ – so wie frisch Verliebte oder ein stolzer Vater. Dann bezeichnet man mit Glück die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben.

Das Deutsche kennt nur das eine Wort, um all das zu benennen, was die besonderen Momente auszeichnet. Im Englischen hingegen ist die Vielfalt größer. Dort ist von „luck“, „happiness“, „felicity“, „bliss“ und „beautitude“ die Rede. Der nächste Verwandte des Wortes Glück heißt „Lücke“. Dies gilt auch für das Englische, denn „luck“ und „lag“ gehören zusammen.

Diese Verbindung lädt dazu ein, sich ein paar Gedanken darüber zumachen, ob das Glück nur mit vorangegangenen Lücken- oder Mangelerfahrungen zu haben ist. Goethe hat der Verbindung von Lücke und Glück in seinem 1795 erschienenen Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ Gestalt verliehen. Wilhelm Meister, dessen Sohn Felix – das lateinische Wort bedeutet glücklich – der klugen Makarie (dieser Name geht auf das Griechische zurück und steht für „die Glückselige“) begegnet, macht immer wieder aufs Neue entsprechende Erfahrungen.

Glück ist steigerbar bis zur Glückseligkeit

Glück scheint allerdings mehr zu sein als nur ein Lückenbüßer. Dies zeigen die Steigerungsmöglichkeiten, die die deutsche Sprache bietet. „Glück haben“ ist weniger als „glücklich sein“, „glückselig sein“ fast schon zu viel des Guten. In den Wendungen „Glück haben“ und „glücklich sein“ taucht das gleiche Wort auf, um zwei unterschiedliche Dinge zu beschreiben. Das Englische („luck“ und „happiness“) und fast alle anderen europäischen Sprachen verwenden hingegen zwei unterschiedliche Worte An der russischen Bedeutung des Glücksbegriffs („scast’e“) lassen sich zusätzlich historische und politische Konturen nachzeichnen.

Die deutsche Redewendung: „Ich habe Glück gehabt“ zum Beispiel wird auf Russisch mit einer Passivkonstruktion des Verbs „vezti“ (etwas mit einem Transportmittel erhalten) übersetzt. Die Möglichkeit, mit der Suchmaschine Google „auf gut Glück“ zu suchen, wird deshalb in der russischen Version mit „Mne povezet“ („Mir wird es gebracht werden“) übersetzt. Mit anderen Worten: Im Russischen ist das Glück eine passive Angelegenheit.

So gibt es dort auch keine Entsprechung zum deutschen Sprichwort: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Die russische Volksweisheit hält das gezielte Verfolgen des Glücks sogar für ein Problem. „Das Glück suchen, heißt vor ihm davonlaufen“, lautet eine Wendung, „Das Glück ist keine Kuh, man kann es nicht melken“, eine andere. Die Beispiele zeigen: Kulturen verändern sich – und mit ihnen auch das, was Menschen unter Glück verstehen.

Katharina Ludewigs Herz schlägt für die Schnittstelle von Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit. Neben ihrer journalistischen Tätigkeit beschäftigt sie sich auch wissenschaftlich mit Massenmedien. Sie ist Mitglied des Autorenpools Wortwexxel.
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