Sexuelle Yoga Rituale: Tantra als Weg zur spirituellen Befreiung

Mehr als Sex - Im Roten Tantra schließen sich weltliches Vergnügen und spirituelle Befreiung keineswegs aus.
Manuel Hirning
von Manuel Hirning
Rotes Tantra: Sexualität und Spiritualität© tverdohlib - Fotolia.com

Dass sexuelle Energie unser Leben bereichert und Freude beschert, würden wohl die meisten unterschreiben. Genau darum geht es im Roten Tantra – und um noch viel mehr: Sexuelle Yoga Techniken und Vereinigungsrituale sollen uns unserer göttlichen Natur näher bringen und zur spirituellen Befreiung führen. Manuel Hirning unterrichtet seit sieben Jahren Tantrisches Kundalini Yoga und seit vier Jahren sexuelles Tantra.

evidero   Lieber Manuel, was ist rotes Tantra?

Manuel Hirning
Manuel Hirning ist der Gründer von Sukha Tantra Yoga und unterrichtet seit 2009 in Indien und Deutschland. Seine Seminare sind bekannt für machtvolle Kundalini-Techniken und für rituelle Elemente aus dem tantrischen Shaktismus.
Der Tantrismus ist eine praxisorientierte philosophische Strömung die ihre Blütezeit zwischen 600 und 1200 n. Chr. hatte. Der Hinduismus Indiens und Nepals sowie der Buddhismus Tibets sind stark vom ihm beeinflusst. Auch der Hatha Yoga und das Chakrasystem haben ihren Ursprung im Tantrismus. Innerhalb dieser philosophischen Strömung gibt es viele unterschiedliche Traditionen, die sich in ihren Praktiken teilweise stark von einander unterscheiden.

Dabei bezeichnet man Übungswege als „Rotes Tantra“, bei denen sexuelle Yogatechniken und Vereinigungsrituale in die spirituelle Praxis integriert werden.

evidero   Was genau ist das Ziel?

Das Ziel im roten Tantra ist Bhukti und Mukti – das heißt weltliches Vergnügen und spirituelle Befreiung. Das schließt sich auf diesem Weg keineswegs aus, sondern wird als sich gegenseitig ergänzend, ja sogar unterstützend betrachtet. Im Tantrismus wird nämlich das in jedem einzelnen von uns gegenwärtige Bewusstsein als das Bewusstsein Gottes angesehen. Daraus folgt, dass wir, wenn wir anderen Menschen und auch uns selbst Vergnügen bereiten, automatisch auch Gott – bzw im tantrischen Shaktismus Devi, der göttlichen Mutter – Vergnügen bereiten.

Ohne eine ganzheitliche spirituelle Entwicklung ist dies natürlich problematisch, da das menschliche Bewusstsein die Tendenz hat, an angenehmen Erfahrungen und Personen anzuhaften, woraus automatisch Leid entsteht – und wenn wir leiden, leidet natürlich auch Devi. Um dieses unnötige Leiden zu vermeiden wird auf dem tantrischen Weg auch Geisteskontrolle und Nichtanhaften kultiviert, so dass das sinnliche Vergügen nicht zu einer Quelle des Leids, sondern zu einer Möglichkeit der intensiven Gotteserfahrung wird.

evidero   Und welche Techniken nutzt man im roten Tantra?

Die meisten Lehrer, die unter dem Begriff rotes Tantra arbeiten, unterrichten in erster Linie Genitalmassagetechniken im Kontext eines hedonistischen Weltbildes. Dies führt natürlich zu sinnlichem Vergnügen und befreit sogar oftmals von sexuellen Blockaden sowie einigen limitierenden Glaubenssätzen. Im Gegensatz zu Mukti ist diese Art von „Befreiung“ allerdings schon vom Ansatz her auf bestimmte Daseinsebenen begrenzt.

Mein Anliegen ist es, traditionelle, tantrische Yogatechniken und Rituale weiterzugeben, die ich in meiner mittlerweile zweiten Heimat Indien erlernt habe. Diese Praktiken führen neben der unmittelbaren Intensivierung der sexuellen Erfahrung auch zu einem tiefgreifenden spirituellen Transformationsprozess.

Bei den Yogatechniken handelt es sich in erster Linie um Bandhas und Mudras. Das sind Energielenkungstechniken, die während der sexuellen Vereinigung eingesetzt werden, um den Energiefluss im eigenen Körper und im gemeinsamen Energiefeld mit dem Partner gezielt zu lenken. Hierdurch kann die sexuelle Erfahrung rasch intensiviert und ein Energieverlust während des Orgasmus verhindert werden.

Die traditionelle Ritualistik schafft zudem einen Rahmen, in dem die sexuelle und spirituelle Ekstase noch weiter verstärkt und auf eine höhere Schwingungsebene gehoben wird, gleichzeitig wird das tantrische Bewusstsein kultiviert.

evidero   Was hat Spiritualität mit Sexualität zu tun?

Im tantrischen Weltbild wird alles Existierende als göttlich, als Manifestation der göttlichen Mutter selbst betrachtet. Dadurch bieten alle Lebensbereiche auch die Möglichkeit der direkten Gotteserfahrung. Wir Tantriker interessieren uns dabei besonders für die beiden elementarsten Erfahrungsfelder des Lebens: Sexualität und Tod.

Zudem ist die sexuelle Energie der Rohstoff aus dem Ojas, also die spirituelle Energie, generiert wird. Das ist auch einer der Gründe für die sexuelle Enthaltsamkeit in manchen Traditionen, und eben auch für die sexuellen Energielenkungstechniken und Rituale im roten Tantra.

evidero   Mit welchen Wünschen oder Bedürfnissen kommen die Menschen in deinen Unterricht?

Die Menschen kommen aus ganz unterschiedlichen Gründen. Manche haben ein allgemeines Interesse an Spiritualität und Bewusstseinserweiterung und wollen daher auch ihre Sexualität bewusster und intensiver leben. Andere haben schon Erfahrung mit Neo-Tantra und wollen nun machtvolle Techniken aus dem traditionellen Tantra erlernen. Es kommen aber auch professionelle Tantramasseure und -Masseurinnen, die mehr über den traditionellen und energetischen Hintergrund ihrer Tätigkeit erfahren wollen, sowie Tantra Lehrer, die sich weiterbilden möchten.

evidero   Mit welchen Sorgen oder Ängsten kommen sie vor ihrer ersten Unterrichtsstunde auf dich zu?

Viele Paare wollen im Vorfeld wissen, ob sie die intimeren Übungen immer gemeinsam durchführen können. Das ist natürlich möglich und wird von einem Großteil der teilnehmenden Paare so gehandhabt.

Singles sind manchmal unsicher, ob sie sich auch als Einzelperson zu einem Seminar mit Partnerübungen anmelden können. Dies ist überhaupt kein Problem und circa die Hälfte der Teilnehmer kommt alleine zum Seminar. Allerdings sollte man sich dann frühzeitig anmelden, da ich bei den Seminaren auf ausgeglichene Geschlechterverhältnisse achte und ich somit die letzten Anmeldungen von Einzelpersonen oft nicht mehr berücksichtigen kann. In letzter Zeit melden sich tendenziell mehr Frauen als Männer an. Die Singles wechseln dann in der Regel von Übung zu Übung den Partner, daher sollten sie auch diesbezüglich Offenheit und Flexibilität mitbringen.

Viele Fragen beziehen sich auch auf den Grad der Nacktheit während eines Seminars und auf die Intimität der Rituale. Dies kommt dann immer ganz auf die Art der Veranstaltung an: In meinem Kundalini Tantra Seminar werden bei allen Übungen bequeme Yogaklamotten getragen und es kommt zu keinerlei intimen Berührungen. Hier nehmen dann beispielsweise auch Personen teil, die in einer monogamen Partnerschaft leben, deren Partner aber zu dem Seminar nicht mitkommen kann oder Paare die tantrische Techniken erlernen, diese aber nur Zuhause auch im sexuellen Kontext einsetzen möchten.

Beim Offenen Tantra Zirkel werden dagegen manche Rituale nackt, oder maximal mit einem Hüfttuch bekleidet, durchgeführt und auch die Partnerübungen haben erotischen Charakter. Beim Fortgeschrittenen Tantra Zirkel wird dann schließlich im Rahmen einer Chakra Puja auch Maithuna – die rituelle Vereinigung – durchgeführt.

evidero   Wie ist so ein Workshop aufgebaut?

Die meisten meiner rottantrischen Seminare bestehen aus einem Wechsel von Theorieeinheiten, Bandha und Mudra Workshops, Partnerübungen und traditionellen Ritualen. In manchen Seminaren führe ich auch durch Yogastunden in denen dann Bija-Mantren und Visualisierungen zur Chakraaktivierung eine zentrale Rolle spielen.

Ein Tantra Ritual© Michael Meissner (www.meisnerio.com)

Beim Offenen Tantra Zirkel geht es dabei vor allem um die direkten Erfahrungen während des Seminars. Gleichzeitig werden aber auch einige grundlegende tantrische Techniken vermittelt, die, wenn sie im Anschluss an das Seminar regelmäßig weiter praktiziert werden, innerhalb weniger Wochen einen Transformationsprozess im Energiekörper und Bewusstsein der Übenden initiieren. Yoga- oder Tantravorerfahrungen sind für die Teilnahme an diesem Seminar nicht notwendig.

Beim Kundalini Tantra Seminar steht dagegen das detaillierte Vermitteln von machtvollen Techniken, sozusagen eines kompletten tantrischen Starterkits, im Vordergrund. Erste Erfahrungen mit Yoga setze ich bei diesem Seminar voraus, Erfahrungsmäßigen sind nicht notwendig.

Beim Fortgeschrittenen Tantra Zirkel steht ein traditionelles Vereinigungsritual im Mittelpunkt. Aufgrund der Erfahrungsintensität und des notwendigen Vorwissens lasse ich hier nur Teilnehmer zu, die bereits bei mindestens einem Offenen Tantra Zirkel oder Kundalini Tantra Seminar mit dabei waren. Beim Fortgeschrittenen Tantra Zirkel gehe ich auf die Grundlagen der tantrischen Energiearbeit nur noch in Form von Frage-Antwort Sessions ein.

evidero   Gibt es Teilnehmer, die den Unterricht vorzeitig verlassen?

Wenn ich mich recht erinnere, ist das bisher nur einmal vorgekommen. Damals ist ein Pärchen aufgrund eines Beziehungskonflikts bereits vor der Abschlussrunde abgereist.

evidero   Wem kann rotes Tantra am meisten helfen – und wobei?

Durch den Besuch eines Seminars und das anschließende Praktizieren der erlernten Techniken kann quasi jeder seine Sexualität und damit gegebenenfalls auch seine Beziehung zu einem Raum für intensive energetische und spirituelle Erfahrungen werden lassen. Die energetische Anziehung zwischen den Partnern nimmt massiv zu und auch nach langjährigen Partnerschaften wird das Liebesleben wieder zu einer Quelle von Energie und Intensität.

Auch Menschen mit sexuellen Blockaden oder geringer Libido können durch die erlernten Techniken ein starkes Feuer auf den unteren Chakren entfachen. So haben viele Frauen durch das Rote Tantra Orgasmusschwierigkeiten überwunden. Für Männer, die zu einer frühzeitigen Ejakulation neigen, sind dagegen die Techniken der Ejakulationskontrolle von besonders großem Nutzen.

Besonders spannend ist das rote Tantra natürlich auch für Menschen, die sich bereits auf andere Weise mit Energiearbeit auseinandersetzen, da sie sich hier eine neue, sehr machtvolle Energiequelle erschließen können. Zum Beispiel bilden sich auch viele Yogalehrer durch meine rottantrischen Seminare weiter.

evidero   Wie bist du persönlich zu rotem Tantra gekommen?

Als ich Anfang 20 meine ersten Erfahrungen mit Meditation und Yoga machte, bemerkte ich einen subtilen Zusammenhang zwischen meiner sexuellen Energie und meiner spirituellen Praxis. So begann ich, mich für Tantra zu interessieren. Aber erst, als ich nach meiner ersten Yogalehrerausbildung nach Indien reiste, um noch tiefer in die Praxis einzutauchen, begann ich die Tragweite dieses Zusammenhangs zu verstehen.

So hat ein Yogi vereinfacht gesagt nur zwei Möglichkeiten, wie er ein hohes Maß an Lebenskraft und spiritueller Energie aufbauen kann; entweder er lebt enthaltsam, oder aber er lenkt die Energie, die während der sexuellen Vereinigung aktiviert wird, auf seine höheren Chakren um, anstatt sie während der Ejakulation verpuffen zu lassen.

Da ich mit dem asketischen Konzept der Enthaltsamkeit nicht resonierte, erlernte ich von tantrischen Yogis die erforderlichen sexuellen Energielenkungstechniken. Nach wie vor bin ich tief beeindruckt von der unglaublich starken Wirkung; im Hatha Yoga, beim Pranayama und in der Meditation pulsieren meine Zellen seither meist vor Energie. Auch im Alltag ist die Wirkung massiv; ich habe mehr Energie in allen Lebensbereichen und ein deutlich geringeres Schlafbedürfnis, außerdem ist mein Sexualleben noch viel erfüllender geworden.

Von da an bin ich immer tiefer in den Tantrismus eingetaucht. Ich bin fasziniert von den geheimnisvollen Tempeln, von der Poesie und Tiefe der Schriften und vom vielschichtige Weltbild, das sich in den komplexen tantrischen Ritualen widerspiegelt. Das entscheidende für mich ist jedoch die Freude an der eigenen Praxis. Dabei sind die sexuellen Praktiken auf diesem ganzheitlichen, mystischen Weg nur ein Teilaspekt – allerdings ein besonders machtvoller.

Seit einigen Jahren unterrichte ich nun selbst und es erfreut mich immer wieder aufs Neue, mein Wissen und meine Erfahrung mit so vielen Menschen teilen zu können.

evidero   Wie gestaltest du deine eigene tantrische Praxis?

Meine tägliche Praxis besteht hauptsächlich aus Mantrameditation und Nyasa-Ritualen. Nyasa-Rituale sind Rituale, bei denen Mantras auf bestimmte Stellen des eigenen Körpers oder des Körpers eines Partners gelegt werden. Auch Mudras, in diesem Fall Handhaltungen mit bestimmter energetischer und psychischer Wirkung, spielen dabei eine wichtige Rolle. Solche Nyasa-Rituale stärken das Bewusstsein für die eigene Göttlichkeit und damit auch für die Göttlichkeit aller anderen Wesen. Außerdem arbeite ich mit Kundalinitechniken im sexuellen Kontext und auf der Yogamatte.

Ergänzt wird meine regelmäßige Praxis durch sexuelle Pujas (Verehrungsrituale) und Homas. Homas sind Feuerrituale die ich für bestimmte tantrische Gottheiten durchführe, um hierdurch vorübergehend Fähigkeiten zu verstärken, die ich in der entsprechenden Lebensituation gerade als besonders hilfreich erachte.

evidero   Nimmst du selber noch Tantra Unterricht?

Ich habe in letzter Zeit keinen klassischen Unterricht mehr genommen sondern tausche mich mit anderen Tantrikern aus und lese in den Schriften.

evidero   Wer sind deine größten Inspirationen im Bereich des Tantrismus?

Eine große Inspiration für mich ist der 2015 verstorbene Tantra-Meister Amritaji. Die Zeit die ich mit diesem selbstverwirklichten Meister verbringen durfte hat mein Leben tiefgreifend verändert. Er hat mich auch gelehrt, dass man nicht mehr auf die körperliche Anwesenheit eines Lehrers angewiesen ist, wenn man dessen Prinzip verstanden hat. Durch die Kraft eines Mantras verbinde ich mich noch immer jeden Tag mit ihm.

Die größte Inspiration für mich ist jedoch die göttliche Mutter selbst. Durch ihre unendlich vielen Gesichter zeigt sie mir meine Begrenzungen auf und wenn ich achtsam bin auch die Möglichkeiten diese zu transzendieren. Dabei kann das, was sie mir in Form eines weinenden Kindes, einer schlecht gelaunten Partnerin oder eines begnadeten Künstlers spiegelt, genau so lehrreich sein wie das, was sie mir mit der Stimme eines befreiten Tantra-Meisters sagt.

evidero   Was bedeutet rotes Tantra für dich persönlich und für deinen Lebensweg?

Soweit ich mich zurückentsinnen kann, habe ich die Welt schon immer durch die Augen eines Tantrikers betrachtet. Die Faszination für das Spiel der Elemente sowie der tiefe Wunsch nach Freiheit, Intensität und Ekstase haben mein Leben geprägt, lange bevor ich das erste Mal nach Indien kam. Durch meine Lehrer habe ich dann gelernt diese Qualitäten in meinem Leben systematisch weiter zu verstärken. Vor allem habe ich von ihnen jedoch gelernt wie ich meinen Geist mitten in diesem Tanz von Energie und Bewusstsein nach und nach ruhiger werden lassen kann.

evidero   Was sind deine Wünsche und Ziele für die Zukunft?

Seit einigen Jahren verbringe ich das Winterhalbjahr in Indien und unterrichte während des Sommerhalbjahrs in Deutschland. Damit bin ich momentan sehr glücklich. Alles weitere überlasse ich Devi.

evidero   Was glaubst du, wohin wird sich rotes Tantra entwickeln – in Deutschland? Weltweit?

In der westlich Welt nimmt das Interesse an ganzheitlicher Persönlichkeitsentwicklung, fernöstlicher Spiritualität und Yoga seit über 20 Jahren stark zu. Dadurch werden natürlich auch immer mehr Menschen ein ernsthaftes Interesse am roten Tantra entwickeln. Und das rote Tantra hat einer Gesellschaft in der sich die Sexualität in einem Spannungsfeld zwischen christlich geprägter Prüderie und kommerzieller Sexualisierung befindet sehr viele Schätze zu bieten.

Dagegen werden die rottantrische Praktiken in ihren Ursprungsländern Indien, Nepal und Tibet auch in Zukunft nur im Verborgenen durchgeführt und weitergegeben werden.

evidero   Bitte beende den Satz: Rotes Tantra ist…

Einer von vielen Wegen in die Freiheit, aber ein besonders lebensnaher und vor allem freudvoller!


Manuel Hirning
Manuel Hirning ist der Gründer von Sukha Tantra Yoga und unterrichtet seit 2009 in Indien und Deutschland. Seine Seminare sind bekannt für machtvolle Kundalini-Techniken und für rituelle Elemente aus dem tantrischen Shaktismus.

Buchtipp
Hier findet ihr mehr zum Thema Tantra