Rüdiger May über Selbstvertrauen: Ein Pokerface für mehr Selbstvertrauen

Selbstvertrauen ist nicht nur im Boxsport wichtig, sondern auch im Alltag. Ex-Profi-Boxer Rüdiger May erklärt uns, wie das eine das andere beeinflussen kann.
von Rüdiger May
Glaub an dich selbst!03-24-11 © Игорь Гончаренко

An sich selbst zu glauben ist manchmal gar nicht so einfach. Aber notwendig! Die richtige Portion Selbstvertrauen bringt einen im Leben auf jeden Fall weiter, solange sie nicht zur Selbstüberschätzung wird. Ex-Profi-Boxer Rüdiger May berichtet von Selbstvertrauen im Boxsport und darüber hinaus.

Die richtige Ausstrahlung zu haben ist im Box-Ring elementar wichtig. Ohne Selbstvertrauen zu boxen kann ganz schön ungesund werden. Schon in den ersten Sekunden einer Runde kann man den Gegner durch das eigene Auftreten beeinflussen. Ich habe das immer schnell gemerkt wenn es geklappt hat und ich wusste: ein guter Anfang! Da geht man gleich mit mehr Selbstvertrauen in den Kampf.

Selbstbewusstsein ist wichtig für alle Lebensbereiche

Ich habe schon als Kind geboxt und gemerkt, dass ich selbstbewusst war, was körperliche Dinge betrifft. Ob das im Vergleich zu anderen Kindern mehr war, kann ich natürlich nicht sagen. Aber es ist gut zu wissen: Hier kann ich bestehen, hier kann mir nichts passieren.

Letztlich kann das dann auch auf andere Lebensbereiche übertragen werden, aber das Bewusstsein dafür muss erst wachsen, genau wie die Reflektion darüber. Was ich bin hat Auswirkungen aufs Boxen und andersherum. Man bringt seine Persönlichkeit mit hinein in den Kampf und kann Techniken aus ihm heraus ins generelle Leben übertragen. Für mich war das zum Beispiel der Umgang mit Stress. Wenn man einmal einen Ablauf aus dem Boxkampf ins Leben transferiert, dann kann einem das in Zukunft unheimlich helfen.

Selbstvertrauen nach außen zeigen

Ein bisschen hat das auch etwas damit zu tun, wie man sich nach außen präsentiert. Wenn es mit dem Selbstvertrauen noch hapert, muss man lernen, nach außen selbstbewusster zu wirken, als man sich wirklich fühlt.

Wenn man hart getroffen wurde, aber nicht zu Boden gehen möchte, muss man zeigen, dass man nicht anfällig ist. Dass man nicht geschockt ist und weitermachen wird und das kann dann wiederum den Gegner beeinflussen. Das muss man trainieren, aber natürlich funktioniert es auch nur bis zu einem gewissen Punkt, an dem man so kaputt ist, dass man es nicht mehr verbergen kann.

Wichtig ist hier auch, ein gutes Pokerface aufsetzen zu können. Etwa auf Pressekonferenzen oder vor einem Kampf, wenn es darum geht, sich selbst zu präsentieren. Auf eine solche Situation kann man sich vorbereiten, die ist nicht spontan, und da bekommt man dann auch selten die wahre Person zu sehen. Das ist dann viel mehr Show und Inszenierung als eine Aussage über die wahren Kräfteverhältnisse.

Im Grunde gilt das nicht nur fürs Boxen. Wenn man seinen eigenen Erfolg und sein Können gut reflektiert, kann man ganz anders auftreten und insgesamt selbstbewusster werden. Es ist allerdings ein schmaler Grat zwischen Selbstvertrauen und Selbstüberschätzung. Niemand hat gar nichts drauf, aber es gibt auch niemanden, der unbesiegbar ist.

Ich vergleiche das mal mit den Gegnern beim Boxen: Für jeden gibt es die richtige Taktik, aber bei zig Milliarden Menschen auf der Welt gibt es irgendwo jemanden, der dich besiegen  kann. Wenn man sich dessen bewusst bleibt, überschätzt man sich auch nicht. Außerhalb des Boxsports ist das noch intensiver. Da zählt im Prinzip die ganze Masse, denn jeder Mensch kann in irgendeinem Bereich besser sein und einen herausfordern. Einem sehr viel besseren Boxer über den Weg zu laufen ist dann doch noch ein bisschen unwahrscheinlicher.

Aufgezeichnet von: Manuela Hartung und Marc Saha

Experte: Rüdiger May
Rüdiger May (Jahrgang 1974) macht Sport seit er denken kann. Als Zehnjähriger bestritt er seinen ersten Box-Kampf, mit 19 Jahren wurde er Profi-Boxer...