Rüdiger May über Reaktionsfähigkeit: Was Boxen mich über vorausschauendes Denken gelehrt hat

In vielen Situationen braucht man ein gutes Reaktionsvermögen, im Straßenverkehr, im Alltag, im Boxring. Dafür ist es hilfreich, im Voraus zu planen.
von Rüdiger May
Da ist schnelles Reagieren gefragt!03-28-13 © Daniel Pintaric

Im Boxring muss man schnell reagieren können, um einen Kampf zu gewinnen. Und auch im Alltag ist unsere Reaktionsfähigkeit oft gefragt. Ex-Box-Profi und evidero-Experte Rüdiger May erklärt, wie beides zusammenhängt.

Unsere Reaktionsfähigkeit beginnt im Kopf. Um schnell zu sein und gut reagieren zu können, müssen wir versuchen, Aktionen und Bewegungsabläufe vorauszusehen. Das ist wichtig bei den eigenen Aktionen, aber auch bei denen des Gegners.

Der Trick ist es, Bewegungsmuster und Verhaltensmuster zu erkennen. Erst, wenn ich das kann, bin ich in der Lage  entsprechend zu reagieren. Natürlich ist es nicht gerade einfach, auf etwas zu reagieren, das völlig unverhofft kommt und ohne Vorberechnung auf einen einstürmt. Umso wichtiger ist, dass ich wenigstens halbwegs auf das gefasst bin, was kommen kann. Wie agiert mein Gegner, wie pariert er meine Schläge, wie geht er mit meinen Ausweichmanövern um? Wenn ich das erkannt habe, bin ich wirklich vorbereitet.

Reaktion beginnt bei der Wahrnehmung

Wir Menschen haben alle ein bestimmtes Wahrnehmungsvermögen. Werde ich zum Beispiel attackiert, dann hat mein Gehirn den “Job”, einen bestimmten Muskel anzusteuern, damit dieser sich bewegt und auf den Reiz reagiert. Auf dem Weg vom Gehirn zum Muskel darf keine Information verloren gehen und das Ganze sollte natürlich möglichst schnell funktionieren.

Das geht aber nur, wenn meine Muskulatur locker ist. Wenn der Muskel schon angespannt ist, also eine Vorspannung hat, dann fehlt mir die Kraft für die Bewegung, die ich durchführen will.  Das ist natürlich ein Problem, denn alleine durch das aufrechte Stehen beim Boxen sind ja schon Muskeln angespannt.

Als Trainer weise ich meine Boxer deshalb an, sich auf den Bauch zu legen und die Arme in Schulterhöhe anzuheben. Auf mein Signal müssen sie sich dann vom Boden abdrücken, so dass der Oberkörper ein kleines Stück angehoben wird. Die Muskulatur wird nur dann angespannt, wenn das Signal und damit der Bewegungsablauf kommt. Das verkürzt die Zeit, die der Impuls vom Gehirn zum Muskel braucht. Besser kann man seine Reaktionsfähigkeit eigentlich gar nicht trainieren.

Im Voraus planen, um schnell zu reagieren

Ein gutes Reaktionsvermögen nützt natürlich auch im Alltag. Ich merke bei mir zum Beispiel, dass ich Gegenstände besser fangen oder ihnen ausweichen kann. Und auch als Autofahrer ist eine gute Reaktion mehr als hilfreich.

Aber es geht auch darum, vorausschauend zu denken. Das ist wie beim Schach, bei dem ein guter Spieler drei Züge im Voraus plant, ein Profispieler sogar fünf oder mehr. Ich habe gemerkt, dass ich immer besser argumentieren konnte, je mehr ich meine Reaktionsfähigkeit verbessert habe. Ich bin schlagfertiger geworden, denn wenn ich ein Argument angebracht habe, habe ich mir schon ausgerechnet, was als Gegenargument folgen könnte und war darauf vorbereitet.

Das mache ich auch gar nicht bewusst, das läuft schon automatisch. Wenn ich in einer Diskussion bin, passiert es meist, dass ich, noch während ich meine Argumente vortrage, gleichzeitig überlege was der andere darauf erwidern wird. So hat meine Reaktionsfähigkeit im Boxring mir auch meinen Alltag erleichtert.

Aufgezeichnet von Manuela Hartung und Marc Saha

Experte: Rüdiger May
Rüdiger May (Jahrgang 1974) macht Sport seit er denken kann. Als Zehnjähriger bestritt er seinen ersten Box-Kampf, mit 19 Jahren wurde er Profi-Boxer...