Rüdiger May über Niederlagen: Lerne, Tiefschläge im Leben positiv zu nutzen

Auch aus Niederlagen kann man lernen. Was und wie, verrät evidero-Box-Experte Rüdiger May.
von Rüdiger May
Niederlagen machen starkFoto: 10-29-06 @ elkor

Zum Leben gehören auch Niederlagen. Im Sport, im Job, im Alltag. Sie sind nicht schön, aber man kann sie nutzen. evidero-Box-Experte Rüdiger May kümmert sich im dritten Teil der Serie „Vom Boxer lernen“ genau darum:

Wenn ich Boxkämpfe verloren habe, was auch in meiner Karriere vorgekommen ist, dann war ich oft im wahrsten Sinne des Wortes „am Boden“. Ich war dann zu Boden gegangen, vom Gegner niedergestreckt, vor Publikum, manchmal wurde das live im Fernsehen übertragen. Damit klar zu kommen, das braucht eine Weile.

Wenn es nur ein Schlag war, der mich ins Wanken gebracht hat, dann war mein erster Reflex: nicht unbedacht zurück schlagen, sondern gut überlegt attackieren. Vielleicht konnte ich den Kampf ja noch drehen und am Ende triumphieren. Deswegen war ein klarer Kopf extrem wichtig.

Beim Scheitern nicht zu sehr grübeln

Bei verlorenen Fights ist das natürlich anders. Ich habe mir dann vorgenommen, weder besonders oft oder gar nicht an die Niederlage zu denken. Ganz automatisch sind dann Flashbacks gekommen, meist ziemlich unerwartet, manchmal in Situationen, in denen es gerade um mich herum vollkommen ruhig war.

Ich habe dann nie versucht, den Gedanken zu verdrängen. Die Niederlage ist nun einmal da und nicht ungeschehen zu machen. Schließlich bin ich dafür selber verantwortlich, zumindest mitverantwortlich. Das habe ich dann so schnell wie möglich akzeptiert, auch wenn so etwas nicht leicht ist, weil verlieren weh tut.

Ich habe mich damit so arrangiert — wie mit einem unfreundlichen Nachbarn. Über den kann ich mich Tag für Tag aufs Neue ärgern — oder hinnehmen, dass es ihn gibt, auch wenn er nie mein bester Freund werden wird.

Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten

Nach Niederlagen bin ich zeitnah wieder ins Training eingestiegen und habe mich nicht vom Selbstmitleid zerfressen lassen. Im Frühjahr 2008, am Tag nach meinem letzten Profi-Fight, den ich gegen Herbie Hide verloren habe, bin ich wieder als Trainer am Ring gewesen, mit allen Kampf-Wunden, und habe mich nicht versteckt.

Das Signal sollte sein: „Ich bin wieder da“. Es ist wie nach einem Auto-Unfall, da ist es auch am besten, so schnell wie möglich wieder hinters Steuer zu kommen und zu fahren und nicht zu viel vermeintliche Schonzeit verstreichen zu lassen. Mich machen solche Leerlauf-Phasen sowieso unruhig, ich wollte als Profi immer schnellstmöglich zurück in den Ring.

Verlieren schmerzt, doch das geht vorbei

Oft heißt es, man kann auch aus Niederlagen lernen. Das stimmt zwar; trotzdem hätte ich gerne auf die meisten verlorenen Fights verzichtet.

Meine Persönlichkeit hätte ich auch auf anderen Wegen stärken können. Im Nachhinein habe sie aber schon genutzt, um zu analysieren, wo genau ich von der Siegerstraße abgekommen bin. Verlieren verursacht Schmerzen, wie sie auch beim Zahnarztbesuch passieren können. Und das kennt jeder, die gehen vorbei.

Aufgezeichnet von Marc Saha

Experte: Rüdiger May
Rüdiger May (Jahrgang 1974) macht Sport seit er denken kann. Als Zehnjähriger bestritt er seinen ersten Box-Kampf, mit 19 Jahren wurde er Profi-Boxer...