Rüdiger May über Beweglichkeit: Wieso Beweglichkeit wichtig ist

Ein letztes Mal berichtet Rüdiger May von den Erfahrungen, die er als Boxer in den Alltag übertragen konnte. Dieses Mal geht es um Beweglichkeit.
von Rüdiger May
Dafür muss man gelenkig sein© Dmitry Sunagatov - Fotolia.com

Musstest du schon einmal einem fliegenden Gegenstand ausweichen? Kannst du mit den Fingern deine Zehen erreichen, ohne die Knie zu beugen? Kannst du Limbo tanzen? All dies hat mit Beweglichkeit zu tun. Der ehemalige Box-Profi Rüdiger May spricht über Beweglichkeit im Boxen und wie man diese auch im Alltag nutzen kann.

Von einem Boxer nimmt man allgemein an, dass er beweglich sein muss. Wenn man einem Boxkampf zusieht, ist da manchmal sehr viel Bewegung, als Außenstehender kann man vielleicht auch nicht jeder Bewegung folgen.

Und tatsächlich ist es eine gute Voraussetzung, beweglich zu sein. Man wird ein schwer zu treffendes Ziel, wenn man schnell ausweichen kann, das erklärt sich eigentlich von selbst. Letztlich hängt es jedoch vom jeweiligen Stil des Boxers ab: Boxer, die eher mit Technik arbeiten, müssen sehr beweglich sein. Sie müssen vielleicht geringere Kraft oder Körpergröße damit ausgleichen.

Wer jedoch eher athletisch auf Kraft ausgerichtet ist, muss weniger in Bewegung bleiben und kann stattdessen darauf vertrauen, dass er auch im Stand gut austeilen und einstecken kann. Voraussetzung für Beweglichkeit ist eine lockere Muskulatur. Man darf nur die Muskulatur einsetzen, die man auch wirklich braucht.

Das heißt also, wer mit dem Schultergürtel arbeitet, braucht die Oberschenkel nicht sonderlich anzuspannen. So bleibt man beweglich und flexibel und kann auch schneller auf eine Situation reagieren. Wenn man aber nun eher auf Beweglichkeit, als auf Kraft setzen möchte, sollte man versuchen, diese auszubauen.

Den Körper mobilisieren

Beim Boxen ist es nützlich, wenn der Oberkörper beweglich ist und das trainiere ich auch besonders mit meinen Boxern. Dazu muss der ganze Rumpf mobilisiert werden. Zuerst starten wir da im Liegen: die Arme werden waagerecht gehalten und die Beine diagonal angezogen, das linke Bein zum rechten Arm und umgekehrt. Danach werden die Beine angewinkelt, dass die Knie zur Decke zeigen, die Arme wieder waagerecht, und dann kommt die linke Hand auf die rechte, sodass der Oberkörper sich dabei dreht.

Der nächste Schritt ist dann, auf dem Medizinball die Balance zu halten, während man nur den Oberkörper bewegt und von dort in den Stand zu kommen, damit man einen sicheren Stand hat. Wenn man dann einen sicheren Stand hat und den Oberkörper bewegen kann, wird das kombiniert, bis schließlich auch Schläge möglich sind. So kommt der Oberkörper in Bewegung, während der Rest des Körpers in einem stabilen Stand bleibt, eine gute Ausgangslage zum Boxen.

Beweglichkeit nutzt auch im Alltag

In vielen Situationen im Alltag kann einem eine gute Beweglichkeit nutzen. Ich merke das bei mir, wenn etwa ein Gegenstand auf mich zugeflogen kommt, dann ist sofort meine Hand dazwischen. Oder wenn jemand in der Stadt eine Leiter oder Glasscheibe trägt und nicht aufpasst und ich ausweichen muss.

Das kann einem überall passieren, auch wenn man ausrutscht und das Gleichgewicht wiederfinden muss oder wenn man schnell an einen Ort gelangen will und Hindernisse überwinden muss, zum Beispiel wenn man zur Bahn rennt. Da merkt man natürlich, dass Beweglichkeit auch mit dem Reaktionsvermögen zusammenhängt, zumindest in Gefahrensituationen.

Eine gute Beweglichkeit nützt mir nichts, ohne dass ich schnell reagiere und wenn ich zwar schnell reagieren kann, aber total unbeweglich bin, trifft mich der Golfball trotz meines Reaktionsvermögens am Kopf. Letztlich ist der Körper immer eine Einheit und ohne das eine funktioniert das andere nicht. Deswegen darf man auch nicht nur eine einzige Eigenschaft trainieren, sondern muss die Ganzheit betrachten und fördern.

Erst dann kann man sich im Alltag — und im Boxen — wirklich verbessern.

Aufgezeichnet von Marc Saha und Manuela Hartung

Experte: Rüdiger May
Rüdiger May (Jahrgang 1974) macht Sport seit er denken kann. Als Zehnjähriger bestritt er seinen ersten Box-Kampf, mit 19 Jahren wurde er Profi-Boxer...