Rüdiger May über Balance: Die richtige Balance finden

Heute geht es in unserem Blog “Vom Boxer lernen” um die richtige Balance im Ring, im Beruf und im Privaten.
von Rüdiger May
Die richtige Balance findenFoto: 05-19-06 @ Michael Fuller

evidero-Experte und Ex-Box-Profi Rüdiger May schreibt regelmäßig über seine Erfahrungen als Leistungssportler. Seine vielen Erfahrungen im Ring sind auch im Alltag Gold wert. Heute geht es um die richtige Balance.

Ohne Gleichgewicht geht es nicht. Wer im Box-Ring nicht ausbalanciert ist, wird schnell vom Gegner hin und her geschubst. Und das hat nicht nur damit zu tun, wie man steht oder sich bewegt.

Die innere Balance in uns zieht die äußere Balance nach sich. Wenn der Kopf nicht ausbalanciert ist, dann sind es die Beine auch nicht. Balance heißt ja letztendlich, dass es einen Ausgleich gibt zwischen kippen und stehen. Das ist eigentlich essentiell wichtig fürs Training. Man muss aufpassen, dass man nicht zu wenig oder zu viel macht, dass man nicht zu wenig oder zu viel will.

Was bringt uns aus der Balance?

Es geht ja schnell, dass einem etwas auf den Magen schlägt und durcheinander bringt — emotionale Ereignisse, sowohl im Privatleben, im Job oder im Alltag. Manchmal reicht auch ein fieser Schnupfen oder starker Husten, um den Rhythmus durcheinander zu bringen. In meiner aktiven Zeit als Profi-Boxer waren verletzungsbedingte Pausen immer schlecht, weil sie meine Balance gestört haben.

So ein Ungleichgewicht fühlt sich wie Chaos im Kopf an — man verliert den Fokus, den man sich vorgenommen hat, man schweift ab und merkt, dass das, was man sich vorgenommen hat, nicht gelingt. Das sind dann also die Alarmsignale, bei denen man sagt: „OK, jetzt fang’ an dich zu konzentrieren, mache eins nach dem anderen und fang’ an, daran du arbeiten.“  Doch in so einer wirklich extrem angespannten Situation ist es nicht einfach, sich die Zeit zu nehmen und zu versuchen, sich wieder auszubalancieren.

Zurück ins Gleichgewicht finden

Als Trainer kann ich schnell erkennen, ob jemand im Gleichgewicht ist oder nicht. Wenn der Kopf langsam von rot zu blau verfärbt, dann ist das ein ziemlich deutliches Zeichen, dass einer gerade überzieht oder wenn die Gesichtszüge zu verbissen sind, wenn die sich nicht mehr entspannen zwischendurch.

Wenn es keinen Wechsel mehr gibt zwischen Anspannung und Entspannung, dann kann man schon davon ausgehen, dass da irgendwas im Kopf hängt, was da gerade blockiert.

Ich habe festgestellt, dass das Training immer geholfen hat, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Ich bin dann gefordert, habe Aufgaben vor mir und meine Gedanken beschäftigen sich mit dem, was ich gerade mache. Oft reichte es schon, mich in eine Gemütslage hineinzuversetzen, die ich hatte, als etwas gut gelungen war. Dieses Gefühl habe ich dann reaktiviert — und schnell konnte ich dann wieder freier atmen.

Und, es klingt etwas komisch in einem solch technisch komplexen Sport, aber ich habe einfach das Tempo raus genommen. Wenn ich aus der Balance war, der Treffer nicht so saß, habe ich das gespürt: In der Faust oder am Klang. Und wenn ich gemerkt habe, dass etwas nicht so ist wie es sollte, hab ich einfach das Tempo verringert, ich habe mich langsamer bewegt, denn der Grundsatz lautet: Was du schnell können willst, musst du langsam beherrschen.

Häufig war es so, dass ich dann nach einem Training wieder ausbalanciert war und das dann auch ins Private mitgenommen habe. Davon haben dann alle profitiert.

Aufgezeichnet von Marc Saha

Experte: Rüdiger May
Rüdiger May (Jahrgang 1974) macht Sport seit er denken kann. Als Zehnjähriger bestritt er seinen ersten Box-Kampf, mit 19 Jahren wurde er Profi-Boxer...