Auf schwierige Situationen vorbereiten: Situationen simulieren ist das beste Training

Im ersten Teil unserer Reihe "Vom Boxer lernen" geht es darum, Situationen zu simulieren, um sich darauf gut vorzubereiten.
von Rüdiger May
© Pixaby

Hier verrät der Ex-Profiboxer Rüdiger May, was wir alle von Boxern lernen können. Im ersten Teil dreht sich alles um die Frage: Wie kann man sich auf Situationen am besten vorbereiten? Klar, indem man sie vorher gedanklich durchspielt. Und so geht’s.

Wir Boxer geben uns im Ring manchmal anders, als wir es wirklich sind. Einige stellen sich aggressiver dar, auch wenn das nicht ihrem Naturell entspricht. Wenn ein Boxer, etwa durch Video-Studium, weiß, dass sein Gegner auf aggressives Verhalten eingeschüchtert reagiert und zu Fehlern neigt, dann wird er seinen Gegner aggressiv angehen.

Dabei ist es egal, ob das seinem Charakter entspricht oder nicht. Es geht um Taktik. Sich den Gegebenheiten anzupassen. Und davon können auch Nichtboxer profitieren, in beruflichen wie in privaten Situationen. Trainer haben mich bei Sparrings oft so gecoacht, dass sie auch eine bestimmte Ausstrahlung von mir verlangt haben. Diese Erfahrung aus dem „eins gegen eins“ im Wettbewerb konnte ich gut in anderen Lebens-Situationen einsetzen, die überhaupt nichts mit Boxen zu tun hatten.

Mentales Training als Vorbereitung für Herausforderungen

Wir Boxer beziehen unser Selbstbewusstsein aus unseren Kampferfahrungen. Mentaltraining ist ein wichtiger Bestandteil des Boxens. Nicht nur vor dem Kampf, also dem Ernstfall. Ich habe gelernt, dass es nichts bringt, einer unangenehmen Situation auszuweichen. Ich habe mich immer wieder mit Extremsituationen gedanklich auseinander gesetzt. Habe immer wieder im Kopf durchgespielt, wo es brenzlig werden kann. Das habe ich nur mental geübt, sondern auch im Ring.

Vor Wettkämpfen habe ich zum Üben Gegner gesucht, die meinem nächsten Gegner in seinem Kampf-Stil ähneln. Da habe ich dann beim Boxen gegen das Double schnell festgestellt, wo ich Defizite habe. Und deswegen habe ich diese Kämpfe (sowohl mental als auch im Sparring mit dem Übungsgegner) immer wieder durchgespielt. So oft es ging. Daraus habe ich Stärke geschöpft. Diese Simulation kann ich für alle möglichen Lebensbereiche empfehlen.

Tipps für schwierige Gespräche und andere Situationen

  • Lasst Situationen, die euch beschäftigen (zum Beispiel ein unangenehmes Gespräch mit dem Chef, Nachbarn oder Partner) nicht einfach auf euch zukommen
  • Schiebt sie nicht gedanklich beiseite, bis sie dann eintreffen und euch überrennen
  • Geht so tief wie möglich in die Situation hinein, mit einem Sparringpartner, wie wir Boxer es auch machen
  • Sucht euch jemanden, der in diesen Übungen denjenigen spielt, mit dem ihr dann tatsächlich zu tun habt
  • Trainiert alles: Was ihr sagen wollt, wie ihr es sagen wollt, Gestik, Mimik. Mir hat das bisher meistens geholfen

Aufgezeichnet von Marc Saha

Experte: Rüdiger May
Rüdiger May (Jahrgang 1974) macht Sport seit er denken kann. Als Zehnjähriger bestritt er seinen ersten Box-Kampf, mit 19 Jahren wurde er Profi-Boxer...