Konfliktmanagement-Tipps: Konflikte konstruktiv lösen

evidero-Reihe „Vom Boxer lernen", Teil 2: Dieses Mal erklärt Ex-Box-Profi Rüdiger May, wie man Konflikte besteht. Nämlich, indem man sich klare Ziele setzt.
von Rüdiger May
BoxerutensilienFoto: Stefan Ostler

evidero-Experte Rüdiger May ist nicht nur ehemaliger Box-Profi, er gibt sein Wissen auch weiter. Nicht nur als Trainer im Boxring, sondern auch im Alltag. In Teil 1 der evidero-Serie „Vom Boxer lernen”  hat Rüdiger empfohlen, Konfliktsituationen vorher durchzuspielen. Nun rät er, zielgerichtet an Auseinandersetzungen heranzugehen:

Das Kern-Geschäft des Boxens ist der Kampf im Ring. Zwei Kämpfer stehen sich gegenüber, beobachten sich, fighten miteinander. Jeder will gewinnen. So eine “Eins gegen Eins”-Situation erleben wir auch ständig im Alltag: im Job, im Straßenverkehr, in der Partnerschaft. Manche dieser Konflikte zeichnen sich ab, sie können wir immer wieder üben. Andere geschehen spontan.

Ein Beispiel: Sie sind mit dem Auto in der Stadt unterwegs und wollen shoppen gehen. Endlich entdecken Sie eine leere Park-Lücke, da schnappt sie Ihnen ein anderer Autofahrer in letzter Sekunde weg. Sie sind sauer und wollen den Park-Lücken-Dieb zur Rede stellen.

Konflikte durch die richtigen Ziele lösen

Bei mir mit meiner Körpergröße von 1,97 durchtrainierten Metern reicht es dann oft, sich voller Körperspannung vor dem Anderen aufzubauen — ohne drohende Gesten oder Worte. Grundsätzlich bin ich sehr froh, dass ich außerhalb des Boxrings noch nie meine Fäuste einsetzen musste. Auch in Situationen, die brenzlig waren. Die habe ich immer verbal gelöst.

Es ist auch nicht das Körperliche, das ich aus dem Ring ins Leben mitgenommen habe. Also nicht die Muskelkraft, die hilft, sondern das Gefühl der Stärke. Und vor allem die taktischen Werkzeuge aus dem Box-Training. Natürlich könnte ich auf den Park-Lücken-Dieb sofort wütend ohne Punkt und Komma einreden. Genauso wie ich einen Gegner im Ring direkt vom Gong zum Beginn der ersten Runde an mit einer schnellen Folge von harten Geraden eindecke. Beides ist aber nicht zielführend.

Und das ist es, worauf es ankommt: Ziele setzen. Ich habe die gleichen Möglichkeiten im Alltag wie im Ring. Ich kann passiv agieren und die Argumente des Gegenübers abwarten. Und dann meine Argumente bringen; vor allem, wenn ich mich gut auf die Situation vorbereitet habe. Dann kann kommen, was will.

Am besten ist es, sich auf das jeweilige Gegenüber so individuell wie möglich vorzubereiten. Der eine wird bei Gegenargumenten laut, der andere besinnt sich und wägt ab. Davon mache ich auch mein Ziel abhängig. Will ich tatsächlich die Park-Lücke zurück ergattern, auch wenn der „Dieb” einen gewaltbereiten Eindruck macht? Oder will ich eigentlich nur kurz meinem Ärger Luft machen, aber unversehrt aus der Konfrontation hervorgehen?

Einen Konflikt löst man nur durch die richtige Taktik

Hier gilt es, die richtige Taktik anzuwenden — immer auf das Ziel ausgerichtet. Eine Box-Runde dauert drei Minuten, ein Kampf geht über zwölf Runden. Da muss ich die Kraft genau einteilen und taktieren. Das gilt auch für den Alltag. Man sollte das Pulver nicht in den ersten 20 Sekunden verschießen. Das Ziel ist das Entscheidende. Wie in der Park-Lücken-Situation.

Manchmal spiele ich eine solche Konfrontation auch im Nachhinein durch und überlege, wie es auch hätte laufen können. Die Beschäftigung mit solchen Situationen steigert mein Selbstbewusstsein und mein Selbstwertgefühl. Und das strahle ich dann auch aus. Wenn dein Gegenüber das spürt, hast du eigentlich schon fast gewonnen.

Dann kannst du dir das Ziel setzen, das dir wichtig ist. Und wenn du dieses Ziel klar vor Augen hast, gehst du automatisch selbstbewusster in Auseinandersetzungen hinein. Wobei mir immer präsent ist: Es geht immer über mehrere Runden. Deswegen solltet ihr Schnellschüsse vermeiden (wie eine Schimpftirade ohne Punkt und Komma beim Park-Lücken-Klau) und hier und da einen Umweg in Kauf nehmen. Übrigens: Bei mir waren meistens die Kämpfe erfolgreicher, bei denen ich eine Taktik über mehrere Runden ausgelegt habe und ein klares Ziel vor Augen hatte.

Aufgezeichnet von Marc Saha

Experte: Rüdiger May
Rüdiger May (Jahrgang 1974) macht Sport seit er denken kann. Als Zehnjähriger bestritt er seinen ersten Box-Kampf, mit 19 Jahren wurde er Profi-Boxer...