Richtig zuhören lernen: Wie meinst du das? Die Freiheit der Perspektive

Ob ein Konflikt gelöst wird oder eskaliert, hängt auch von der Perspektive ab, mit der wir ihn betrachten. Diese kann man selbst bestimmen.
Nayoma de Haen
von Nayoma Viktoria de Haen
Jungs kommunizieren gewaltfrei© pio3 - Fotolia.com

Kommunikationstrainer Nayoma de Haen und Torsten Hardiess zeigen, wie sehr unsere innere Haltung unsere Wahrnehmung einer Situation oder eines Konflikts bestimmt.

Morgens um halb zehn in Deutschland. Martina und Kai sitzen wie verabredet im Meetingraum. Nach zehn Minuten erscheint ihr Kollege Carsten mit den Worten: „Tut mir echt leid, ich bin noch in der Kantine aufgehalten worden.“ „Typisch“, schnauzt ihn Martina an, „wie immer ist alles andere wichtiger als unser Projekt.“ Wie würden Sie an Carstens Stelle reagieren?

Selbst wenn wir uns um Freundlichkeit und Verbindung bemühen, passiert es, dass sich Menschen durch unsere Worte oder unser Verhalten angegriffen, verletzt, enttäuscht, abgelehnt oder im Stich gelassen fühlen. Eine Entschuldigung mag völlig aufrichtig, ein Ratschlag noch so wohlgemeint sein, trotzdem kann sich unser Gegenüber nicht ernst genommen oder bevormundet fühlen.

Unser Einfluss darauf, wie andere auf uns reagieren, ist begrenzt. Doch es liegt in unserer Macht, wie wir mit der Reaktion auf unser Verhalten umgehen. Bei welcher der folgenden Möglichkeiten ist wohl die Chance am größten, dass die nachfolgende Besprechung konstruktiv verläuft?

Wie reagiert man auf eine Anschuldigung in Konfliktgesprächen?

1. Auf eine Anschuldigung mit einer Gegenanschuldigung reagieren

Carsten: „Meine Güte, was soll das denn? Lass deine schlechte Laune bitte an anderen aus. Und überhaupt: Wo warst du denn vorletzte Woche, als wir die Telefonkonferenz mit dem Auftraggeber hatten?“

Viele Menschen meinen, Stärke zu beweisen, indem sie direkt zum Gegenangriff übergehen und den Verantwortungsball zurückspielen. Vorteil: Ich muss mich mit der Befindlichkeit des Anderen nicht   auseinandersetzen. Nachteil: Der Andere wird danach vermutlich wenig kooperationsbereit sein.

2. Die Schuld immer auf sich nehmen

Carsten: „Tut mir echt leid. Ich weiß, mein Zeitmanagement ist echt schlecht, aber ich kriege es einfach nicht besser hin.“

Diese Variante wird vielleicht seltener ausgesprochen, sondern eher durch Körpersprache zum Ausdruck gebracht. Viele Menschen geben sich innerlich die Peitsche. Vorteil: Wenn ich die Schuld auf mich nehme, kann ich vielleicht den äußeren Konflikt umgehen oder zukünftige Konflikte vermeiden. Nachteil: Ich mache mich zum Schwächeren. Das kann sich nachträglich auf die Beziehung oder die weitere Kommunikation auswirken. Und: Bei regelmäßiger Anwendung leidet mein Selbstwertgefühl.

3. Die eigenen Gefühle zum Ausdruck bringen

Carsten: „Martina, ich bedaure, dass du diesen Eindruck hast. Ich möchte, dass du weißt, wie wichtig mir dieses Projekt und unsere Zusammenarbeit sind. Ich wünschte mir, du würdest anerkennen, wie viel Zeit und Energie ich da in den letzten Wochen hineingesteckt habe, obwohl es an vielen anderen Stellen gebrannt hat.“

Statt mich selbst oder den Anderen zu verurteilen, kann ich mitteilen, wie es mir mit der Situation gerade geht und was mir wichtig ist. Im Sinne einer vollständigen Mitteilung benenne ich den Auslöser (Martinas Eindruck), meine Gefühle (Bedauern) und meine Bedürfnisse (Anerkennung meines Einsatzes). Als Bitte kann ich nachfragen, wie es denn zu diesem Eindruck kam, oder ob mein Einsatz gesehen wurde. Vorteil: Ich zeige mich mit dem, was in mir vor sich geht, und schaffe damit eine Atmosphäre der Offenheit und des Vertrauens. Nachteil: Ich brauche vielleicht etwas mehr Zeit und Energie, um zu erkennen, was ich fühle und was mir wichtig ist. Und vielleicht sind es keine angenehmen Gefühle, die sich dabei zeigen.

4. Mitfühlend mit dem anderen sein

Carsten: „Mensch Martina, es scheint dich ja ziemlich genervt zu haben, dass du auf mich warten musstest. Hast du heute Morgen großen Zeitdruck? Möchtest du unsere Besprechung vielleicht lieber verschieben?“

Wenn wir unsere eigenen Gefühle und Bedürfnisse wahrgenommen haben – ob ausgesprochen oder nicht – können wir vermuten, was wohl in dem Anderen gerade vor sich geht. Durch unser Hineinversetzen zeigen wir echtes Interesse an dem Anderen, was in der Regel die Verbindung stärkt, selbst wenn unsere Vermutung daneben liegt. Vorteil: Der Andere fühlt sich wahr- und ernstgenommen und wird sich wahrscheinlich wieder mehr öffnen und entspannen. Nachteil: Dieser Ansatz bedarf eines echten Interesses daran, wie es dem Anderen gerade geht, sonst wirkt er gekünstelt.

Den Fokus auf Gefühle und Bedürfnisse zu legen verringert das Konfliktpotential

Wie zu vermuten verlaufen Konfliktgespräche harmonischer, effizienter und befriedigender, wenn der Fokus mehr auf Gefühlen und Bedürfnissen liegt als auf Verurteilungen und Angriffen. Der Erfahrung nach tun sich Frauen tendenziell leichter damit, Gefühle wahrzunehmen, während Männer leichter benennen können, was sie gerade brauchen. Wenn wir wissen, worum es dem Anderen eigentlich geht, erhöht sich die Chance, tragfähige und beziehungsfördernde Lösungen zu finden.

Doch gibt es herausfordernde Situationen, in denen es schwer ist, nicht in alte, aggressive oder selbstzerstörerische Verhaltensmuster zu verfallen. Eine wichtige Faustregel lautet dabei: Wenn ich gerade keinerlei Mitgefühl mit meinem Gegenüber empfinde oder mich nicht in ihn hineinversetzen kann oder mag, brauche ich erst mal selbst Zuwendung von mir oder anderen. Dann gibt es wahrscheinlich schwierige Gefühle in mir, die mich auf unerfüllte Bedürfnisse aufmerksam machen wollen. Oft langt es, mir das einen Moment wirklich bewusst zu machen, um den Kopf und das Herz wieder frei genug zu kriegen, die Befindlichkeit des Anderen wahrzunehmen.

Der erste Schritt ist also immer, die Verantwortung für die eigenen Emotionen zu übernehmen. Wenn ich nicht in Kontakt mit mir selber bin, kann ich auch nicht in Kontakt mit anderen kommen.

Folgende Fragen können Ihnen helfen, (wieder) mit sich in Kontakt zu kommen

  • Was macht das, was der Andere gerade tut oder sagt, gerade mit mir? Wie geht es mir damit?
  • Was steckt dahinter? Worum geht es mir hier eigentlich wirklich? Welche wichtigen Bedürfnisse sind nicht erfüllt?
  • Was brauche ich gerade? Wie kann ich in dieser Situation gut für mich sorgen, um dann wieder mit dem Anderen in Kontakt gehen zu können?

„Die letzte der menschlichen Freiheiten besteht in der Wahl der Einstellung zu den Dingen“ schrieb der KZ-Überlebende und Psychiater Viktor Frankl. Auch Sie können sich, wenn Sie das nächste Mal mit einer herausfordernden Situation konfrontiert sind, Ihren Handlungsspielraum und Ihre Entscheidungsfreiheit bewusst machen.

Freiheit und Selbstbestimmung sind wichtige Bedürfnisse, die alle Menschen kennen. Die Verständigung über unsere Bedürfnisse ist der zentrale Pfeiler der Brücke der gewaltfreien oder lebensfördernden Kommunikation, denn in unseren Bedürfnissen sind wir uns alle gleich. Dieses Thema werden wir im nächsten und letzten Teil unserer kleinen Reihe noch genauer darstellen.

Nayoma de Haen
Wie geht glückliches Leben? Die moderne neurologische Forschung bestätigt, was Philosophen und Weise seit langem wissen: Entscheidend wichtig für unser Glück sind wohlwollendes Verständnis für uns selbst und die Qualität unserer Verbindung zu unseren Mitmenschen...

Torsten Hardiess
Als langjähriger Trainer für Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg vermittelt Torsten Hardieß sein Wissen weltweit bei Vorträgen, Seminaren und als Personal Coach...

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