Pedelecs im Test: Pedelec im Praxistest

Unser Blogger Volker Eidems hat in einem Kurzurlaub ein Elektro-Fahrrad getestet. Bei uns berichtet er von seinen Erfahrungen.
von Volker Eidems
Pedelecs in der Praxis© autofocus67 - Fotolia.com

Pedelecs, also Elektro-Fahrräder werden immer beliebter. Im Praxis-Test zeigt sich allerdings: Was an emotionaler Spannung zu viel war, fehlte an elektrischer.

Kurzurlaub. Drei Tage Elsass-Lothringen mit dem Rad, zunächst die Saar entlang, dann hinüber zur Mosel und als Höhepunkt die Kathedrale in Metz. Wir sind zu dritt, zwei gut trainierte Männer und eine ebenfalls gut trainierte, aber eben auch schwangere Frau. Vierter Monat — was liegt da näher, als die gemeinschaftliche Durchschnitts-Geschwindigkeit durch Elektro-Unterstützung hochzuhalten — per Pedelec ?

Gesagt, getan. Ein Hotel in der Nähe des Ausgangsorts vermietet das silbergraue „Flyer C“ . 22 Kilogramm Leergewicht, laut Hotelvermieter aktueller Neupreis rund 2.500 Euro und 60 bis 80 Kilometer Reichweite (der Hersteller ist da zurückhaltender, und das Rad war nicht das neueste Modell, wir hätten bei der Reichweitenangabe also durchaus skeptischer sein dürfen) — das deckt sich mit unseren Etappenzielen. Der erste Tag auf dem ebenen Saar-Radweg läuft gut dank Strom sparendem Eco-Betrieb, wir haben zudem die überdimensionierten 26-Zoll-Ballonreifen in Richtung Vollgummi aufgepumpt. Voll Gummi geben darf die schwangere Bikerin trotzdem nicht.

Steckdose verzweifelt gesucht

Natürlich sind die „Ladebalken“ ständiges Thema, wir beobachten gebannt, wie sich einer nach dem anderen verabschiedet. Die Rezeption am Campingplatz hat bereits geschlossen, ein netter Wohnwagen-Besitzer erklärt sich jedoch bereit, den Akku über Nacht an seiner Steckdose zu laden —  wild campen hätte uns jetzt ein bisschen ausgebremst.

Das Gefährt sorgt für Gesprächsstoff. Rentner beäugen das Pedelec und beginnen gleich zu fachsimpeln. „Soso, das ist also ein Flyer, den hat sich unser Nachbar auch gekauft“ — „Ich hatte mit dem Akku noch nie Probleme, aber ich fahre ja auch immer Äcko-Moddus“ — „Ach, Sie haben das geliehen? Naja, die Dinger sind ja auch teurer geworden — über zehn Prozent!“

Und plötzlich ist der Akku leer

Am zweiten Tag bläst uns ein steter Wind entgegen, außerdem verlassen wir nach der halben Etappe die Saar, die Sonne sticht und es wird hügeliger. Die Elektro-Ladung schmilzt schneller dahin als das Eis in den Cafés, die wir nun in regelmäßigen Abständen aufsuchen, um immer mal wieder eine Stunde Strom zu tanken. Für einen Balken im mittleren Ladezustand braucht es etwa eine gute Stunde, erst beim fünften Balken wäre der Akku voll. Wir schaffen es diesmal rechtzeitig zum Campingplatz, für einen Euro können wir über Nacht die Steckdose an der Rezeption nutzen.

Am dritten Tag nehmen die Steigungen noch einmal zu, der Wind weht und die Strecke führt durch dünn besiedeltes Gebiet. Außerdem ist Sonntag, kaum Menschen auf der Straße, aus Mangel an Cafés oder Restaurants bitten wir nun auch einfache Dorfbewohner, uns während einer Rast mit Strom auszuhelfen — trägt ja auch zur Völkerverständigung bei. Bei den Steigungen ist nun der Standard-Modus fällig, und dann ist der Akku plötzlich trotz aller Sorgfalt leer. Natürlich am Berg, dort wo er gebraucht würde. Es ist nicht mehr weit bis zum Ziel, und wir haben noch mal Glück, ein Pizzabäcker öffnet gerade seine Türe. Während die Elektronen in die Batterie strömen, füllt heiße Pasta unsere Mägen. Und kurz nach Einbruch der Dunkelheit erreichen wir dann später auch wohlbehalten unser Ziel. Eine schöne Tour — und eine echt neue Erfahrung für freiheitsgewohnte Radwanderer.

Fazit

Natürlich muss man neben allen Vorbehalten auch positiv vermerken, dass die Tour ohne Pedelec so nicht möglich gewesen wäre. Und Gegenwind wie auch Steigungen gehören sicher nicht zu den Normbedingungen, unter denen die Reichweite von Akkus ermittelt wird. Aber ich höre immer wieder, dass die Herstellerangaben unter realen Bedingungen überhaupt nicht zu erreichen sind, selbst wenn der Fahrer ordentlich mit eigener Kraft in die Pedale tritt und nur die kleinste Elektro-Unterstützung nutzt. Für die Zukunft ziehe ich jedenfalls die Lehre, bei Pedelec-Touren maximal die Hälfte der angegebenen Reichweite als möglichen Radius einzuplanen. Oder immer einen prall gefüllten Ersatzakku dabei zu haben und dessen Zusatzgewicht dann nochmals an irgendeiner anderen Stelle einzusparen. Andernfalls wird das besondere Freiheitsgefühl einer Radwanderung doch ein bisschen angekratzt. Schön war es so aber auch, nur halt ein bisschen spannend.

Volker Eidems (Soziologe M.A.) ist gern unterwegs, am liebsten mit dem Rad. Wenn die Strecken aber zu lang oder die Koffer zu groß für den Fahrradanhänger sind, nutzt er möglichst das ökologischste alternative Verkehrsmittel – und das ist gar nicht so einfach zu ermitteln...
  • michael

    Mit den Leihfahrrädern ist das immer so eine Sache. Jenachdem wie lange die schon im Betrieb sind und wieviele Ladezyklen der Akku schon hinter sich hat, ist die Kapazität schon merklich vermindert. Ich selber habe Erfahrung mit dem BionX System und bin mit der Reichweite ganz zufrieden. Auf meist gerade Strecke mit wenig Höhenunterschieden übertreffe ich auch die Herstellerangeben. Bei mir ist es allerdings auch öfters der Fall, dass ich über 25 kmh fahre und somit mehrere Kilometer ohne Akkuunterstützung zurücklege.

  • volker

    Das mit der Acculadung ist wirklich so eine Sache. Nach meiner Erfahrung ist die Hälfte der Herstellerangabe kaum zu überbieten. Allerdings hab ich das Flyer auch in den österreichischen Bergen gefahren, sozusagen unter Extrembedingungen. Im Flachland gefällt mir der Heckmotor auch am besten, da er sehr sanft und geräuschlos arbeitet. Zum Flyer möchte ich noch erwähnen, das es in Österreich und auch glaube ich in der Schweiz ein Netzwerk an Accuausleihstationen gibt, was sehr praktisch ist.