PCB-Belastung in Eiern: Aufräumen im Hühnerstall – der PCB-Eiertanz geht in die nächste Runde

Selbst bei Bio-Eiern kann man sich nicht immer sicher sein, dass sie unbelastet sind. Das verunsichert den Verbraucher. Doch woran liegt es?
von Janine Otto
Eier werden auf Dioxin-Belastung überprueft© dpa-lni / Carmen Jaspersen

Immer neue Meldungen über belastete Eier verunsichern die Verbraucher. Der vorläufige Höhepunkt: Da produziert ein Bio-Bauer trotz sauberem Futter kontaminierte Eier – und Labor und Behörden verschleppen relevante Informationen. Noch immer bleiben Fragen offen.

Das Ende der Osterferien 2012: Während in den Wohnungen die letzten Ei-geschmückten Ostersträuße abgeräumt werden, geht es auch 300.000 frischen Eiern aus NRW an den Kragen. In der Woche vor Ostern war bekannt geworden, dass Bio-Eier mit einer unzulässig hohen PCB-Belastung in den Handel gekommen waren. Der betreffende Hof wurde gesperrt, aber natürlich haben die Hühner weiter gelegt. Nach einem Bericht der Regionalzeitung „Die Glocke“ bestätigte der Kreis Minden-Lübbecke, dass diese Eier von einer Spezialfirma aus Niedersachsen abgeholt wurden. Sie werden jetzt kontrolliert vernichtet.

Menschliches Versagen?

© dpa – Report / Carmen Jaspersen
Viele Wochen wurden weiter belastete Eier verkauft. Die Schuldigen: das Labor und die Behörden.

Aufgeräumt wird seit Freitag auch in einem Kieler Privatlabor: Im Februar hatte ein Verpackungsbetrieb aus Euskirchen eine Routineuntersuchung für Eier von dem Bio-Hof im Kreis Minden-Lübbecke beauftragt – doch erst vier Wochen später informierte das zuständige Labor die Behörden über einen erhöhten Gehalt an PCB in den Eiern. Viel zu spät also, um zu verhindern, dass wohl Hunderttausende Eier in den Handel und auf dem Frühstückstisch landen konnten, obwohl eine eindeutige Belastung bekannt war.

„Das Labor hat die Meldepflicht verletzt und es liegt eine Ordnungswidrigkeit vor“, so Arne Gloy, Sprecher der zuständigen Stadt Kiel, im Interview mit evidero.de. „Es besteht eine rechtliche Verpflichtung, schnell und gerichtet negative Proben dem zuständigen Amt zu melden – in diesem Fall dem Kieler Veterinäramt.“ Dem Labor droht nun eine Strafe von bis zu 20.000 Euro.

Staatliches Versagen?

Doch die Pannen wollen kein Ende nehmen. Laut Pressemitteilung von foodwatch vom 16. April 2012 bestätigten die Landkreise Euskirchen und Minden-Lübbecke der Verbraucherorganisation, bereits Tage vor der öffentlichen Warnung des NRW-Verbraucherministeriums über die Kontaminationen informiert gewesen zu sein. “Der von Ihnen genannte Wert der Höchstüberschreitung in Höhe von 11,2 pg/g in Eiern des Bio-Betriebes wurde uns am 27. März gemeldet”, schrieb eine Sprecherin des Landkreises Minden-Lübbecke in einer E-Mail – der Höchstwert liegt bei 5 Pikogramm pro Gramm Fett (pg/g). Ebenfalls gab es eine mündliche Bestätigung aus dem Kreis Euskirchen, bereits am 27. März 2012 von den Grenzwertüberschreitungen gewusst zu haben. Doch erst am 3.April wurde öffentlich gewarnt. Da hatten die Eier inzwischen sogar das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten.”

“Die Landkreise haben den Verbrauchern vermeidbare Giftbelastungen zugemutet”, kritisierte foodwatch-Sprecher Martin Rücker. “Eine öffentliche Warnung und ein Rückruf hätten aus Verbrauchersicht bereits am 27. März erfolgen müssen. Die Versäumnisse der Landkreise belegen einmal mehr, dass es einer gesetzlichen Verpflichtung der Behörden bedarf, gesundheitsrelevante Informationen sofort öffentlich zu machen.”

Keine aktuelle Gefahr für den Verbraucher – jedoch für die Anwohner?

Auf welchem Weg die Dioxin-ähnlichen Umweltgifte in die Eier gekommen ist, ist zur Zeit noch nicht sicher. Untersuchungen des Futters und des Trinkwassers der Legehennen ergaben, dass sie als Quelle auszuschließen sind. Vermutungen gehen daher von einer Verunreinigung des Bodens aus. Laut Lippischer Zeitung liegt der Bio-Hof in unmittelbarer Nähe einer ehemaligen Mülldeponie, auf der von 1974 bis 1995 die Kunststoffabfälle eines Automobilzulieferers entsorgt wurden. Zwar ist in den letzten 17 Jahren bei Wasserproben rund um die Deponie kein PCB gefunden worden,  jedoch soll es auf der Halde vor ihrer Stilllegung mehrfach gebrannt haben.

Da bei der Verbrennung von Kunststoffen Dioxine entstehen und sich verbreiten können, wären die Deponiebrände eine mögliche Quelle für eine Verseuchung des Bodens. Wenn dies der Fall ist, droht  jedoch noch eine weiterreichende Gefahr – für die Anrainer: Es könnten auch andere Felder, Gärten und Grundstücke kontaminiert sein.

Risikobewertung

© dpa –
Auch nach Jahren können Mülldeponien brennen – eine akute Gefahr für Anwohner auch nach Jahrzehnten?

Wie groß aber sind Gefährdung und Risiko für den ahnungslosen Eier-Esser? In einem Gespräch mit Suzan Fiack, der Pressesprecherin des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), räumt diese Unsicherheiten ein. “Wir wissen zum Beispiel nicht, über welchen Zeitraum diese Eier mit den erhöhten Werten in den Verkehr gelangt sind. Ebenfalls liegen uns derzeit auch nur wenige Analyseberichte vor.” Basierend auf dieser Datenlage sagt das BfR, dass bei einem kurzzeitigen Verzehr solcher Eier eine gesundheitliche Gefährdung für die Verbraucher unwahrscheinlich ist. Generell will das BfR jedoch keine zusätzlichen Belastungen mit PCB und Dioxinen tolerieren. “Eine Überschreitung von Höchstgehalten finden wir bedenklich – das heißt jedoch nicht automatisch, dass eine gesundheitliche Gefährdung für die Verbraucher besteht. Niemand muss Angst haben, dass er sich mit einem Ei vergiften könnte. Das ist beim kurzzeitigen Verzehr sehr unwahrscheinlich.”

Noch in dieser Woche werden die Ergebnisse der Bodenuntersuchung aus NRW erwartet. Sollte kein PCB nachgewiesen werden, könnten die Anwohner in Minden-Lübbecke aufatmen, da für sie keine Gefahr einer größeren Verseuchung besteht – die Experten ständen jedoch weiter vor einem Rätsel.

Und was sagt der Bio-Bauer dazu? Das ist unbekannt. Der Öko-Landwirt ist nach Bekanntgabe der Belastung in Osterurlaub gefahren und muss bei seiner Wiederkehr wohl sehr viel mehr aufräumen als nur einen Osterstrauß.

Autorin: Janine Otto
Studium: Biologie, Mathematik und Physik. Nach 5 Jahren als Lehrerin und Ausbilderin am Berufskolleg begann sie ihr Volontariat als Technische Redakteurin. Seit 2007 ist Janine Otto Redakteurin und freie Autorin - hauptsächlich für Technik und Naturwissenschaft. Ihre größte Leidenschaft ist das Kochen.