Parkour Hindernisse

Einfach nur joggen ist doch öde

Wenn man die Basis-Bewegungen beim Parkour gelernt hat, kann man sich auch daran wagen, in der Stadt eine Strecke zu laufen. Aber was gibt es da zu beachten?
Jetzt geht's ums Ganze!© Sergey Goruppa - Fotolia.com

Training macht nur Spaß, wenn man das Gelernte auch umsetzen kann. Gestern haben wir mit Michael Guddat darüber gesprochen, wie man in den Trend-Sport Parkour einsteigen kann. Heute geht es darum, was danach kommt: Das Laufen in der Stadt.

Parkour ist ein Outdoor Sport! Auch wenn es Sinn macht, in der Halle zu starten, letztlich ist es das Ziel, sich schnell fortzubewegen, ohne an Hindernissen stoppen zu müssen. Wenn man in Kauf nimmt, sich blaue Flecken und Schrammen zu holen, kann man theoretisch auch von Anfang an draußen trainieren. Da gibt es aber einiges zu beachten!

Vorsicht und Rücksicht

Das A und O beim Parkour in der Stadt ist zum Einen die Rücksicht auf die Mitmenschen und zum Anderen die Vorsicht mit sich selbst. Menschen, die sich in der Stadt bewegen, rechnen wahrscheinlich nicht damit, dass dort jemand entlanggerannt kommt oder über eine Bank oder eine Mauer springt. Und auch wenn man nicht rennt, sondern vielleicht einzelne Bewegungen an einem Gerüst oder einer Mauer übt, muss man viel aufmerksamer sein, als in der Halle. Im Freien gibt es keine Fallmatten, sondern ganz unterschiedliche Untergründe. Wenn man Glück hat einen Sandkasten, oder eine länger nicht gemähte Wiese, aber häufig eben auch harten Asphalt. Oder es hat geregnet und der Boden oder auch eine Fläche, auf der man sich abstützt, ist rutschig oder moosig. Es können auch Scherben herumliegen oder Fäkalien, beides ist unschön. Und ganz wichtig: Man muss zwar Rücksicht auf andere Menschen nehmen, aber kann nicht von vorneherein davon ausgehen, dass diese auch Rücksicht auf einen selbst nehmen. Da tauchen dann vielleicht Fußgänger oder Radfahrer oder sogar Autos an Stellen auf, wo sie gar nichts zu suchen haben. Das erhöht natürlich die Verletzungsgefahr, aber es macht auch den Reiz aus, die Außenwelt zu erkunden.

Stadt oder Grünfläche?

Das Gute an öffentlichen Plätzen ist: Alles gehört der Allgemeinheit. Das heißt, ich darf an Geländern, Mauern, Bänken usw. meine Moves üben, solange diese nicht in Privatbesitz sind. Privates Gelände ist absolut tabu. Auch Wald und Feld eignen sich zwar gut zum Überwinden von Hindernissen, jedoch sollte man hier bedenken, dass es dort auch Pflanzen und Tiere gibt, die ich mit meinen Sprüngen eventuell platt-trampeln oder stören könnte. Parkour kann man in jeder Stadt und jedem Dorf ausüben. Manche Städte sind natürlich spannender, weil es dort mehr oder abwechslungsreichere Hindernisse gibt. Zum Beispiel die Industriestädte im Ruhrgebiet. Der jeweilige Bau und die Architektur einer Stadt verändert dann meinen Lauf und gibt mir vor, was ich machen kann und was nicht. In einer Grünanlage gibt es wahrscheinlich wenig Mauern, aber dafür eventuell Baumstämme am Boden oder Äste zum entlang hangeln. Aber Vorsicht: Eigentlich darf alles, was der Allgemeinheit gehört, genutzt werden, aber nur, solange nichts kaputt gemacht wird. Wenn man an einem Baum übt und dort Äste abbricht oder die Rinde massiv beschädigt, kann es auch sein, dass das Ordnungsamt einschreitet. Hier gilt wieder das Prinzip von Vorsicht und Rücksicht: Auch auf die Gegenstände, mit denen ich trainiere!

Gemeinsam statt einsam

Jeder Parkour-Läufer, auch Traceur genannt, hat seine eigene Motivation und Philosophie für den Sport. Manche nutzen Parkour, um den Kopf frei zu bekommen und sich auch innerlich weiterzuentwickeln, das sind eher Einzelkämpfer. Genauso gibt es aber auch viele Traceure, die in der Gruppe unterwegs sind. Das hat mehrere Vorteile: Man kann sich gegenseitig immer weiter begeistern, Hilfestellung geben oder einfach kommunikativ beisammen sein. In den meisten Städten gibt es Hotspots, Treffpunkte, an denen man sich trifft, um Bewegungen auszubauen oder neue Tricks zu lernen. Das ist ähnlich wie bei den Skateboardern, die ja ihre Skateboard-Parks haben, wo sie sich versammeln und gemeinsam skaten. Wenn man jemanden dabei hat, der Hilfestellung geben kann, kann man viel leichter neues ausprobieren und hat die Sicherheit, dass jemand da ist, falls man doch einmal abrutscht. Außerdem hat Gemeinschaft einen ähnlich anstachelnden Effekt wie Musik: Sie bringt einen zu immer besseren Leistungen.

Ein richter Lauf

Wie ich schon erwähnte, ist das Training draußen anspruchsvoller als in der Halle. Noch intensiver wird es, wenn ich wirklich einen Parkour-Lauf durch eine Stadt machen möchte. Dazu muss ich auf jeden Fall alle einzelnen Bewegungen im Detail beherrschen. Ich muss wissen, wann ich abspringen und wann ich landen muss. Dort, wo sich andere Menschen bewegen, kann immer etwas Unvorhergesehenes passieren, ich muss also schnell reagieren können. Wenn ich etwa über eine Mauer springen will, kann ich nicht sehen, was dahinter ist. Und wenn ich mitten im Sprung sehe, dass eine Oma mit Krückstock genau dort ist, wo ich landen wollte, dann muss ich in der Lage sein, meine Sprungrichtung zu ändern. Das ist definitiv etwas für sehr weit Fortgeschrittene, damit man sich und andere nicht gefährdet.

Parkour ist ein Mit

Sport hat nicht nur den Effekt, den Körper zu trainieren, sondern kann immer auch eine geistige Ausgeglichenheit bieten. Ich hatte im letzten Teil angesprochen, dass Parkour uns hilft, die Grenzen zu überwinden, die unser Kopf unserem Körper setzt. Aber da hört es nicht auf. Wenn ich kompetenter in etwas werde, egal was es ist, werde ich selbstbewusster. Und wenn ich beim Parkour lerne, dass ich Hindernisse überwinden kann, dann muss ich auch innere Hindernisse oder Probleme nicht mehr umgehen, sondern kann sie überwinden und damit lösen. Mit der richtigen Technik, gutem Training und festem Willen ist alles möglich. Dazu kommt noch, dass ich beim Parkour nicht gegen andere kämpfe wie etwa beim Kampfsport, sondern in einem Miteinander aktiv bin. Mit meinen Mitsportlern, mit der Natur, mit der baulichen Umgebung. Das fördert auch eine positive und kommunikative Lebenseinstellung und schult den Charakter.  Und mal ganz abgesehen davon: Parkour ist einfach cool. Wer möchte nicht einmal einen Move beherrschen, wie man ihn von Jackie Chan im Fernsehen sieht? Denn diese Tricks sind gar nicht so unrealistisch, wie manche glauben. Wer die Verfolgungs-Szene im Bond-Film Casino Royale kennt: Das ist kein Quatsch, sondern es sind echte und durchführbare Stunts. Der Mann, der dort vor Bond davon läuft, ist Sébastien Foucant. Wer sich erinnert: Sébastian Foucant ist einer der beiden “Gründerväter” des Parkour und derjenige, der das Free-Running entwickelt hat. Das ist ähnlich wie Parkour, es werden aber mehr Saltos und Flips eingebaut.

Jetzt bleibt nur noch zu sagen: Jeden letzten Samstag im Monat gibt es bei uns im Move Artistic Dome einen Schnupper-Kurs zu Parkour. Probiert es doch einfach mal aus!

Aufgezeichnet von: Manuela Hartung

Experte: Michael Guddat
Michael Guddat
Michael Guddat ist Trainer und Vertriebsleiter im Move Artistic Dome Köln...

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