Naturschutz vs. Wirtschaftsförderung: Gewerbe contra Landschaftsschutz

Vor den Toren von Köln geht es um die Frage: Landschaftsschutz oder Wirtschaftsförderung? Ausgang unklar.
Annette Coumont
von Annette Coumont
Foto: Peter Lemper © evidero

Das schon oft ausgefochtene Duell Landschaftsschutz versus Wirtschaftsförderung findet gerade vor den Toren Kölns statt. Die Stadtväter von Bergisch Gladbach wollen dort sogenanntes emittierendes Gewerbe ansiedeln.

Es ist ein Duell, das es schon so lange gibt wie die Industrie: Naturschutz vs. Wirtschaftsförderung. Eine Entscheidung, die kaum einer Stadt oder Gemeinde leicht fällt. Vor den Toren von Köln schlagen Stadtväter und Naturschützer gerade ein neues Kapitel dieses Dauer-Clinches auf. Denn die Stadt Bergisch Gladbach plant in einem Landschaftschutzgebiet sogenanntes emittierendes Gewerbe anzusiedeln – also Unternehmen, die ihre Umgebung z.B. mit Lärm, Geruch oder Abgasen belasten. Darf die Stadt das?

Das Landschaftsschutzgebiet Voislöhe ist eine der letzten unverbauten Höhenlagen in Bergisch Gladbach und gilt als die „grüne Lunge“ der Region. Von der Anhöhe schaut man auf die Weiten des Bergischen Landes und der Kölner Bucht. Sogar den Kölner Dom kann man gut sehen. Diese Landschaft zwischen Moitzfeld und Herkenrath ist ein touristisches Nahziel für viele Kölner und andere umliegende Regionen rund um das Bergische Land. Ausgerechnet hier soll nach Planungen der Stadt Bergisch Gladbach schon ab Sommer 2012 ein neues, 20 Hektar großes Gewerbegebiet entstehen. Das Projekt stößt auf Widerstand, zumal ausdrücklich „emittierendes Gewerbe“ geplant ist.

Gegen die Bebauung setzt sich eine Bürgerinitiative zur Wehr – sie wirbt für den Erhalt der attraktiven Landschaft. Die Bürger befürchten negative ökonomische und ökologische Auswirkungen – und sie haben vernünftige Argumente. Zu denen gehört, dass die Stadt schon heute nahezu doppelt so hohe Einnahmen aus der Einkommens- und Umsatzsteuer von ortsansässigen Familien erzielt wie über Gewerbesteuereinnahmen. Unter Umständen geraten die geplanten Mehreinnahmen der Stadt durch den denkbaren Wegzug solcher Familien und ausbleibender Neuansiedlungen zum Nullsummenspiel. Denn die Naturlandschaft rund um Voislöhe und Neuenhaus ist noch ein attraktiver Wohn- und Lebensraum.

Auch der Bergische Naturschutzverein RBN mit seinen über 1.000 Mitgliedern spricht sich eindeutig gegen die geplante gewerbliche Ansiedlung aus. Der rechtsverbindliche Landschaftsplan rechts und links der L289 sehe „Die Erhaltung und Entwicklung der typischen bergischen Landschaft …“ vor. Der RBN bringt auch konkret den Artenschutz ins Spiel, denn gerade wird versucht, die europaweit vom Aussterben bedrohte Gelbbauchunke in diesem Gebiet wieder anzusiedeln. Darüber hinaus fehle eine rechtsverbindliche Grundlage, mit der die gewerbliche Bebauung dargestellt oder beschlossen wurde. Dazu das grüne Ratsmitglied Robert Schallehn: ”Mit dem Gewerbegebiet Obereschbach sowie nutzbaren Brachflächen stehen der Stadt für die Zukunft mehr als ausreichende Möglichkeiten zur Vermarktung zur Verfügung. Es ist nicht einzusehen, warum in Voislöhe weitere Flächen dazu kommen sollten. Außerdem bestehen dort auch erhebliche naturschutzrechliche Bedenken, da die Flächen als Landschaftsschutzgebiet genau zwischen den Naturschutzgebieten Hardt und Volbachtal liegen.“

In ihrem Haushalt 2012 hat sich die Stadt Bergisch Gladbach entsprechend dem Landschaftsplan dazu verpflichtet, “Die Grünzüge, Grünflächen und Gewässer der Stadt…als Verbundsystem“ und „Teil des attraktiven urbanen Umfeldes“ zu schützen. Darüber hinaus soll Bergisch Gladbach als „ein attraktives touristisches Ziel” etabliert werden. Stattdessen verstrickt sich Bergisch Gladbach in einen Wettbewerb mit der nahen Stadt Kürten, die ebenfalls ein neues Gewerbegebiet plant. Mit einer schnelleren Erschließung und der besseren Verkehrsanbindung möchte man den Kürtener Konkurrenten zuvorkommen. Laut der Bürgerinitiative erwartet die Stadt zudem einen Bedarf an neuen Gewerbeflächen von nur acht Hektar, die bereits durch ein anderes naheliegendes Gebiet an der Autobahn (Untereschbach, neun Hektar) abgedeckt werden könnten. Aufgrund von Zweifeln an den offiziellen Analysen zum Standort Voislöhe gehen die Bürger zusammen mit dem RBN nun erst mal in die nächste Runde. Danach müsse die Stadt zunächst bei der im Frühsommer startenden Neuaufstellung des Flächennutzungsplans die neuen Gewerbegebiete einbringen. Und das könne bis zu zwei Jahren dauern.

Es bleibt zu hoffen, dass die Stadt Bergisch Gladbach in dieser Zeit Ihre Absichten überdenkt und statt des Baus eines ökonomisch und ökologisch zweifelhaften Gewerbegebietes lieber auf den Ausbau seiner regionalen Stärken als attraktives ländliches Naherholungsgebiet setzt. Denn hierfür gibt es großen Bedarf. Wochenendausflügler und heimischer Tourismus könnten der Stadt neue Einnahmequellen bescheren, indem die Stadt mehr um gastronomische Betriebe, attraktive ländliche Hotels und Konzepte für ´erlebbare Natur´ wirbt. Umfunktionierte Bauernhöfe als Erlebnis- und Bildungsstätten erfreuen sich vor allem bei Städtern immer größerer Beliebtheit, das beweisen beispielsweise der rechtsrheinische Getrudenhof, Gut Ostler in Bonn oder Gut Hixholz.

Es gibt im Bergischen wie bundesweit  mehr als genug Bauernhöfe, die sich durch reine Landwirtschaft nicht mehr wirtschaftlich tragen können. Sie müssen ihr Land dann billig verkaufen. Um Investoren für neue und zukunftsträchtige Gewerbekonzepte zu finden, die im Einklang mit den regionalen Besonderheiten stehen, braucht die Stadt Bergisch Gladbach bessere Berater. Denn die Planung ausgerechnet für emittierendes Gewerbe in einem Landschaftsschutzgebiet zeigt nicht nur einen Mangel an Verständnis für Natur und Umwelt, sondern auch an Kreativität und wirtschaftlichem Spürsinn.

Weitere Informationen:

Die Bürgerinitiative: http://moitzfeldherkenrath.wordpress.com/

Bergischer Naturschutzverein: http://www.bergischer-naturschutzverein.de/rbn-frameset-1.htm

Rechtsrheinische Getrudenhof: http://erlebnisbauernhof-gertrudenhof.de/

Gut Ostler in Bonn: http://www.gutostler.de/

Gut Hixholz: http://www.gut-hixholz.de/

Annette Coumont
Annette arbeitet als freie Redakteurin und Autorin mit Schwerpunkt Achtsamkeit und bewusst nachhaltige Lebenstile. Sie schreibt auch für die evidero Redaktion…