Natürliche Ernährung für Kinder: Natürlich ist nicht normal – Ein Kind, ein Huhn und eine Haltung

Wie erklärt man Kindern, was eine natürliche und nachhaltige Ernährung ist? Eltern können und müssen schon früh mit der Erziehung anfangen.
Annette Coumont
von Annette Coumont
Kind mit Huhn© picture alliance - ZB / Patrick Pleul

Nachhaltig leben, gesund essen, Aufklärung über die Herkunft von Fleisch. Wer selbst bewusst essen möchte, sollte auch seinen Kindern frühzeitig beibringen, was es mit natürlicher Ernährung auf sich hat. Und auch, wo unsere Gesellschaft noch nicht den richtigen Weg geht.

Wie erklärt man einer Vierjährigen, was natürliche Ernährung ist? Und dass sie eigentlich normal sein müsste? Wenn es um die Erziehung und Aufklärung in Sachen Ernährung geht, sind Eltern besonders gefordert. Unsere Familie isst nahezu ausschließlich biologisch erzeugte Lebensmittel. Ein- bis zweimal pro Woche gibt es Fleisch. Wir sagen unserer Tochter dann immer, von welchem Tier das Fleisch stammt und, dass es vorher sterben musste, damit wir es essen können. Die Reaktion darauf ist meist eine kurze nachdenkliche Stille, der ein unmittelbarer Themenwechsel folgt. In diesem Moment denke ich meist daran, dass wir mit der Wahrheit möglicherweise frühen Vegetarismus bei unserer Tochter provozieren könnten.

Die meisten Eltern-Tabus zum Thema Ernährung haben wir sehr früh angesprochen und uns damit auf ein Parkett begeben, auf dem Kindergärten, Schulen und Elternhäuser nicht immer im gleichen Takt tanzen. So ist „Bio“ beim Mittagsessen im Kindergarten nicht die Norm. Bestenfalls ist es eine Mischform von biologisch und konventionell erzeugten Lebensmitteln, fast immer in Kombination mit Fleisch. Das gilt als normal. Auf meine tägliche Nachfrage, was es denn heute im Kindergarten zu Mittag gegeben hat, sagt meine Tochter mir als Schlusssatz jetzt immer „… und alles Bio Mama, wirklich“.  Um also unserer Tochter das Essen im Kindergarten nicht zu vergrätzen und das Verhältnis zu den Erzieherinnen nicht zu verderben, warten wir, dass unsere Tochter irgendwann selber ihr Essen hinterfragt. Bis dahin setzen auf unsere häusliche Erziehung zum Thema Ernährung. Und die sieht zum Beispiel so aus:

Einmal in der Woche kommt unsere Bio-Kiste. Bei der letzten Kiste erklärte ich meiner Tochter, welche Gemüsesorten wir diesmal gekauft hatten. Wir schauten alles an, rochen und tasteten. Und dann entwickelte sich aus einer einfachen Frage meiner Tochter folgender Dialog :

Sie: Mama, warum kaufen wir eigentlich Bio

Ich: Also… Bio heisst ja eigentlich nur so viel wie „natürlich“. Und Obst und Gemüse, das natürlich gewachsen ist, nennen wir halt Bio- Gemüse. Oder wenn Hühner frei laufen dürfen und im Gras picken dürfen, dann ist das natürlich, und das sind dann Bio-Hühner. Glückliche Hühner eben. Deshalb kaufen wir sie.

Sie: Und die anderen, die nicht glücklich sind, sind das keine Bio-Hühner?

Ich: Genau, die anderen nicht, weil sie nicht unbedingt natürlich gewachsen sind oder natürlich gehalten wurden.

Sie: Wie sind die denn gewachsen?

Ich: Obst zum Beispiel wird häufig mit Gift bespritzt, damit keine Fliegen, Käfer und Schnecken daran fressen. Tiere, wie zum Beispiel die Hühner, bekommen meist künstliches Futter und  Medikamente, damit sie schneller wachsen und dann schneller geschlachtet werden können. Das ist nicht natürlich, aber leider normal.

Sie: Werden die Hühner schneller geschlachtet, weil sie nicht natürlich sind?

Ich: Nein, sie werden geschlachtet, weil wir Menschen so viele Hühner essen wollen. Bio-Hühner werden aber nicht so schnell geschlachtet. Dafür sind sie auch wertvoller und teurer…

Sie: Aber wir kaufen keine nicht-natürlichen Hühner mehr, nur glückliche oder?

Ich: Ja, wir kaufen nur natürliche und (ehemals) glückliche Hühner.

Sie: Aber das ist nicht normal oder Mama?

Ich: Nein, das ist natürlich, aber nicht normal…

Damit waren die Grundlagen schon mal geklärt. Für ein Kind im Alter von 4 Jahren reichen solche Informationen erst einmal völlig aus. Denn Kinder verstehen noch nichts von den vielen Differenzierungen, die Politik, Wissenschaft und Medien im Vergleich von biologisch und konventionell erzeugten Lebensmitteln machen.

Versuchen wir unseren Kindern einfach zu erklären, wo unsere Nahrung herkommt, wie sie entsteht, wird deutlich: Bio ist nicht nur ein Siegel, Bio ist eine Haltung. Sie ist getragen von dem Glauben, dass ein natürlicher Umgang mit unserer Umwelt auch ein nachhaltiger ist. Bio ist eben natürlich. In etwa so, wie es war, bevor künstliche industrielle Methoden in der Nahrungsmittelherstellung eingesetzt wurden. Die natürliche Erzeugung von Lebensmitteln dauert länger, kostet mehr und ist nachhaltiger, und sie gibt unseren Nahrungsmitteln und Produkten wieder einen höheren Wert. Das Prinzip der Natürlichkeit verstehen selbst unsere kleinsten Kinder.

Deswegen geht meine Tochter auch so gerne zu unserem Nachbarn, der 5 Hühner und einen Hahn hält. Sie holt sich dort frisch gelegte Eier von glücklichen freilaufenden Hühnern, eben ganz natürlich erzeugt. Bio ist eine Haltung zum Leben, daran gibt es nichts zu rütteln.  Auch wenn „natürlich“ noch immer nicht normal ist.

Annette Coumont
Annette arbeitet als freie Redakteurin und Autorin mit Schwerpunkt Achtsamkeit und bewusst nachhaltige Lebenstile. Sie schreibt auch für die evidero Redaktion…
  • David

    "In etwa so, wie es war, bevor künstliche industrielle Methoden in der Nahrungsmittelherstellung eingesetzt wurden."

    haha au ja! Nachdem ich nicht annehme das ein Geschichtsbuch bei ihnen reicht würde ich einen Besuch im subsaharischen Afrika empfehlen. Da könnens dann die Segnungen der vor-industriellen Landwirtschaft selbst erleben. Chronische Nahrungsmittelknappheit und daraus folgende Mangelernährung, Hungersnöte bei Ernteausfall oder Epidemien durch vor-industrielle Hygiene. Oder so nette Sachen wie etwa Malaria weil die für den europ. Markt produzierenden "Bio"-Bauern dort kein DDT verwenden dürfen (aber hey, sterben hald tausende Kinder an Malaria – eben ganz vor-industriell natürlich – das könnens dann auch gern ihrer Tochter vorm Essen erklären).
    Wenn ihre ideologische Verblendung nicht so traurig wäre würd ich diesen Blog ja unter der Kategorie: "urbanisierte wohlstandsverwahrloste Mitteleuropäer" abhaken …
    Um mit den faste immer passenden Worten eines ehm. österr. Bundeskanzler abzuschließen: "Lernens Geschichte" (und vielleicht auch ein bisschen – echte – Biologie, die würde nämlich ihre Natürlichkeits-Demagogie lügen strafen) …

    PS: Auch Bio-Bauern spritzen ihre Apfelbäume denn auch die können es sich nicht leisten das ~20% ihrer Ernte "ganz natürlich" weg-gefressen wird.