Achtsamkeits-Trends 2016: Gesund bleiben, mental fit sein, die Welt retten – Macht Zweck Sinn?

Die neuesten Trends vom Top-Kongress “Meditation & Wissenschaft” in Berlin: Erfahre, warum Achtsamkeit und Meditation so wichtig für uns sind.
Annette Coumont
von Annette Coumont
Meditation und Wissenschaft© jcomp - Fotolia.com

Stress, Überforderung, Burnout – die Arbeits- und Leistungskultur fordert uns immens heraus. Mittlerweile interessiert sich auch aus diesem Grunde jeder vierte Deutsche für Achtsamkeit und Meditation, meist um Selbstheilungskräfte zu aktivieren oder Sinn im Leben zu finden. Menschen, die regelmässig Yoga machen oder meditieren sind dadurch meist “bewusster” – sie leben einen achtsameren und gesünderen Lebenstil, der auch das soziale Miteinander und den nachhaltigen Umgang mit unserer Umwelt einschliesst. Die vielen positiven Aspekte von achtsamer Haltung und Verhalten werden von Forschern eingehend beobachtet und untersucht – bergen sie doch ein grosses Potenzial uns und unsere Welt aus uns selbst heraus zu verbessern.

Die tägliche Dosis Achtsamkeit sowie Risiko und Nebenwirkungen für unsere Gesellschaft

Wenn es uns schlecht geht, nehmen wir symptomorientiert meist erstmal eine Pille. Doch jedes Medikament und jede Therapie, welche uns beruhigen, entspannen oder die Schmerzen lindern sollen, werden vorher wissenschaftlich auf ihre Wirksamkeit sowie Risiken und Nebenwirkungen untersucht. Nun gibt es offenbar die ersten wissenschaftlichen Erkenntnisse über eine Art Therapie, die ursächlich und ganzheitlich wirkt, erstaunliche Heilungskraft besitzt und sogar umsonst erhältlich und für jeden geeignet ist: Die Meditation!

Frei von Nebenwirkungen ist diese neue Therapie allerdings nicht. Sie ist sogar geradezu voller Nebenwirkungen, denn behandelt man mit ihr zum Beispiel ein Stressleiden, dann stellt sich als Nebenwirkung häufig auch eine sozialere Haltung den Mitmenschen und der Umwelt gegenüber ein.

Wird Achtsamkeitstraining in Unternehmen Führungskräften angeboten, verändert sich sogar die Haltung der Unternehmenslenker in Puncto Nachhaltigkeit. So berichtete auch Peter Terium, CEO innogy S.E., auf dem Kongress Meditation & Achtsamkeit in Berlin von der wundersamen Verwandlung des Konzerns RWE in einen modernen Energiedienstleister, der mit grüner Energie den Ansprüchen des klimatischen Wandels gerecht werden möchte.

Wieviel Meditation verträgt das Business – und wieviel Business die Meditation?

Referenten beim Meditation und Wissenschaft KongressUnd nicht nur der Vorsitzende der innogy S.E., Peter Terium, bekannte sich auf dem Kongress eigens zur täglichen Meditationspraxis. Alle eingeladenen Unternehmensvertreter in der Diskussionsrunde “Macht Zweck Sinn?!” vertraten die Auffassung, dass Achtsamkeit ihre Unternehmenskultur und damit das gesamte Unternehmen verändert hat, darunter auch Erich Harsch, Vorsitzender der Geschäftsführung von dm, Mounira Latrache von Google sowie Peter Bostelmann von SAP Global.

Man könnte glauben, Achtsamkeit sei auf dem Weg eine Art Geheimwaffe im Business zu werden. Denn immer mehr Unternehmen setzen auf Meditation zur Förderung von Resilienz, Kreativität, Leadership oder Transformation der Unternehmenskultur. Studien scheinen auch nahezulegen, dass das funktioniert. Wie sich allerdings die Freiheitsdimension der Meditation tatsächlich mit der Effizienz- und Zielorientierung des Geschäftslebens verträgt, konnte in der durch den Zen Lehrer und ehemaligen PR-Agenturinhaber Paul J. Kohtes moderierten Diskussion mit den Konzernvertretern nicht abschließend geklärt werden. Denn der Prozess der unternehmerischen Transformation durch Meditationsmethoden steht noch immer am Anfang.

Da Meditation im ursprünglichen Kontext eine innere Freiheitsdimension besitzt, die wahrlich nichts mit dem Unternehmen zu tun hat, in dem man arbeitet, betonten Mounira Latrache, Leiterin des Search Inside Yourself Programms bei Google, und Peter Borstelmann, Leiter bei SAP Global für mindfulness practice, immer wieder, dass die Achtsamkeitsprogramme selbstverständlich freiwillig für die Mitarbeiter seien. Nur Peter Terium bekannte sich offen zur Zwangsbeglückung seiner Führungsriege durch Achtsamkeit, denn RWE hätte ohne den kulturellen Wandel von innen wohl kaum länger als Energieanbieter auf dem deutschen Markt existieren können.

Mit Meditation den Planeten retten? Bildung zu nachhaltigem Konsum durch Mitgefühlsmeditation

So wie tägliche Achtsamkeit oder Meditation die Kultur von ganzen Unternehmen zu ändern vermag, tut sie es auch bei jedem Einzelnen von uns. Und weil es so wichtig und wirksam ist, für welche Art von Konsum wir uns jeden Tag mit unserem Geldbeutel entscheiden, gibt es eine Reihe von Ansätzen kreativer Forschung, die den Zusammenhang von Achtsamkeit und nachhaltigen Konsum nachweisen wollen.

So zum Beispiel in dem Projekt “Bildung für nachhaltigen Konsum durch Achtsamkeitstraining” (kurz: BINKA), welches darauf abzielt, die Lücke zwischen vorhandenem Umweltbewusstsein und tatsächlichem Handeln zu schließen und die Menschen vermehrt zu einem nachhaltigen Konsumhandeln zu bemächtigen. Das Projekt wird von Forschern der TU Berlin unterstützt, die die genauen Zusammenhänge zwischen Meditation und Konsum transparent machen wollen.

Leider stehen eindeutige Forschungsergebnisse über einen konkreten Zusammenhang noch aus. Aber eines steht bereits heute fest: Wer Ethik und Mitgefühl in seine Meditationspraxis integriert, scheint eher ein tiefgreifendes Bewusstsein für die Lage unseres Planeten, für die Umwelt, die Tiere und seine Mitmenschen zu entwickeln.

Trainierbarkeit des Sozialen Gehirns: Von Stressreduktion zu mehr Mitgefühl und Kooperation

Die Wichtigkeit, einen ganzheitlichen Ansatz der Achtsamkeit zu praktizieren, der auch das Mitgefühl beinhaltet, hat inbesonders Dr. Paul Grossmann, Direktor Forschung in der Psychosomatischen Medizin Universität Basel sowie Gründer des Europäischen Zentrums für Achtsamkeit, den Teilnehmern des Kongress nahegelegt. In seinem umfassenden Therapie-Ansatz der ursprünglich im Buddhismus verankerten “mindfulness” spielen ethische Einstellungen wie Freundlichkeit, Mitgefühl, Geduld, Toleranz und Großzügigkeit, eine große – wenn nicht die wesentliche – Rolle zur ganzheitlichen Genesung des Menschen.

Untermauert wurde die These weiterhin durch Prof. Dr. Tania Singer, die die Abteilung für Soziale Neurowissenschaft des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften leitet. Sie stellte auf dem Kongress das ReSource Projekt vor, in dem sie der Frage nachgeht, wie die verschiedenen Meditationsformen (Aufmerksamkeitsschulung, Mitgefühlsmeditation und kognitive Meditation) auf das subjektive Erleben, das Gehirn, das Verhalten sowie auf die Gesundheit und Stress wirken.

Und welche Meditationsform besonders dazu beiträgt, soziale und bewusst nachhaltige Einstellungen zu fördern. Erste Ergebnisse des einjährigen Forschungsprojekts zeigen jedenfalls, dass uns Meditationsformen, die das Mitgefühl betonen, zu rundum besseren Menschen machen – Eine wichtige Erkenntnis in unserer auf Leistungsdruck, Wettbewerb, Eigennutzorientierung und Gewinnmaximierung getrimmte Wirtschaftsgesellschaft.

Bist du schon OMline?omlinemgazin-orange

In unserem Blog “OMlinemagazin” stellt evidero Autorin Annette Coumont Themen und Trends rund um Achtsamkeit, Yoga und ein bewusstes Leben vor. Wir zeigen euch, wie Achtsamkeit im Alltag, in der Familie, im Job, bei der Ernährung, in der Therapie oder beim Konsum konkret aussehen kann.

Achtsamkeitstraining in der Traumatherapie und der Behandlung von Depressionen

Auch die Heilung der Seele kann durch Achtsamkeitsmeditation gefördert werden. Die durch Achtsamkeit selbstregulierte Aufmerksamkeit auf emotionale und körperliche Vorgänge stärkt die positive Wahrnehmung des Selbstbildes und die emotionale Stabilität und kann Menschen helfen, die depressiv sind oder sogar durch Traumata psychisch erkrankt sind. Bereits heute wird die Achtsamkeitstechnik erfolgreich in der Psychotherapie und im klinischen Bereich eingesetzt.

So stellte Prof. Dr. Christine Kühler, die am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und an der Universität Heidelberg forscht, Ergebnisse ihrer Forschung mit Depressionskranken vor.

Ruminantives Grübeln, also die stetige Wiederholung (Wiederkäuen) von negativen Gedanken, spielt eine große Rolle bei der Entstehung von Depressionen. Durch Achtsamkeit können diese Gedankenschleifen unterbrochen und damit die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol wesentlich gemindert werden.

In der Traumatherapie, inbesondere bei der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), helfen Achtsamkeitsübungen, die negativen Erinnerungen in der Therapie besser zuzulassen. Denn erst, wenn Menschen ihre Erinnerungen zulassen, kann therapeutisch an einer Heilung und Überwindung der Traumata gearbeitet werden. Dr. Meike Müller-Engelmann und Corinna Schreiber, klinische Psychologinnen an der Goethe-Universität, stellten ein im Rahmen der Traumatherapie speziell angepasstes Verfahren der Achtsamkeitsmeditation vor, welches klassische Achtsamkeitsübungen wie Sitzmeditation ebenso beinhaltet wie den mitfühlenden Umgang mit sich selbst und anderen.

Um mehr erkrankte Menschen an die Methode der Achtsamkeitsmeditation heranführen zu können, bedarf es weiterer Forschung, die ihre Wirksamkeit nachweist. Denn nur durch eine Anerkennung konkreter Forschungsergebnisse durch unser Gesundheitssystem können achtsamkeitsbasierte Therapieansätze vielen Menschen zugute kommen.

Die Basis von Mindfulness nach Prof. Dr. Jon Kabat-Zinn: Dharma

Jon Kabat Zinn spricht beim Meditation und Wissenschaft Kongress

Jon Kabat-Zinn, der Begründer der modernen Achtsamkeitsbewegung, war life auf dem Kongress zugeschaltet. Im Gespräch betonte Kabat-Zinn die eigentlichen Wurzeln der Achtsamkeit, nämlich die ursprüngliche Lehre des Buddhismus, genannt Dharma.

In seinen Augen sollten alle auf Achtsamkeit basierende Meditationsmethoden generell im buddhistischen Sinne verankert sein. Wobei er vor allem den Aspekt des Mitgefühls betont “If we are not hearing “heartfulness” when we are hearing of speaking “mindfulness”, we are mis-understanding its essence. So the most important point will be that those to teach mindfulness, whether in medical or corporate or other settings, need to teach out of their own deep personal practice of mindfulness, developed over many years with the best teachers they can find.”

Neben der Betonung auf das Mitgefühl ist also auch die persönliche langjährige Erfahrung der eigenen Meditation ein wichtiger Punkt, um anderen Menschen überhaupt Achtsamkeit lehren zu können.

Meditation und Wirklichkeit – Macht Zweck Sinn?

Die Frage “Macht Zweck Sinn?!” des diesjährigen Kongress Meditation & Wissenschaft regte und regt weiter zum Nachdenken an. Geht es doch gerade um unsere innere Freiheit bei dem Thema Meditation. Diese wird aber durch Zweckentfremdung und Aneignung möglicherweise ihrem ursprünglichen Wesen beraubt. Unsere Gesellschaft neigt dazu Meditation, die im ursprünglichen buddhistischen Kontext frei von Absicht und Zweck ist, in gesamtgesellschaftlich nutzbare Konzepte zu stecken.

Ob in medizinisch-therapeutischen, pädagogischen oder wirtschaftlichen Zusammenhängen – immer muss es sich lohnen oder einen konkreten Nutzen haben, wenn wir meditieren.

Jon Kabat-Zinn jedenfalls macht zu einer rein zweckorientierten Anwendung der Achtsamkeitsmeditation eine eindeutige Absage: “It is not a matter of turning mindfulness into a concept, or an attentional exercise devoid of embodied self-awareness (emotional, cognitive and physical), other-awareness, an world-awareness. Mindfulness is about relationally at any and every level, no different from what might be called a field of embodied wakefulness or “pure awareness”.”

Dennoch wurden vor allem seine Achtsamkeitsbücher, -Konzepte und Programme zum großen Nutzen aller Menschen in die Welt getragen!

Annette Coumont
Annette arbeitet als freie Redakteurin und Autorin mit Schwerpunkt Achtsamkeit und bewusst nachhaltige Lebenstile. Sie schreibt auch für die evidero Redaktion…
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