Leidenschaft: Vespa fahren: So eine Vespa ist wie eine Freundin

Sobald die ersten Sonnenstrahlen rauskommen, beginnt die Roller-Saison. Das sollte man nach der Winterpause beachten, bevor es auf die Straße geht.
von Claus Spitzer-Ewersmann
Beides haben: Vespa und FreundinFoto: 08-01-12 @ kristian sekulic

Jedes Jahr das gleiche Spiel: Kaum schickt der Frühling seine ersten Sonnenstrahlen zur Erde, herrscht in Jörg Heilemanns Roller-Werkstatt in Bremen Hochbetrieb. evidero-Autor Claus Spitzer-Ewersmann hat sich für uns in der Roller-Szene umgeschaut.

Elegant und leise schnurren die flinken Scooter durch die Straßen. Stolz sitzen die Fahrer auf den Sitzen, die Nase keck in den Fahrtwind gereckt. „Roller sind ideale Stadtvehikel — attraktiv und wendig, modern und trotz gestiegener Spritpreise noch immer preisgünstig“, sagt Jörg Heilemann, Inhaber einer Zweiradwerkstatt nahe des Bremer Weserstadions.
Ein großer Vespa-Liebhaber ist Bernd Pistoor. Beinahe zärtlich streichelt der Bankkaufmann über das Vorderblech seines grünen Rollers. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht — das Lächeln derer, die das Leben gern von der leichten Seite nehmen, seine italienischen Momente lieben. Versonnen spielt der 31-jährige mit dem Gasgriff, tätschelt vorsichtig über die Sitzbank. Pistoor schwört auf die Klassiker aus der Piaggio-Schmiede. Aus seinem Tagtraum hochschreckend, sagt er: „So eine Vespa ist wie eine gute Freundin.“ Von seiner Wohnung am Stadtrand zum Arbeitsplatz im Zentrum braucht er mit ihr (der Vespa) 15 Minuten. Mit dem Auto dauert die Fahrt dreimal so lang. „Klar, ich kenne ein paar Schleichwege.“
Auch Ingrid Krugmann vom Verein Bremer Vespafreunde liebt das dumpfe Bullern des Zweitaktmotors. „Vespafahren ist Kult“, verrät die 55-Jährige, die sich gegen den vermeintlichen Jugendwahn unter den Rollerfahrern verwahrt: „Gerade für die Älteren ist das eine sehr komfortable Art der Fortbewegung.“

Lieber klassisch oder modern?

Schrauber Heilemann kann dem Clubtreiben indes nicht viel abgewinnen. „Da sind ziemliche Nervensägen dabei, die meinen, alles besser zu wissen“, klagt er. Besser als er? Kaum denkbar. Der Bremer ist Experte in allen Scooter-Fragen. Sein ganzer Stolz steht als Glanzstück in der überfüllten Werkstatt: Die gelbschwarz lackierte IWL Berlin (mit Reserverad!) aus dem Jahr 1960 ist ebenso fahrtüchtig, wie die weinrote, bereits 1956 gebaute Zündapp Bella. Beide haben das TÜV-Siegel und schaffen, so der 39-jährige Besitzer, noch ganz gut ihre 80 Stundenkilometer. Allerdings: „Leider ist nach jeder Fahrt ein Batteriewechsel nötig.“ Heilemann gibt knurrig zu, dass das den Fahrspaß nicht unwesentlich einschränkt.
Wer es etwas schlichter — aber wohl auch zuverlässiger — mag, wird von dem Händler mit Marken wie Kymco und Malaguti, aber auch spartanisch ausgestatteten Modellen von Simson gut bedient. Rund 200 Roller verkauft Heilemann im Jahr. Tendenz? „Deutlich mehr als früher“, rechnet er vor. Und das trotz der Billigkonkurrenz der Bau- und Supermärkte. Die Kraftfahrzeug-Zulassungsstelle bestätigt den Trend. Allein in der Stadt Bremen waren zu Beginn des Jahres rund 2000 Roller angemeldet, zehn Prozent mehr als im Vorjahr.

Safety First ist das Motto nach einer langen Winterpause

Etwas Besonderes ist stets die erste Ausfahrt des Jahres. Monatelang hat der kleine Flitzer im Winterquartier verbracht. Spätestens aber, wenn die Temperaturen in den zweistelligen Bereich klettern, will er raus aus der Garage. Vor der Premierentour aber steht — safety first — der große Frühjahrs-Check auf dem Programm. Manches kann man auch ohne größere Schrauberkenntnisse selbst machen, beispielsweise den Druck der Reifen prüfen. Es kommt schließlich bei den besten Modellen vor, dass sie Luft verlieren. Dann ab zur nächsten Tankstelle und nachfüllen. Und gleich auch mal nach dem Profil, sowie der allgemeinen Beschaffenheit schauen. Gerade, wenn der Winter knackig kalt war, sind die Reifen vielleicht porös geworden.
„Hat man Zweifel, dann zum Fachmann und notfalls auswechseln lassen“, empfiehlt Jörg Heilemann. Grundsätzlich, so fügt er hinzu, sei der Saisonbeginn der beste Zeitpunkt für einen Werkstattbesuch. Zwar kostet die Inspektion ein wenig Geld, sie verspricht aber Rundum-Sicherheit. „Wir testen die Bremsen, prüfen alle Hebel und den Ölstand und schauen uns selbstverständlich auch die Beleuchtung an.“ Denn auch, wenn die Tage im Frühjahr wieder länger werden: Die Devise „Licht an!“ gilt auch für die Fahrer der coolsten Roller.

Lange Zeit als Redaktionsleiter und CvD beim Hamburger Jahreszeitenverlag beschäftigt, publiziert Wortwexxel-Mitgründer Claus Spitzer-Ewersmann seit 1999 als Autor in überregionalen Tages- und Wochenzeitungen, Fachmagazinen und -büchern. Themenschwerpunkte: Marketing, Gastronomie, Reise.