Kirche der Stille: Ruhe finden inmitten der Hektik

Die Kirche der Stille bietet mitten in Hamburg einen Ort der Ruhe, an dem Menschen sich selbst näher kommen und eine spirituelle Dimension in ihrem Leben erfahren können.
von Sabrina Gundert
Kirche der Stille - InnenraumFoto: © Annette Roemer

Mitten in Hamburg bietet die Kirche der Stille einen offenen Raum für Menschen auf der Suche nach Stille und einer spirituellen Dimension in ihrem Leben. Statt Kirchenbänken und Altar laden Meditationskissen, Kerzen und gemütliche Sitzecken zum Innehalten mitten am Tag und zum Eintauchen in die Stille ein.

Nur wenige Meter entfernt von einer der großen Hauptstraßen in Hamburg-Altona mit Restaurants, Kiosken und Friseurläden, wird es Straße um Straße ruhiger. Wohnhäuser dominieren, zwischen ihnen ein weitläufig angelegter Spielplatz, eine große Kindertagesstätte, junge Familien, die sich nach Feierabend mit ihren Kindern hier treffen. Gleich daneben eine Backsteinkirche, die zwar zur evangelischen Kirchengemeinde gehört, mit traditionellen Kirchenhäusern aber wenig gemein hat.

Wer die Christophoruskirche hier, in Hamburg-Altona betritt, ist vor allem auf der Suche nach einem: Stille. Statt Kirchenbänken, Kanzel und Altar ist der Innenraum der Kirche leer. Wohltuende Weite empfängt einen, kaum ist man durch den kleinen Vorraum mit Sitzecke, Dicke-Socken-Korb gegen kalte Füße und Schließfächern für Wertgegenstände, getreten. Leicht fühlt man sich, so ganz ohne Schuhe, Jacke und Tasche. Fast ein bisschen wie zu Hause, denn heimelig ist es hier auch: Ein Kreis aus Sitzkissen und -Bänkchen wartet in der Mitte auf die Besucher. An den Kirchenseiten gibt es breite Bänke mit Kissen und Decken. Die Wände der Kirche sind weiß, nur in einer Ecke steht ein kleines Kreuz aus Holz, daneben eine große getöpferte Schüssel mit Sand und langen Kerzen drin, wer mag, kann eine anzünden — kostenlos. In einer anderen Schale liegen Karten mit Zitaten, die zum Nachdenken und Innehalten anregen.

Eine Antwort auf die Sehnsucht vieler Menschen

Das Konzept der Kirche der Stille, die zur evangelisch-lutherischen Gemeinde Altona-Ost gehört, ist einzigartig in Deutschland — vor allem, da die Kirche weiterhin zur Gemeinde zählt und nicht durch Verkauf oder Aufgabe ihre neue Funktion bekommen hat. Es ist eine Antwort auf die Sehnsucht vieler Menschen, in Stille Gott und sich selbst näher zu kommen. Eine Antwort auf die Suche nach einem persönlichen Weg, der Kraft, Orientierung und Halt im täglichen Leben gibt.

„In die Kirche der Stille kommen überwiegend Menschen, die nicht in den traditionellen Gemeinden zu finden sind“, sagt dann auch Pastorin Irmgard Nauck, die den Umbau der Kirche maßgeblich mit initiiert hat. „Nach einer Fusion dreier Gemeinden mit drei alten Kirchen im Jahr 2007 wollten wir in jeder Kirche etwas Besonderes anbieten. Die Kirche der Stille liegt in einem Stadtteil, in dem Menschen leben, die offen sind für andere Formen der Spiritualität und Meditation“. Anders heißt in diesem Fall: unabhängig von traditionellen christlichen Gottesdiensten.

Und so überschneiden sich die Besucher in der Kirche der Stille kaum mit denen, die in den anderen Gemeinden aktiv sind. Es sind vor allem Menschen mit Hochschulabschluss, die hierherkommen. Menschen aus der Nähe, aber auch aus weiter entfernten Stadtteilen oder Hamburger Vororten. Gemein ist ihnen allen die Suche nach Stille, nach einem Berührtwerden im Innersten und nach persönlichen spirituellen Erfahrungen. Viele haben sich dabei über die Jahre vom Christentum entfernt und möchten sich in diesem offenen Raum der Religion wieder annähern, manche kommen von einem buddhistischen Weg und suchen vor allem transkonfessionelle Angebote. Anderen geht es darum, auch ohne religiöse Prägung eine spirituelle Dimension in ihr Leben einzubringen.
„Unser Ziel ist es, einen offenen Raum für Suchende zu schaffen, die Erfahrungen mit Glauben machen und sich in einem Glaubensweg einüben wollen“, so Pastorin Nauck. Das heißt auch, offen zu sein für andere Traditionen. So haben in der Kirche der Stille auch andere spirituelle Wege in die Stille, wie Sufi- oder Zen-Meditationen, interreligiöse Meditationen oder Vorträge über Mystikerinnen und Mystiker der verschiedenen Religionen ihren Platz.

Tanzen, Singen und Schreiben als Formen von Meditation und Gebet

Rhythmus und offener Raum wechseln einander ab in der Kirche der Stille. So ist die Kirche von 12 bis 18 Uhr geöffnet zur freien Verfügung, morgens und abends gibt es zudem wiederkehrende Meditationen, wie Soul Motion, Meditation im Tanz, und jeden Abend sowie an den Wochenenden verschiedene Angebote, wie Jin Shin Jyutsu, Lieder des Herzens zum Mitsingen oder auch eine Schreibwerkstatt, in der Briefe an Gott verfasst werden.

So bunt das Programm, so bunt auch die Mischung derer, die man an einem Nachmittag in der Kirche der Stille trifft: Den junge Mann, der, die Hände vor der Brust gefaltet, auf seinem Meditationsbänkchen leise und innig Worte zitiert. Die Frau, die auf einer der Bänke am Rand liegend mit geschlossenen Augen der Stille lauscht.
Wer mit einem der rund 35 Menschen, die abwechselnd während der Öffnungszeiten die  Stille der Kirche hüten, spricht, erfährt: Jeder Dienst ist eine Wundertüte, immer gibt es ungewöhnliche und schöne Begegnungen, kurze Gespräche, zum Beispiel, wenn jemand die Kirche verlässt und sich noch kurz zu einem Tee und Plausch zum Kirchenhüter setzt. Aber es gibt auch die, die jeden Tag kommen, dem Hüter leicht zunicken, mit Wink auf den Kircheninnenraum kurz fragen „Jemand drin?“, um dann mit geübten Griffen ihre Tasche zu verstauen, eine bequeme Hose anzuziehen und leise in der Kirche zu verschwinden.

Bedürfnis nach Stille im hektischen Alltag

Die Resonanz auf die Kirche der Stille, sagt Pastorin Nauck, sei überwältigend: „Wir haben gut 10.000 Menschen, die jährlich die Kirche besuchen. Zu den regelmäßigen Meditationsabenden kommen viele zum Teil jede Woche. Ich denke, es gibt gerade in der heutigen Zeit ein vermehrtes Bedürfnis nach Stille im oftmals hektischen Alltag.“ Gerade in der Stadt brauche es mehr Raum für das einfache Sein und auch Raum für eine Spiritualität in neuen Formen, ist sie sich sicher. „Auch ich bin jeden Tag in der Kirche der Stille und meditiere regelmäßig mit dem Herzensgebet, einer christlichen Meditationsform.“

Wer die Kirche nach einigen Stunden der Stille wieder verlässt, nimmt die quirlige Stadt mit anderem Blick wahr und innerlich taucht unweigerlich die Frage auf, wie man nur so viele Jahre ohne solch eine wohltuende Zeit der Stille mitten im Alltag leben konnte.

Expertin: Sabrina Gundert
Sabrina Gundert ist Schreibcoachin, freie Journalistin und Autorin. Ihr Studium der Geographie hat sie die äußere Welt erforschen lassen, das Schreiben die innere...

Weitere Informationen:

www.kirche-der-stille.de/