Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau: Wie steht es um die Gleichberechtigung?

Gibt es typische Geschlechterrollen überhaupt noch? Wie hat ein Mann zu sein und wie eine Frau? Unsere neue evidero-Bloggerin hinterfragt das Ganze.
von Svena Steinbrecher
Gibt es wirklich Gleichberechtigung?© Dirima - Fotolia.com

Svena Steinbrecher ist berufstätig, alleinerziehend und ziemlich tough. Als evidero-Bloggerin schreibt sie unter anderem über Geschlechterrollen. Sie fragt sich: Gibt es wirklich schon echte Gleichberechtigung? Oder halten wir Dinge für Gleichberechtigung, die gar keine sind?

Ich habe mit Neugier die Diskussion um die Frage nach dem „starken“ Geschlecht verfolgt. Sind die Frauen die Stärkeren und die Männer plötzlich die Schwachen, die in der Schule schlechter abschneiden, in den Universitäten in der Unterzahl sind und emotional verwirrt? Und, kann man das überhaupt so kategorisch sagen? Gibt es das überhaupt? Das schwache Geschlecht – oder das starke?

Ich habe diese Diskussion aus meiner Sicht betrachtet. Und diese Sicht ist aus über 1,80 Metern Höhe als alleinerziehende Mutter, die das Leben alleine stemmt, mit Kindererziehung, Job und Haushalt. Ich kriege das auch alleine hin, gar keine Frage. Ich wirke nicht nur stark (schon alleine wegen der Größe!), sondern bin es auch.

Ich bin als Kind der späten Siebziger aufgewachsen, dessen Eltern den Muff von hundert Jahren aus den Talaren der Professoren vertrieben und die Kämpfe der Nachkriegsgeneration ausgetragen haben und uns so die Freiheit ermöglicht haben, alles zu tun, was wir wollen.

Männerhassende Frauen – aber noch keine echte Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau

Meine Tante ist lesbisch und hat in den frühen Achtzigern mit ihren Freundinnen der Männerwelt mit erhobener Faust den Kampf angesagt und ich war live dabei. Sie wohnte nicht nur in unserem Haus, sondern war auch meine Lieblingstante und ich habe gerne Zeit mit ihr verbracht. Ich war viel in einem Frauencafé, in dem sie gearbeitet hat und in dem Männer tatsächlich verboten waren. Männer brauchten sie nicht. Nicht in ihrem Leben.

Das zeigte sich besonders in dem Augenblick, als eine Frau mit Vollbart hereinkam. Mich hat das verwirrt. Mich hat auch die Leiter verwirrt, die mein Vater an das Fenster des ersten Stocks gelehnt hatte, um in unsere Wohnung zu kommen. Er wollte nicht bei den männerhassenden Frauen vorbei, die dem „scheiß Mann“ drohten „den Pimmel abzuschneiden“. Auch wenn es extrem klingt und meine Tanten und ihre Freundinnen auf die Straße gegangen sind, Sexisten angeprangert und Häuser besetzt haben und dafür teilweise in den Knast gegangen sind, so haben sie doch mir und allen anderen zukünftigen Frauen den Weg für eine Zukunft geebnet, in der wir entscheiden können, was wir machen möchten und was nicht.

Wir können zur Schule gehen, studieren, Kinder kriegen, trotzdem Karriere machen oder auch nicht. Heiraten oder nicht, einen Liebhaber haben oder eine Liebhaberin, heute ist alles cool. Ganz wie wir wollen. Natürlich heißt das nicht, dass heute, dreißig Jahre später, die totale Gleichberechtigung herrscht und nach wie vor Sexismus an der Tagesordnung zu sein scheint, wie man der #Aufschrei Twitterei entnehmen kann.

Doch hat all dies doch auch eine Ordnung, die lange herrschte, durcheinander gebracht. Diese alte Ordnung, in der der Mann der „Starke“ war, das Oberhaupt der Familie, der für das Geldverdienen zuständig war und den Haushalt und die Kindererziehung der Ehefrau überließ. In der emotionales Gepäck einfach auf dem Schrank verstaut wurde, wo es Staub ansetzte und nicht berührt wurde. Die Positionen waren klar. Ich sage nicht, dass es besser war, auf keinen Fall, ich möchte mir nicht vorstellen, wie sich die Ehefrauen der 50er Jahre gefühlt haben, so abhängig und degradiert. Und natürlich verallgemeinere ich hier!

Die Rolle des Mannes gestern und heute: Shades of Grey oder Windeln wechseln?

Doch kann ich mir vorstellen, wie sich die Männer von heute fühlen, die verunsichert zu sein scheinen. Sie stehen Frauen gegenüber, die so sind wie ich: unabhängig, stark, aufgeklärt und mindestens genauso verwirrt. Wie kann ein Mann den Ansprüchen gerecht werden, die in diesem Jahrtausend an ihn gestellt werden? Ein Mann soll bitte sensibel und emotional sein, liebevoll zu den Kindern und ohne Murren die Windeln wechseln, aber bitte kein Weichei, aber auch kein Macho, der die Frauen unterdrückt, es sei denn, man spielt die 50 Shades of Grey nach und will das.

Trotzdem soll der Mann bitte männlich sein und den von ihren Haaren verstopften Abfluss reparieren, bitte die Rechnung im Restaurant bezahlen und die Tür aufhalten, aber trotzdem über die Gefühle und die Beziehung zur Mutter sprechen… Wahrscheinlich gibt es gar keinen richtigen Weg. So kommt es, dass ich immer wieder Paare beobachte, wo die Frau dominiert und die absolute Oberzicke ist und den Mann herumkommandiert und enteiert, wo der Mann sich zu sagen scheint: ach, was soll‘s, ich lass‘ sie machen, dann gibt es wenigstens keinen Stress. Wo er den Kopf einzieht und die Frau sich insgeheim einen Mann wünscht, der ihr die Stirn bietet. Sind das die starken Frauen?

Die starken Frauen sollen bitte unabhängig sein, ihr eigenes Geld verdienen, wissen was sie wollen, am besten Karriere mit Kind unter einen Hut kriegen und dabei noch einen LesMills-gestählten Körper haben, der weiblich und frei von irgendwelcher Behaarung ist. Im Bett alles mitmachen und Spaß dabei haben und dann mit den Männern Bier trinken und Fußball gucken.

Svena Steinbrecher, Jahrgang 1978, weiß immer noch nicht, was sie werden soll, wenn sie mal groß ist...
Buchtipp
Wie steht es um die Gleichberechtigung?
  • jesse pinkman

    Geht es nicht grundsätzlich darum "Geschlechterrollen" wörtlich zu nehmen, als "Rollen" die wir "spielen"? Und liegt die tatsächliche Stärke nicht eher in einem selbst ? Dieses Rollenspiel bereitet häufig Frust, wenn nämlich die Rollenvorlagen alt, sozusagen Konventionen sind und das "Spiel" quasi automatisiert ist, kann aber auch durchaus lustvoll sein, wenn man Rollen bewußt annimmt und "spielt".

  • sfohrer

    Es kommt wohl darauf an, wie sich die einzelnen Menschen als Mensch im bürgerlichen Kontext positionieren. Abgesehen von den traditionell behafteten Rollenklischees ist die Gesellschaft auf dem besten Weg in eine interessante Zukunft. Besonders die Europäische, die hinsichtlich der geschlechterabhängigen Definition hoffentlich ausstrahlende Wirkung entfaltet. Leider ist die hiesige Wirtschaftsstruktur noch immer nicht imstande, gleiches Geld für gleiche Arbeit zu bezahlen. Die Nachteile einer Mutterschaft bezüglich Arbeitserhalt oder der Beibehaltung der Postition innerhalb einer Arbeitsstelle sind nicht ausgeräumt, lang nicht, das ist bedauerlich. Wenn man jedoch die Diskriminierung betrachtet, die sich bei der Gleichstellung der Ehe für homosexuelle oder lesbische Paare auftut, ist da noch viel Platz zum beackern. Daß das Niederschlag findet auf die engste Gemeinschaft, die der Ehe oder entsprechende Formen des Zusammenlebens, ist für mich klar. Wichtig ist deshalb, für die Frauen und auch für die Männer, die Voraussetzungen politisch zu schaffen, dass es Gleichstellung im Arbeitsbereich, in der Vergabe von Arbeit, in der Kinderbetreuung bzw. Kindergärten, Schulen u.s.w. gibt. Entlastung der Eltern durch staatliche Institutionen mit hoher Qualität. Die Schere zwischen Arm und Reich fördert die Misstände in diesen Bereichen, die Steuern für Vermögen sind effektiv zu gering, als dass man von einer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft reden kann. Keine staatlichen Einnahmen führen zu schlechten Schulen und mangelhafter Ausbildung. Um die Rollen der Geschlechter zu erkennen und zu beurteilen ist also das Gesamte politisch-sozial zu sehen. Entfalten können sich Menschen nur, wenn es die Möglichkeiten dazu gibt, gute Ergebnisse in Schule und Beruf können nur dann erzielt werden, wenn die Lernvoraussetzungen vorhanden sind.

  • jesse pinkman