Gewissensfragen beim Fleischkonsum

Schau mir in die Augen, du Wurst!

Bringt es mehr Bewusstsein, wenn man weiß, von welchem Tier eine Wurst stammt? Und nützt das dem Tier?
Da lacht die Wurst?Foto: Patrick Pleul © dpa

Auf der Webseite meinekleinefarm.org gibt es Deutschlands makaberstes Casting: Welches Schwein soll in die Wurst? Was als Respekt vor Tieren gemeint ist wirkt für Vegetarier mehr als skurril.

Der Markt des guten Gewissens wächst und wächst. Was können wir nicht alles kaufen, das weniger schlecht ist – bloß damit wir Laster, Gewohnheiten und Bequemlichkeiten nicht aufgeben müssen. Wir können Zuchtfisch verspeisen – der zuvor mit Wildfisch gefüttert wurde. Beispielsweise. Wir können auch unseren CO2-Ausstoß beim Kurzurlaub mit ein paar Cent kompensieren, wir können den alten Kühlschrank durch einen neuen ersetzen und zum Bierkühlen in den Keller stellen; wir können selbst als botanische Laien Samenbomben in städtische Brachen feuern. Und wir können die kaum getragenen Klamotten alljährlich in die Sammelbox geben – damit wieder Platz sei für die Neuerwerbungen.

Ach, genug davon. Das mit dem nachhaltigen Konsum ist ja wirklich nicht einfach! Aber vielleicht ist das folgende Projekt ja ein Ansatzpunkt für Sie: Erwerben Sie eine Brise frisches Karma bei „Meine kleine Farm“. Was Sie dazu tun müssen ist recht einfach, sie müssen dazu lediglich etwas tiefer in die Tasche greifen: Bestimmen Sie online das Schwein, das für Ihre Wurst sein Leben lassen soll. Das ist ganz und gar nicht zynisch gemeint – es ist „Meat on a Mission“. Die Idee: “Wer auf anonymes Massenfleisch verzichtet und stattdessen nur ab und zu „Fleisch mit Gesicht“ von glücklichen Schweinen kauft, der bringt gutes Karma – für sich, die Tiere und den Rest der Welt” – so steht es auf der Website meinekleinefarm.org. Wie das Tier geschlachtet wird, muss man sich aber nicht ansehen. Soweit geht das mit dem „Respekt“ dann doch nicht. Wer will schon seiner sterbenden Wurstquelle „in die Augen sehen“. Zuvor allerdings waren die Tierchen allesamt „glücklich“ – und wenn’s am schönsten ist, soll man ja bekanntlich gehen, auch wenn man erst neun Monate alt ist.

Das Fleisch, das einen Auftrag hat, ist sehr begehrt, sodass sich mittlerweile rund ein Dutzend kleine Schweinchen mit ihrem rosigen Gesicht auf den Etiketten der aus ihnen bereiteten Wurst verewigen durften. Freilich auch das ist nichts für die Ewigkeit, aber immerhin ein Weg aus der Anonymität. Per Blog kann der renitente Fleischkonsument erfahren, welches Tier sich noch glücklich im Dreck suhlt, aber dennoch „schon fast wieder ausverkauft“ ist. Nach Art der Castingshows konnten die Kunden neulich unter dem Motto „Deutschland sucht das Superschwein“ aus fünf Borstenviechern wählen – das brachte bundesweite Aufmerksamkeit.

Eigentlich ist die Idee durchaus nachahmenswert. Der Ansatz ist schließlich, den Tieren ihre Würde wiederzugeben. Und es macht dem ein oder anderen wohl deutlich, wo das Fleisch herkommt und wie es entsteht. Daher meine Vorschläge fürs nachhaltige Lifestyle-Karussell – diesmal unter dem Stichwort „Würde“:

  1. Wälder roden in Brasilien für Soja mit Gesicht. (Jochen Schweizer wurde als Mitveranstalter angefragt).
  2. Eine Kinderpatenschaft in Bangladesch für das Projekt Danke, dass du meine coolen Schuhe nähst.
  3. Ein webbasiertes Charity-Modul namens Mein Kühlschrank für XY (Person anhand eines Katalogs frei wählbar). Hier kann man seinen wertvollen Elektroschrott an einen verarmten Müllsammler in Nordafrika oder Südasien spenden.

Ein Foto und die Lebensgeschichte der freiwilligen Teilnehmer sollen bei der Auswahl helfen und machen die Sache gleich viel persönlicher.

Bitte wählen Sie bis zum 12. Juni aus diesen drei Ideen die aus, die Ihnen am besten gefällt (keine Angst, die anderen beiden werden bestimmt ebenfalls umgesetzt). Unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern verlosen wir dreimal eine kostenlose Teilnahme am internationalen Blutspendetag (14.6.) in einer Stadt Ihrer Wahl. DAS gibt dann mächtig frisches Karma!

Mertz neu
Torsten Mertz ist Geograph, Redakteur und Autor. Er arbeitet in einem renommierten Münchner Nachhaltigkeits-Verlag, ist Verfasser des “Schnellkurs Ökologie” und schreibt gerade an einem weiteren Band der Kochbuch-Reihe „Gemüse ist mein Fleisch“. Bei evidero bloggt er über sein Lieblingsthema: die Gewissensfragen, mit denen sich ein interessierter Konsument heute konfrontiert sieht.

Weitere Informationen:

Meine kleine Farm: http://www.meinekleinefarm.org/

Tags: Natur

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