Buchrezension Brené Brown: Von der Sehnsucht nach Unvollkommenheit

Unvollkommenheit ist die Voraussetzung, um eine Verbindung mit anderen Menschen einzugehen, behauptet Brené Brown, eine renommierte Schamforscherin aus den USA. Denn wer vollkommen ist, verschließt sich einem Leben aus vollem Herzen.
Jutta Echterhoff
von Jutta Echterhoff
Gaben der Unvollkommenheit© drubig-photo - Fotolia.com

Wir sind getrieben von dem gesellschaftlichen oder selbst gemachten Druck, möglichst alles richtig machen zu müssen – und zwar in allen Lebensbereichen. Je mehr wir uns abstrampeln, desto höher die Anerkennung anderer und schließlich die Zufriedenheit mit uns selbst. Mit einem erfüllten Leben aus vollem Herzen hat dieses Bestreben allerdings nichts zu tun. Im Gegenteil: Perfektionismus ist der größte Feind der Lebensfreude. Worauf es stattdessen ankommt, weiß Brené Brown aus ihrer langjährigen Forschungsarbeit als Schamforscherin.

Allein der lange Titel des Buches Die Gaben der Unvollkommenheit – lass los, was du glaubst sein zu müssen und umarme, was du bist. Leben aus vollem Herzen macht stutzig und neugierig. Sind wir bisher nicht davon ausgegangen, dass Vollkommenheit ein ziemlich anzustrebender Zustand sei? Und jetzt doch nicht?

In der Wissenschaft gilt diese Erkenntnis von Brené Brown als bahnbrechend. Und vor allem ist sie empirisch belegt. Abertausende Interviews hat Brené Brown während ihrer langjährigen Tätigkeit als Schamforscherin geführt und dabei nachgewiesen: Nicht die Vollkommenheit eines Menschen macht ihn glücklich, sondern seine Unvollkommenheit. Was also läuft da bei uns schief?

Zusammenhang zwischen Schamgefühl, Verletzlichkeit und Selbstwert

Um das zu erklären, widmet sich die Buchautorin intensiv dem Begriff des Schams. Für sie sind Schamgefühle der Ursprung des Leidens. Sie hindern Menschen daran, aus vollem Herzen zu leben. Aus Angst, die eigene Verletzlichkeit zu offenbaren und angreifbar und verwundbar zu sein, vermeiden wir es, unser wahres Ich zu zeigen, so die zentrale These von Brené Brown. „Scham ist das äußerst schmerzhafte Gefühl, bzw. die äußerst schmerzhafte Erfahrung, zu glauben, dass wir fehlerhaft sind und deshalb keine Liebe und Zugehörigkeit verdienen. Was wir dabei verpassen, wenn wir uns schamhaft verhalten, ist das wahre Leben. Wir halten lieber wahre Gefühle zurück, verhalten uns angepasst und unauffällig aus Angst, als nicht wertvoll wahrgenommen zu werden und nicht zugehörig zu sein, zwei der grundlegendsten Sehnsüchte von Menschen. Sowohl Liebe als auch Zugehörigkeit sind menschliche Grundbedürfnisse. In biologischer, kognitiver, körperlicher und spiritueller Hinsicht sind wir darauf programmiert zu lieben, geliebt zu werden und dazuzugehören.

Erfahren wir eine Abweisung in beiden Bereichen, sinkt das Selbstwertgefühl und das kann erhebliche seelische Schmerzen nach sich ziehen, die es um alles in der Welt zu vermeiden gilt. Gleichzeitig verschließen wir uns eben diesen beiden Grundbedürfnissen, wenn wir ihre Verletzbarkeit mit aller Macht versuchen zu vermeiden.

„Wir können Gefühle nicht selektiv betäuben. Wenn wir die schmerzhaften Gefühle betäuben, betäuben wir die positiven gleich mit.“ Brené Brown

Nicht perfekt sein zu wollen ist ein Wagnis

Eine gute Strategie, dies zu verhindern, ist Perfektionismus: „Wo Perfektionismus herrscht, lauert immer Scham im Hintergrund. Der Perfektionismus ist eine Art Schutzschild, ein Panzer, hinter dem wir uns verstecken.“ Mit anderen Worten: Besser keine Gefühle zeigen und nicht sagen, was man denkt oder fühlt, dann kann auch nichts passieren. Auf Nummer sicher gehen! Laut Brené Brown der beste Weg, ein durchschnittliches Leben zu führen.

 

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Nicht perfekt sein zu wollen ist allerdings ein Wagnis. Automatisch offenbart man seine Schwachpunkte, entspricht nicht der Norm oder den Erwartungen anderer oder einer Gesellschaft. Man macht sich angreifbar und verletzbar, aber genau das, so das Ergebnis der Studien von Brené Brown, verbindet Menschen miteinander – eine tief verwurzelte Sehnsucht.

Die Unvollkommenheit verbindet Menschen

Nichts verbindet Menschen mehr miteinander als ihre Unvollkommenheit, ihr Nicht-Perfektionismus. Denn, so die Wissenschaftlerin, nur wer die Gaben der Unvollkommenheit Mut, Mitgefühl und Verbundenheit (im Original courage, compassion, connection) lebt, schafft es, sich mit anderen Menschen zu verbinden und damit Liebe und Zugehörigkeit zu erfahren und seinen Selbstwert anzuerkennen. Wer seine eigenen Fehler umarmt, kann ohne Scham- und Schuldgefühle die Gaben der Unvollkommenheit (in Original Gifts of Imperfection) empfangen.

„There is a crack in everything, that´s how the light gets in.” Leonard Cohen

Kultivierung von Mut, Mitgefühl und Verbundenheit

In ihren wissenschaftlichen Studien hat Brené Brown belegt, dass Menschen ihr Leben dann aus vollem Herzen leben, wenn sie genau diese drei Eigenschaften beherzigen und in ihrem Leben kultivieren. Sie stärken Beziehungen, machen aber gleichzeitig verletzbar.

Mut – bei Mut geht es darum, die eigene Verletzlichkeit aufs Spiel zu setzen. In der heutigen Welt etwas sehr Außergewöhnliches

Mitgefühl – mitfühlende Menschen setzen Grenzen und erwarten Verantwortung, wobei sie andere niemals beschämen oder persönlich verletzen.

Verbundenheit – eine Energie, die zwischen Menschen entsteht, wenn sie sich gesehen, gehört und geschätzt fühlen.

Doch genau diese drei Eigenschaften sind es, die extrem mit Schamgefühlen und auch Schuld behaftet sind. Wer mutig ist, und seine Meinung sagt, macht sich angreifbar. Wer sich ständig darüber Gedanken macht, was andere über ihn denken, passt sich entweder an oder zieht sich zurück („Scham liebt Verschwiegenheit“). Nur indem wir Verletzbarkeit zulassen und den emotionalen Schutzpanzer um uns herum fallen lassen, können wir in Beziehung zu anderen Menschen treten. Ein Leben aus vollem Herzen ist dann möglich, wenn wir Schamgefühle nicht zurückhalten und stattdessen Mut, Mitgefühl und Verbundenheit Raum geben.

Jetzt ist allerdings mit den Gaben Mut, Mitgefühl und Verbundenheit so, dass wir sie nur durch ein entsprechendes Handeln erwerben. Soll heißen: so wie wir schwimmen lernen, indem wir schwimmen, lernen wir mutig, mitfühlend und verbunden zu sein, indem wir es praktizieren. Gleichzeitig empfinden wir Liebe zu uns selbst und bekommen von anderen Liebe, Dankbarkeit, Empathie und Freude dafür zurück.

 

Zehn Wegweiser für ein Leben aus vollem Herzen nach Brené Brown

Im zweiten Teil ihres Buches motiviert Brené Brown dazu, die zehn folgenden Eigenschaften oder Aktivitäten im Leben zu kultivieren. Die Autorin beschreibt in diesem Part ausführlich, welchen positiven Einfluss sie auf ein Leben aus vollem Herzen haben und was es auf der anderen Seite bedeutet, wenn wir ihnen keinen Raum geben:

  • Authentizität
  • Selbstmitgefühl
  • Seelische Widerstandskraft
  • Dankbarkeit und Freude
  • Intuition und Vertrauen
  • Kreativität
  • Spiel und Entspannung
  • Ruhe und Stille
  • Sinnvolle Arbeit
  • Lachen, Singen, Tanzen

Auch wenn die einzelnen Eigenschaften und Aktivitäten für den Leser nicht ganz überraschend sind, so gelingt es Brené Brown, mithilfe von wissenschaftlichen Studien und empirischen Belegen ihre Bedeutung zu untermauern und den Leser zu motivieren.

Fazit: Must read!

Das Buch ist absolut empfehlenswert. Es ermutigt den Leser, seine Schwächen zu umarmen und sie nicht aus Schamgefühlen und Angst heraus zu verbergen. Es ermutigt auch, sich durch das Praktizieren von Mut und Mitgefühl verletzbar zu zeigen, und dadurch in Verbindung zu anderen Menschen zu treten. Und es befreit vom Mantra des Perfektionismus. Was das Buch vor allem sehr glaubhaft macht, sind die vielen empirischen Studien, auf denen Brené Browns Theorien basieren. Das ist bei vielen anderen Lebenshilfe-Büchern oder Ratgebern oft nicht der Fall. Wer das Buch gelesen hat, weiß wie man Hindernisse aus dem Weg räumt, um ein Leben aus vollem Herzen zu leben.

„Revolution mag ein wenig dramatisch klingen, aber in dieser Welt ist die Entscheidung für Authentizität und Selbstwert ein absoluter Akt des Widerstandes. Sich zu entscheiden, aus tiefstem Herzen zu leben, ist ein Akt des offenen Ungehorsams gegen Konventionen und gesellschaftliche Spielregeln.“ Brené Brown
Jutta Echterhoff
Jutta Echterhoff ist Kommunikationswissenschaftlerin mit Schwerpunkt PR, Corporate Publishing und Personal Branding. In ihrer evidero Rubrik echtSTARK! stellt sie Frauen vor, die durch einen bewussten Lebens- oder Arbeitsstil Außergewöhnliches leisten.

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