Fairtrade-Produkte: Länger verheiratet dank fairem Trauring

Dem Fairtrade-Siegel begegnen wir heute bei jedem Supermarktbesuch. Vergeben wird es von dem Verein TransFair, der in diesem Jahr 20 Jahre alt wird.
von Annette Bonse
Foto: Oliver Berg © dpa

Fairtrade ist im Jahr 2012 in der Mitte der Gesellschaft angekommen: im Discounter. Vergeben wird das Siegel in Deutschland von dem Verein “TransFair”. Der feiert dieses Jahr seine 20-jährige (Erfolgs-)geschichte.

Supermarktbesuch im Jahr 2012: Am Eingang klebt das Fairtrade-Siegel an gebündelten Rosen aus Kenia. In den Regalen lugt das schwarz-blau-grüne Zeichen zwischen Kaffee, Zucker und Orangensaft hervor. Und kurz vor der Kasse lockt in der Tiefkühltruhe die faire Eiscreme. In gebündelter, abgefüllter oder eisgekühlter Form – heute finden Einkäufer fair Gehandeltes in jeder Ecke des Supermarktes. Verantwortlich für die Vergabe des Fairtrade-Siegels in Deutschland ist der Verein „TransFair”. Er wird dieses Jahr 20 Jahre alt und hat guten Grund zu feiern: Bestand die Fairtrade-Palette in der Anfangsphase lediglich aus einem einzigen Produkt, nämlich Kaffee, hat sie sich inzwischen um so viele Produkte erweitert, dass der Verein problemlos seine eigene Geburtstagsparty bewirten könnte. Wein und die Tischdecke aus fairer Baumwolle inklusive

Faire Rosen zum Valentinstag

Gute Zeiten für Dieter Overath, den „TransFair”-Geschäftsführer (siehe Foto oben). Allein bei fair gehandelten Rosen stieg der Absatz im ersten Quartal 2012 um 145%. Dass liege unter anderem daran, dass die Ketten Edeka und Netto vor Kurzem auf Fairtrade-zertifizierte Rosen umgestiegen seien, so Overath. Andere Supermärkte wie Rewe haben die fairen Schnittblumen schon länger im Sortiment. Die Wahrscheinlichkeit, dass Männer und Frauen am letzten Valentinstag beim Last-Minute-Einkauf einen „fairen” Strauß erworben haben, ist also groß. Ob es sich dabei immer um eine bewusste Entscheidung handelte, sei dahingestellt. Fest steht, dass immer mehr Shopper darauf achten, dass sie Produkte kaufen, die fair hergestellt werden.

„Sozial” ist das neue „Bio”

„Sozial ist das neue Bio“, beschreibt die Frauenzeitschrift „Brigitte” diese Entwicklung. Demnach achteten kritische Konsumentinnen in der Vergangenheit beim Einkaufen hauptsächlich auf Öko- und Bio-Siegel. Heutzutage komme aber bei der Kaufentscheidung immer häufiger etwas anderes ins Spiel: Ein Großteil der befragten Kundinnen gab an, dass sie ihre Entscheidung nicht mehr vorrangig nach Umweltkriterien fällen, sondern zunehmend (auch) Wert auf die so genannten sozialen Herstellungsbedingungen legen.

Sozial hergestellt und trotzdem Top-Qualität?

Der Fairtrade-Absatz in Deutschland steigt von Jahr zu Jahr. Doch ist das Siegel auch ein Qualitäts-Garant? „Gerade von Fairtrade-Produkten aus Afrika glauben viele Deutsche fälschlicherweise, dass man verringerte Qualität sozusagen als Preis dafür zahlen muss, wenn man fair einkauft“, erläutert Dieter Overath. Dieses schlechte Image stört afrikanische Produzenten wie den Erdnussbauern Chief Adam Tampuri aus Ghana. Er steht einer Fairtrade-Kooperative vor. Tampuri findet, dass sich die besseren Arbeitsbedingungen auch in der Qualität der Produkte widerspiegeln. „Bauern und Produzenten, die mit Fairtrade kooperieren, erhalten nicht nur höhere Löhne für ihre Arbeit. Sie bekommen außerdem regelmäßig Feedback zu ihren Produkten und werden beispielsweise in Bezug auf ökologisch verträgliche Anbauweisen geschult. Dadurch wird die Qualität beständig erhöht und immer mehr Fairtrade-Kooperativen stellen zusätzlich auf Bio-Anbau um.“

Kritik an Zusammenarbeit mit Discountern

Fairtrade-Weltmeister ist Deutschland übrigens noch lange nicht. Mit dem Titel dürfte sich Großbritannien schmücken, wo inzwischen an jeder fünften verkauften Banane das Fairtrade-Siegel klebt – zehn Mal mehr als in Deutschland. Grund dafür sei die deutsche Billigmentalität, meint Dieter Overath. „Der Großteil der Deutschen ist nicht bereit, mehr Geld für höhere Produkt-Standards zu zahlen”. Doch anstatt die Discounter an den Pranger zu stellen, sucht „TransFair” lieber die Zusammenarbeit mit ihnen. Lidl wurde kürzlich sogar mit dem „Fairtrade Award 2012” ausgezeichnet. Das kommt nicht bei allen Verbrauchern gut an: Viele kritisieren, dass der Verein Lidl und Co dadurch zu einem sozialen Alibi-Image verhelfe. Doch würde der Kunde tatsächlich einen Umweg in den Dritte-Welt-Laden auf sich nehmen, wenn fair gehandelter Kaffee und Co aus dem Supermarkt verbannt würden? In den meisten Fällen nicht, argumentieren die Vertreter von „TransFair”. Und deswegen werten sie jedes zusätzliche Fairtrade-Produkt, das die Discounter in ihr Sortiment aufnehmen, als Erfolg.

Die Zukunft: Fairtrade-Möbel und fairer Ehering?

Doch auch die Fairtrader sehen noch Luft nach oben. Zur Zeit prangt ihr Siegel fast ausschließlich an Lebensmitteln. Ausnahmen sind Blumen und Baumwolle. In Zukunft könnten Kunden etwa auch Fairtrade-Möbel im Einrichtungs-Center oder Schmuck aus fair gehandeltem Gold beim Juwelier kaufen. Die Verbraucher werden davon profitieren, meint Dieter Overath: „Ein Ehering aus Fairtrade-Gold erhöht die Dauer der Ehe um mindestens fünf Jahre.“ Da ist er sich sicher.

Autorin: Annette Bonse
Annette Bonse hat ihre Kindheit und Jugend in Deutschlands Metropole der Wutbürger verbracht. Da von Stuttgarts revolutionärem Geist zu dieser Zeit noch nicht viel zu spüren war, verschlug es sie auf der Suche nach Alternativen zur schwäbischen Beschaulichkeit unter anderem nach Kansas, Montpellier und Guatemala...