Fair gehandelter Kaffee: Unser Kaffee kommt aus Wien!

Wer Wert auf FairTrade legt, kann nicht in jedem Cafe einkehren. Viele Inhaber wissen mit dem Begriff "fair gehandelt" nichts anzufangen.
von Daniel Debray
Fair gehandelte Kaffeebohnen© Pixaby

Im Supermarkt hat man die Wahl, ob man fair gehandelten Kaffee kauft oder nicht – im Cafe meist jedoch oft nicht. Ob Servicekräfte, Verkäufer oder Inhaber: Viele kennen fairgehandelten Kaffee noch immer nicht.

Der morgendliche Stress des Samstagseinkaufs – nicht nur regionale Lebensmittel, sondern auch ein T-Shirt aus recycelten PET-Flachen für IHN und ein Paar Eine-Welt-Laden-Ohrringe für SIE haben die beiden ergattert – klingt langsam ab. SIE und ER haben sich einen Kaffee verdient – und vielleicht auch ein Stückchen Kuchen. In der Stadt herrscht nach wie vor geschäftiges Treiben, man flaniert durch die Straßen und schaut sich kleine Lädchen und „süße“ Cafés an. An einer Antikmöbel-Boutique vorbeigehend, mit der fragwürdigen Aufschrift: „Brandneue Teile radikal reduziert!“, beschließen die beiden sich ein nettes, kleines, ruhiges Café mit Bio-Kuchen und fair gehandeltem Kaffee zu suchen, das keiner großen Kette angehört – das muss ja nicht sein.

Bio und Fairtrade sind nun mal kein Standard

Das erste Objekt der Begierde ist eine Bäckerei Altersdurchschnitt 60 plus. Schon beim Betreten wird SIE herzlich begrüßt (eine schöne Bluse hätte sie da an), ER wird gefragt, was es für die beiden sein dürfte. Die erste Frage bezieht sich auf den lecker aussehenden Kuchen: „Was für Eier benutzen Sie?“, fragt er wertfrei und lächelnd. „Jaa (forsch und langgezogen) täglich frisch!“, antwortet die betagte Bäckerin. „Das meinte ich nicht, sondern eigentlich ob die Eier aus biologischer Landwirtschaft kommen?“, fragt er weiter.

Das Gesicht der Dame zieht sich zusammen: „Das weiß ich jetzt nicht aus dem Kopf, aber täglich bekommen wir die frisch geliefert!“ Auf die Frage, ob der Kaffee denn fair gehandelt sei, schaut nicht nur die Dame hinter den zahlreichen Backwaren überrascht, fast argwöhnisch auf: „Was soll der Kaffee (die Aussprache des Wortes Kaffee erinnert mehr an ein Hundebellen) sein? Lecker ist der, das kann ich versprechen!“ Die beiden bedanken sich, drehen sich um und verlassen den Laden, die vernichtenden Blicke im Rücken spürend.

Kaffee-Tradition ganz ohne Fairtrade

Das nächste Etablissement verspricht Kaffee-Tradition seit 1904: „Das Espressohaus“ mit Wohlfühl-Garantie! Nicht nur der Slogan beeindruckt, auch das riesige zur Schau gestellte Sortiment hinterm Tresen erinnert an eine Mauer aus schwarzem Gold. Diesmal ist SIE schneller: „Guten Tag, haben Sie fair gehandelten Kaffee?“, fragt SIE ohne Umschweife das junge, attraktive Mädchen an der Bestell-Kasse. „Da muss ich jetzt kurz mal nachfragen.“, antwortet sie, den Blick in Richtung Gastraum schweifend. „Herr K., kommen Sie mal kurz, eine Kunde möchte etwas fragen!“, ruft sie durch den Raum.

Ein gutaussehender, stylischer, bärtiger Mann Typ Hipster kommt durch den Laden geschlendert, stellt sich zu den beiden an die Kasse und fragt ein wenig süffisant wie er helfen könne. „Wir wollten nur wissen, ob Ihr Kaffee fair gehandelt ist?“, wiederholt SIE ruhig und sympathisch. „Wir haben unheimlich viele Sorten aus der ganzen Welt, mit Sicherheit auch Espresso den Sie noch nie getrunken haben. Bei uns ist Kaffee ein Erlebnis! Da können wir nicht auch noch darauf achten, dass er fair gehandelt ist!“, antwortet er – allen Ernstes.

Ein bisschen genervt ist das „Tschüss“, als die beiden der Kaffee-Tradition den Rücken kehren …

Schließlich fällt den beiden eine kleine Rösterei in einer Seitenstraße auf. Es duftet nach frisch gemahlenen Bohnen und Milchschaum. Beim Betreten stechen der urige Stuck und die Braunen Tischlerbänke ins Auge, die nun als Tische benutzt werden. Mit großer Hoffnung und nicht minderem Kaffee-Durst fragen die beiden gleichzeitig: „Haben Sie fair gehandelten Kaffee?“. Die Frau hinterm Tresen erinnert an eine Protagonistin der 90er-Jahre-Melitta-Werbung. „Nein: Unser Kaffee kommt aus Wien!

Nach einer wahren Begebenheit!

Und von den berühmten Wiener Kaffeeplantagen erzählen wir euch beim nächsten Einkauf …

Daniel Debray ist in Bonn groß geworden, aber Kölner aus Überzeugung. Im Sozialarbeits-Studium setzt er sich mit Themen der sozialen Nachhaltigkeit auseinander....
Tipp
Für deinen Kaffeegenuss
  • Birgit-

    danke, das war ein sehr schöner bericht. ich denke mit der bildung des verkäufers, hat das nichts zu tun.(da muss man mal ganz tief an die wurzel allen übels gehen) warum kaufen verbraucher, lokalbesitzer, wirte nur noch billig?seit der umstellung von d-mark, auf euro ist alles doppelt so teuer, aber die löhne sind gleich geblieben.an der situation hat sich kaum was geändert. was macht der verbraucher, wenn er auf einmal nur noch halb so viel geld als vorher zur verfügung hat? er schränkt sich ein wo es nur geht.ihm bleibt gar nichts anderes übrig als billig einzukaufen. er geht auch nicht mehr so oft wie früher aus, weil alles doppelt so teuer ist, und er es sich nicht mehr leisten kann. den wirten und lokalbesitzern bleiben die gäste fern, sie haben auch ihre steuern und abgaben zu bezahlen, was machen sie, sie kaufen ihre ware auch beim billigdiscounter um ihre verluste etwas abzufangen. in der presse und dem medien, wird den verbrauchern gerne vorgespielt dass wir immer noch einen wirtschaftsaufschwung haben.aber die realität sieht anders aus. das kann jeder erkennen, der mit offenen augen durch das leben läuft. fazit: solange dem otto normalverbraucher, sein sauer verdientes geld aus der tasche gezogen wird, und ihm nicht mal genug zum überleben bleibt wird sich nichts ändern. 😉

    • Birgit, im großen und ganzen bin ich Deiner Meinung – aber wie erklärst Du Dir, dass offensichtlich keiner der Verkäufer im Bericht eine zufriedenstellende Antwort geben konnte – meinst Du sie wussten sehr wohl wo der Kaffee, die Eier, Schokolade etc. herkommen wollten es aber nur nicht sagen… (und haben sich dann einfach mal unwissend gestellt) und wahrscheinlich war das dann noch die Vorgabe vom Chef 🙁

  • Daniel

    Abseits der Diskussion über ein nichtfunktionierendes Wirtschaftssystem vermute ich, dass es hauptsächlich mit der Unwissenheit der Verkäufer zu tun hat und man sich grundsätzlich erst einmal angegriffen fühlt, wenn die Frage impliziert, man könne eventuell nicht "fair" sein. Dazu folgende Anekdote:

    An einem Autobahngasthof steht eine Burger-Braterei (mit goldener Krone). Auf die Frage nach fair gehandeltem Kaffee sagt der junge Studentenjob-Verkäufer, er wisse nicht ob der Kaffee Fairtrade wäre und müsse kurz seine Chefin fragen. Die Chefin kommt nach vorne und frag: "Was ist unser Kaffee?" Der Student sagt: "Die Kunden möchten wissen, ob der Kaffee fair gehandelt ist, sprich ob die Bauern auf den Plantagen ausgebeutet und beschissen werden…" Die Chefin antwortet: "Ich bescheiß doch niemanden!" – Der Kaffee war natürlich nicht fair gehandelt…

  • Birgit-

    eines teils ja, andernteils ist es ihnen egal. hauptsache die kasse stimmt.das personal weiß es oft nicht,und sie trauen sich auch nicht nachzufragen. manche menschen, sind in der heutigen zeit froh, dass sie überhaupt einen job haben, sie arbeiten unter menschenunwürdigen bedingungen. ich kenn zum beispiel, direkt am chiemsee, ein in lokal, das boommt immer. aber das personal ist enorm unterbezahlt,sie arbeiten oft von acht uhr morgens bis 23:00 uhr. wenn am see wie jedes jahr, ein drei tages fest ist, müssen sie drei tage von 8:00 bis 4:00 uhr durcharbeiten, und um acht wieder anfangen. beschweren sie sich, dann fliegen sie raus.

    • Das >fair gehandelt< sollte sich also nicht nur auf die Herstellung des köstliche Kaffees, Schokolade etc. beziehen, sondern wir sollten auch einmal direkt vor der eigenen Haustüre kehren und schauen wie unfair, menschenverachtend einige unserer Arbeitnehmer mittlerweile behandelt werden …

  • Birgit

    da muss man gar nicht weit schauen… es ist egal in welcher berufsparte. die meisten firmen , vergeben fast nur 400 euro, oder mini jobs. die zeitungsausträger sind auch extrem schlecht bezahlt… bei uns sieht man fast nur kinder, die die zeitungen austragen. die sehen nicht älter als 11oder 12 jaqhre aus.da werde ich mich jetzt mal (schlau machen.) oft nehmen die eltern den job an, und lassen ihre kinder die arbeit machen.