Emotionales Essen positiv nutzen: Wenn die Seele Hunger hat

Beim Essen spielen Gefühle eine wichtige Rolle. Bevor man sein Wohlfühlgewicht erreichen kann, muss man sich tatsächlich “wohl” fühlen.
von Simone Schwan
Emotionales Essen© Voyagerix - Fotolia.com

Nicht nur Hunger treibt zum Essen, sondern auch Wut, Traurigkeit oder Langeweile. Anstatt im Essen Ersatzbefriedigung zu suchen, ist es besser, die verborgenen Gründe dahinter aufzuspüren. Das kommt nicht nur der Figur zugute, sondern auch dem Gemüt.

Es gibt Momente, in denen der Genuss wahrer Kalorienbomben berechtigt erscheint. Vielleicht, weil der Tag so anstrengend war, man gerade unter Beziehungsstress leidet oder Langeweile verspürt: Dann verspricht man sich von der viel zu großen Portion Essen neue Kraft, sagt den Pralinen therapeutische Wirkung nach oder erlebt das laute Krachen von Chips als kleines Action-Event. Wer davon viel mehr isst, als ihm gut tut und sich nach dem Essen mit Bauchschmerzen und Gewissensbissen quält, hat offensichtlich nicht aus Hunger gegessen.

Schuldgefühle sind Indiz für emotionales Essen

Emotionales Essen rückt immer mehr in den Fokus der Wissenschaft. Gefühle essen mit — und das könnte der entscheidende Grund sein, warum bei manchen Menschen, die von Ess-Attacken geplagt werden oder die sogar stark übergewichtig sind, weder gute Vorsätze, noch Ernährungspläne greifen.

Die Frage, ob man selbst ein emotionaler Esser ist, lässt sich leicht beantworten: „Wer unter übermäßigem Essen leidet, hat den Kontakt zu seinem natürlichen Ess-Instinkt verloren“, sagt Maria Sanchez, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Begründerin des Konzepts „Sehnsucht und Hunger“, das emotionalen Essern helfen soll, ihr Verhalten zu verstehen und zu verändern.

Grundstein des ganzheitlichen Konzepts ist die eigene Biographie der in Hamburg aufgewachsenen Spanierin: Sanchez war übergewichtig, unglücklich und doch nicht im Stande, ihr Ess-Verhalten zu verändern: Sie wurde regelmäßig von Ess-Attacken geplagt, stopfte bis zum Ekelgefühl Lebensmittel in sich hinein. Sie schämte, beschuldigte und machte sich klein dafür.

Bis eine Erkrankung sie zwang, ihre Ess-Störung näher zu erforschen und dadurch den Wendepunkt einleitete: „Als ich mal wieder merkte, dass ich viel zu viel gegessen hatte, habe ich noch mehr in mich hinein geschlungen — nur, um mein schlechtes Gefühl nicht zu spüren. Da wusste ich: Essen ist nicht das Problem, sondern nur ein Effekt.“

Heißhunger als Kompass für die Seele

Dass Sanchez heute 30 Kilo weniger wiegt, verdankt sie dem Abwerfen ihres eigentlichen Ballasts: „Als ich erkannte und erspürte, dass Essen nur die Wirkung auf eine Ursache war, kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit meinen wirklichen Gefühlen.“ Der Essdruck war nicht länger Feind, sondern Verbündeter, der ihr als Kompass für ihr Seelenleben diente.

Mithilfe von bewusstem Hinterfragen und der Einbeziehung des inneren Körpers, realisierte Sanchez immer mehr, was sie lange zu verdrängen versuchte: Vergangene Enttäuschungen, Wut, Schmerzen. Gefühle, die mit Essen unterdrückt werden sollten. Schnell wurde ihr dabei klar, dass das Erkennen der Gründe allein noch nicht ausreichte, um sich von dem Essdruck befreien zu können, sondern dass es die Einbeziehung des inneren Körpers bedurfte.

Die umgangssprachliche Wut im Bauch oder der Kloß im Hals kommen nicht von ungefähr — die Auswirkungen des Seelenlebens auf den Körper sind vielseitig und bieten sich dem, der achtsam seinen Körper spürt, als wahrer Wegweiser an: „Denn damit können Gefühls-Spannungen gefunden und in den Fokus gerückt werden“, erklärt Sanchez.

Körper und Geist wollen gehört, nicht gefüttert werden

So wie die Psychosomatik vom Zusammenspiel zwischen Körper und Seele ausgeht, meint die 44-Jährige, dass sich belastende Emotionen, die zu einem leidvollen Ess-Verhalten führen können, nicht immer nur auf kognitiver Ebene abspielen: „Gefühle werden oft so gut verdrängt, dass man auf bewusster Ebene nicht an sie heran kommt. Ein auffälliges Gefühl im Körper aber ist immer wahrnehmbar.“ Und kann dann hinterfragt werden: Wie fühlt sich das an, woran erinnert es? Dann steht nicht mehr das Essen im Vordergrund, oft ist der Essdruck völlig weg und die eigentlichen Motive können angenommen und bearbeitet werden.

Dabei hat jeder Mensch seine individuelle Geschichte — und auch seine Lieblingsspeisen während solcher Essattacken, die Aufschluss geben können: Für den einen bedeutet Grießbrei ein Stück Kindheitserinnerung, das nicht nur nach Milch und Grieß, sondern auch nach Zuneigung und Wärme schmeckt. Für einen anderen mag die Schokolade das süße Pflaster sein, das er immer dann als Kind bekam, wenn er sich weh getan hat.

Vor dem Wohlfühlgewicht steht das Wohlfühlen

In den Seminaren von „Sehnsucht und Hunger“ wird analysiert und in sich hinein gespürt — vor allem aber auch der Selbstwert gepflegt:  Keine Verurteilungen, keine Verbote. „Man darf alles essen, was man will, aber wenn der Essdruck Überhand nimmt, soll der nicht Anlass zum Essen, sondern vielmehr zum Erforschen des aktuellen Gefühls sein“, erklärt Maria Sanchez.

Nach dem Erkennen folgt das Bearbeiten der Emotionen und mit dem Verarbeiten derer sinkt auch der Essdruck und mit ihm die Gewissensbisse — es ist eine Positiv-Spirale, die in Gang gesetzt wird, die Fähigkeit zur Reflexion erhöht und oft das ganze Lebensgefühl verbessert: Denn wer nicht länger abhängig ist vom Essen, lebt freier und nutzt seine Energie stattdessen für die Auflösung der eigentlichen Ursachen.

Dass auch Essen Sucht sein kann, weiß jeder, der schon mal ein unstillbares Verlangen gespürt hat, das jedem Einhalt trotzt, selbst wenn der Bauch vor Völlegefühl längst die weiße Fahne schwenkt. Und wie jede Sucht enthält auch diese die Suche nach Erfüllung, nur dass sie nicht im Essen zu finden ist.

Gewissensbisse sind eine Folge, Gewichtszunahme eine andere — leiden kann man unter beiden sehr. „Das Wohlfühlgewicht stellt sich, wie der Begriff schon sagt, mit dem Wohlfühlen ein“, sagt Sanchez. „Um nichts mehr als das zu erreichen geht es, wenn man sich von emotionalem Essen befreien will. Wer konstruktiv mit Gefühlen umgeht und lernt, Gutes und Schlechtes im Leben anzunehmen, wird sich selbst wohlfühlen können — und kann damit auch emotionalem Essen aus dem Weg gehen.“

Schokolade ist natürlich weiterhin erlaubt — nur mag man dann vielleicht nur noch ein Stück genießen und nicht mehr die ganze Tafel mitsamt Gewissensbissen.

Weitere Informationen:

www.sehnsuchtundhunger.de

Autorin: Simone Schwan
Simone Schwan begann ihre journalistische Laufbahn 2007. Sie arbeitete in Redaktionen regionaler und überregionaler Tageszeitungen, bis sie 2010 ihr Studium „Journalismus und Medienkommunikation“ abschloss...
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