Eltern-Kind-Beziehung: Nicht verzagen, Mama fragen

Anlässlich des baldigen Muttertags habe ich mir Gedanken zur GenY und ihrem seltsamen Verhältnis zu den eigenen Eltern gemacht. Denn so unabhängig wir auch sein wollen - MaPa ist immer nur einen Telefonanruf entfernt.
Manuela Hartung
von Manuela Hartung
Eltern Kind Beziehung© Pixaby

Eines der Güter, die wir in der GenY am meisten verteidigen, ist die individuelle Freiheit. Die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, ganz unabhängig von der Meinung oder den Vorstellungen anderer Menschen. Wie kommt es dann, dass trotzdem viele bei Problemen oder Fragen als erstes dazu neigen, ihre Eltern um Rat zu bitten?

Natürlich setzt das voraus, dass man ein positives Verhältnis zu seinen Eltern hat, anderenfalls ist dieser Artikel schlicht redundant. Für diejenigen unter uns, deren Eltern-Kind-Beziehung funktioniert, steht aber meistens außer Frage: Wenn ich etwas nicht weiß, dann frage ich Mama oder Papa. Das beobachte ich sowohl bei Freunden, als auch bei Arbeitskollegen (okay, die habe ich gefragt) und natürlich bei mir selbst.

Wie wichtig ist Familie noch?

Besonders erstaunlich ist das in Anbetracht dessen, dass die Großfamilie, die früher noch der Standard war, heute absolut außer Mode ist. Drei Generationen in einem Haushalt? Eine Kuriosität. Der Trend geht zu Singlehaushalten, Freundschaften ersetzen die althergebrachten Familienbande.

Das hat Vor- und Nachteile: Freunde kann man sich aussuchen, nach gemeinsamen Interessen, politischen Vorstellungen etc. Die Familie, in die man hineingeboren wird, muss man nehmen, wie sie ist.

Der Nachteil ist, dass das umgekehrt natürlich genauso gilt. Entwickelt sich eine Freundschaft auseinander, verändert sich einer der Freunde und der andere nicht, kann sie genauso rasch beendet sein, wie sie begonnen hat. Bei richtig guten Freunden, Herzensfreunden, ist das zwar selten, unmöglich aber nicht. Freundschaftliche Beziehungen beruhen nun einmal auf Freiwilligkeit.

Die Familie hat da ein kleines bisschen einen Zwang-Bonus, der wiederum Vor- und Nachteile hat. Man kann sich nervigen Familienfeiern vielleicht nicht immer entziehen und es gibt sicherlich auch viel Konfliktpotential, dafür weiß ich aber auch: Wenn ich etwas tun muss, das ich alleine einfach nicht schaffe, und wo keiner meiner Freunde die Möglichkeit hat, mich zu begleiten, dann gibt es immer noch den Mama-Joker.

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In unserem Blog GENERATIONENFRAGE schreiben die Gen-Y-evideros über Themen, die sie und ihre Generation beschäftigen, ihren Alltag beeinflussen und zu ihrer Art des bewussten Lebens dazugehören.

Wer sind wir als Mindfull Millenials eigentlich?

Zwischen Selbstständigkeit und Abhängigkeit – Ein gesundes Verhältnis zu den Eltern aufbauen

Natürlich lebe ich mein eigenes Leben und könnte, wenn ich Fragen habe, auch einfach googeln. Google weiß alles. Ich frage trotzdem lieber Menschen, die ich kenne, und bei Dingen wie der Steuererklärung, neuem Silikon für meine Dusche oder fehlendem Werkzeug frage ich eben meinen Vater.

Wenn ich im Rewe stehe und keine Ahnung habe, wie man ein Gemüse zubereitet, das ich eigentlich gerne kaufen würde, rufe ich meine Mutter an. Sicher könnten mir abgesehen von Google auch meine Freunde diese Fragen beantworten. Vielleicht ist es einfach Instinkt.

Immerhin sind die Eltern die wichtigste Anlaufstelle, die man in der Kindheit hatte. Alle Fragen, Probleme oder Herausforderungen sind bei den Eltern gelandet und (je nach Eltern) wurde einem dort auch meistens geholfen.

Meiner Mutter erzählte mir kürzlich eine Anekdote: Wenn ich oder meine Brüder unterwegs Müll hatten (Bonbonpapier, Taschentuch etc.), haben wir diesen schlichtweg ihr gegeben. Ihr Kommentar dazu war: “Ich bin doch kein Mülleimer”. Bis eine Freundin sie irgendwann darauf hinwies: “Es ist doch kein Wunder, dass deine Kinder dir den Müll geben, du hast ihnen ja beigebracht, ihn nicht auf den Boden zu werfen. Und wenn kein Mülleimer da ist, geben sie ihn logischerweise dir.”

Der Balance-Akt, den man letztlich eingeht, ist, einen gesunden Weg zu finden. Denn natürlich ist es ungesund, an Mamas sprichwörtlichem Rockzipfel zu hängen. Ab einem gewissen Alter sind die Eltern nicht mehr dafür zuständig, all deine Probleme zu lösen. Das heißt nicht, dass du sie nicht um Rat fragen kannst, denn sie haben um ein paar Jährchen mehr Lebenserfahrung als du.

Die Generationen sollten wieder mehr zusammenarbeiten

Der Trick an der ganzen Sache ist, dass eine Eltern-Kind-Beziehung irgendwann auf Gegenseitigkeit beruht. Wo ich meine Eltern nach der Steuererklärung frage, wollen sie Dinge wissen, die mit den neuen Technologien zu tun haben. Und irgendwann wird die Zeit kommen, in der sie ähnlich auf mich und meine Geschwister angewiesen sein werden, wie wir es als Kinder auf sie gewesen sind.

Das ist der Kreislauf des Lebens, und er ist gut so – auch wenn viele das vergessen zu haben scheinen. Unsere Gesellschaft strebt nach möglichst großer Unabhängigkeit, ewiger Jugend und dem Ausleben individueller Wünsche und Vorstellungen. Das ist in sich nicht verkehrt – aber wir dürfen darüber nicht vergessen, dass das Leben nun mal irgendwann zu Ende geht, egal wie gesund wir leben. Und dass alte Menschen nicht mehr so viel tun können wie junge, und dementsprechend auf Hilfe angewiesen sind.

Damit meine ich nicht, dass jeder sofort seinen Job oder seine Freizeit aufopfern muss, um wieder zu seinen Eltern zu ziehen, sobald diese keine Wasserkästen mehr tragen können. Doch unsere Gesellschaft braucht wieder mehr MITeinander, anstatt GEGENeinander.

Lasst uns miteinander wachsen

Denn da hatten frühere Generationen – oder auch andere Kulturen heutzutage – uns tatsächlich etwas voraus. Wenn Mama und Papa nicht einfach nur ein Sorgentelefon oder die Gelben Seiten sind, sondern ein gleichwertiges Miteinander entsteht, können wir aneinander wachsen, ohne dabei unsere Unabhängigkeit zu verlieren.

Sich aufeinander verlassen zu können, ohne voneinander abhängig zu sein, sollte die Grundlage jeder Erwachsenen-Beziehung sein. Ob familiär, freundschaftlich oder in der Partnerschaft. Dann kann ein anderer Mensch einem der Fels in der Brandung sein, so wie man selber Fels für jemand anderen ist.

Den Eltern-Fels werden wir irgendwann verlieren. Das ist in unserer Zeit, in der die meisten viel mehr auf sich alleine gestellt sind als früher, erstmal eine gruselige Vorstellung. Von daher ist es sicher nicht verkehrt, sich schon zu ihren Lebzeiten Zweit-Felsen anzuschaffen. Aber vielleicht sollten wir auch darüber nachdenken, ob durch ein größeres Miteinander nicht ganze Felseninseln entstehen können und damit eine Gesellschaft, die Gemeinschaft wieder wertschätzt. Auch, wenn Google alle Antworten schneller parat hat.

Manuela Hartung
evidero-Redakteurin Manuela Hartung hat an der Uni Köln Germanistik, Linguistik und Phonetik studiert. Zu ihren Hobbies zählen Radfahren und kreatives Schreiben.
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