Verantwortung übernehmen: Die neue Dekadenz – Wieso ich Bio machmal echt nicht mehr hören kann

Bio, öko, gesund, vegan, nachhaltig - blablabla. Ist ja alles schön und gut. Hilft aber auch nicht allen Menschen weiter. Unterstützen sollten wir die healthy living Bewegung trotzdem. Und sei es aus Trotz weils eine Alternative eben auch nicht gibt.
Manuela Hartung
von Manuela Hartung
Die neue Dekadenz - warum wir mehr Verantwortung übernehmen müssen© Pixaby

Noch nie machten so viele Menschen (in Europa) Yoga, noch nie gab es so viele Vegetarier und Veganer, noch nie konnte man so viele Dinge mit Fairtrade- oder Bio-Siegeln kaufen – öko zu leben war wirklich noch nie so einfach. Das finde ich gut. Und manchmal geht es mir tierisch auf die Nerven.

“Nee Manu, jetzt nicht” – das ist eine Aussage, die ich häufig zu hören bekomme, wenn ich mal wieder dazu tendiere, einen meiner berüchtigten Vorträge zu halten. Mein Gehirn behält sich eine nahezu lächerlich überflüssige Anzahl an Informationen (soviel zur digitalen Demenz) und leider Gottes tendiere ich dazu, diese auch gerne zu jeder Zeit anzubringen. Das kann Menschen manchmal stören. Vor allem, wenn es um Nachhaltigkeit, Fleischkonsum, Welthunger oder den Kapitalismus geht.

Man kann nicht alle Probleme dieser Welt lösen – schon gar nicht so

Immerhin, meine verbalen Eskapaden führen dazu, dass einige Menschen in meinem Umfeld mittlerweile weniger Fleisch essen, Biomilch kaufen und daran denken, das Licht auszuschalten, wenn sie einen Raum verlassen (vielleicht nur, damit ich nicht mehr nerve?). Genauso oft höre ich aber auch: Ich kann mich nicht um alle Probleme dieser Welt kümmern. Stimmt. Kann man nicht. Ich auch nicht. Aber man kann ja zumindest versuchen, diese Probleme nicht selbst noch zu befeuern.

Und damit wären wir auch beim Thema, dem ich mich heute widmen will. Denn allzu häufig bleibt in mir ein schaler Beigeschmack, wenn wir mal wieder in einem Healthy Cafe waren oder Samstags Avocado kaufen. Ein Beigeschmack, der mir sagt: Ein bisschen dekadent ist das schon.

Zum Beispiel haben wir vor kurzem einen Matcha Latte für vier Euro gekauft. Dann war ich mit meinem Bruder im Supermarkt und hätte gerne Süßkartoffel für meine Suppe gehabt, doch sie kam aus den USA. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass in Mexiko mittlerweile massiv abgeholzt wird, um den weltweiten Avocado-Hunger zu stillen. Machen wir vielleicht mehr kaputt, als dass wir helfen mit unserem “gesunden Lebensstil”?

Müssen es wirklich Obstsorten sein, die in Europa gar nicht wachsen, bloß weil viele Vitamine drin sind? Importierte Chia-Samen aus Südamerika für mehr Ballaststoffe? Ahornsirup aus Kanada für weniger Zucker? Fleischersatz aus dem Chemiebaukasten?

GENERATIONENFRAGE Logo

In unserem neuen Blog GENERATIONENFRAGE schreiben die Gen-Y-evideros über Themen, die sie und ihre Generation beschäftigen, ihren Alltag beeinflussen und zu ihrer Art des bewussten Lebens dazugehören. Bald werdet ihr hier eine eigene Landingpage zum Blog finden, auf der wir alle zugehörigen Artikel sammeln.

Bioware ist schön und gut, aber den Welthunger löst sie nicht

Schöne Diskussion im evidero Büro: Was sollte man eher kaufen:

  1. Regionale Ware, die nicht bio ist
  2. Importierte Bio-Ware

Das ging eine ganze Weile hin und her, immerhin hat beides Vor- und Nachteile, sowohl für uns als Konsumenten als auch für den Planeten. Bei regionaler Ware spart man die Transportwege, bei Bioware die Pestizide. Und beides zusammen geht leider nicht immer.

Nachdem wir zu keiner wirklich zufriedenstellenden Antwort gelangt waren fiel mir dann irgendwann auf: Herrgott. Wir debattieren hier über Bio-Erdbeeren, während überall auf der Welt tagtäglich Menschen verhungern. Zu Dutzenden. Ist das nicht ein bisschen dekadent? Ein ganz kleines bisschen? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass es möglich wäre, alle Menschen dieses Planeten mit Biolebensmitteln zu ernähren? Ich bitte euch. Dafür haben wir schon viel zu viel kaputt gemacht.

Damit meine ich nicht, dass wir uns nicht Gedanken darüber machen sollten, wie wir mit unseren Möglichkeiten in unserem Alltag die Welt ein kleines bisschen besser machen können. Aber wir dürfen dabei das große Ganze nicht aus den Augen verlieren.

Trump, Pegida und Brexit – Warum die u30 Generation auch mal von ihrer Yogamatte runter kommen muss

Ich bin eine große Befürworterin des Konzeptes der Achtsamkeit. Leider scheinen viele Menschen dieses Konzept nicht zu verstehen. Es geht eben nicht nur um eine Innenschau, einen achtsamen Umgang mit sich selbst, sondern auch um das eigene Verhältnis zur Umwelt und unseren Mitmenschen. Nicht nur denen im Yogastudio.

Anfang des Jahres habe ich einen Artikel gelesen, ich weiß nicht mehr in welcher Zeitung, in dem der ganze healthy lifestyle dafür kritisiert wurde, sich zu sehr auf sich selbst zu konzentrieren. Ökomöbel zu horrenden Preisen zu kaufen. Im Alnatura an der Schlange zu stehen statt auf die Straße zu gehen, um für eine bessere Politik, faire Verhältnisse oder Gleichberechtigung zu demonstrieren. Mich erinnert das ein bisschen an den Biedermeier: Zu viel Unsicherheit von außen führt zu einem Rückzug in die Sicherheit der eigenen vier Wände. Oder noch zugespitzter: In den eigenen Körper. Dann schütten wir Sojadrinks und Dinkelbrot in uns rein, und glauben, damit den Planeten zu retten während um uns herum die Welt in Flammen aufgeht (und der Regenwald für den Sojaanbau abgeholzt wird).

Zugegeben: Ich war bisher auf einer einzigen Demonstration in meinem Leben, einer Anti-Kögida-Demo (das ist dieser völlig unerfolgreiche Pegida Abklatsch, also mal ehrlich Leute, in Köln? Haha!). Dafür gehe ich aber immer wählen. Auch bei Europawahlen. Das ist ja so eine Sache. Wären die jungen Menschen, die fast ausnahmslos gegen den Brexit waren, auch mal wählen gegangen, würde GB wohl bleiben. Bei den unter 35jährigen lag die Wahlbeteiligung bei nicht mal 60%, bei ü55 über 80 Prozent. Und da wundert sich noch jemand?

Auch die Wahl von Trump zum neuen US-Präsidenten ist ein Rückschlag für die westliche Demokratie. Aber wenn ich die Bilder demonstrierender Studenten an Ost- und Westküste sehe, kann ich nicht umhin zu denken: Endlich! Endlich merken die Menschen wieder, dass es Dinge gibt, für die es sich lohnt, einzustehen, aufzustehen. Auch wenn’s schon ein bisschen zu spät ist.

Wenn wir unseren Planeten schon kaputt machen, dann bitte richtig

Verantwortung abgeben fühlt sich super an. Sehr befreiend. Ist aber leider ein zweischneidiges Schwert, denn irgendwann fällt es schließlich auf uns zurück. Die Probleme, die der Brexit mit sich bringt, müssen die u30 ausbaden. Auch Trump müssen die jungen Amerikaner wahrscheinlich für Jahrzehnte ausbaden (viele von ihnen gehen bereits jetzt auf die Straße).

Wahrscheinlich wäre unser Planet um einiges besser dran, wenn die Menschheit einfach aussterben würde (da Trump jetzt die Entscheidungsgewalt über Nuklearwaffen hat gar nicht mal so abwegig). Jedes mal, wenn ich ein Buch lese, in dem ein verrückter Biologe einen Virus aussetzen will, der Homo Sapiens ausradiert, denke ich: Na ja. Verdient hätten wirs irgendwie schon.

Die Verantwortung für die Zukunft unseres Planeten tragen wir alle. die u30, die ü30 und selbst die ü80. Niemand kann sich ihr entziehen. Man kann sich dafür entscheiden, dass es einem egal ist, klar. Wegdiskutieren lässt sich das aber nicht, auch wenn es durchaus humanoide Lebewesen gibt, die die globale Erwärmung oder die Existenz von AIDS vehement leugnen. Probleme verschwinden nicht dadurch, dass man behauptet, sie wären nicht da.

Wohin geht unsere Zukunft?

Damit mehr Menschen Verantwortung übernehmen, müssen jedoch drei Dinge gegeben sein: Das Bewusstsein darüber, was eigentlich schief läuft. Die Motivation dafür, dass jeder etwas daran ändern kann, in seinem eigenen kleinen Rahmen. Und die Erkenntnis, dass das Kaufen von Bio-Eiern und Spielzeug aus Naturkautschuk NICHT ausreicht, um unsere Zukunft und die der Erde zu sichern.

Es ist ein Anfang. Ein guter Anfang. Aber es reicht nicht. Denn es gibt einfach nicht genug Menschen, die mitmachen und auch wenn ich es mir anders wünsche wird es nie genug Menschen geben, die ihre eigene Bequemlichkeit hinten anstellen. Die in Kauf nehmen, vier Stunden mit dem Zug zu fahren statt einer Stunde zu fliegen. Die bereit sind, fünf Euro mehr für das Fleisch zu bezahlen, damit die Tiere nicht aus Massentierhaltung stammen. Die ihren Abfluss von Hand reinigen statt Chemie reinzuschütten. Das hat nichts mit Pessimismus zu tun, und auch nicht mit Aufgeben, es ist einfach realistisch.

Es heißt auch nicht, dass ich aufhören würde, Bio zu kaufen. Ich werde sogar immer mehr Bio kaufen, je besser das Angebot im Supermarkt wird. Aber ich glaube auch nicht, dass ich damit alle Probleme dieses Planeten löse.

Ich bitte euch also nur um eines: Fallt nicht von der anderen Seite vom Pferd. Wenn ihr das nächste Mal einen Iced Latte im Healthy Cafe um die Ecke kaufen geht, denkt an die wundervolle 2-Euro-Werbung, die es echt gut auf den Punkt bringt: Ein Milchkaffee kostet 2 Euro. Und 2 Euro helfen einem Kind in Afrika, lesen und schreiben zu lernen. Vergesst das Herrgott nochmal nicht!

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Manuela Hartung
evidero-Redakteurin Manuela Hartung hat an der Uni Köln Germanistik, Linguistik und Phonetik studiert. Zu ihren Hobbies zählen Radfahren und kreatives Schreiben.
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