Die LOHAS KarmaKonsum-Konferenz 2012: KarmaKonsum-Konferenz 2012 – Jahrestreff der Weltver­besserer

LOHAS sind die Nachfolger der Ökos, haben jedoch einen schlechten Ruf. Ist der begründet?
von Torsten Mertz
KarmakonsumFoto: Lorenz Timm / CHROMORANGE © picture alliance/chromorange

Warum LOHAS doch nicht nur an ihr eigenes Wohlergehen denken, macht alljährlich die KarmaKonsum-Konferenz deutlich. Der evidero-Gewissensblogger war vor Ort.

LOHAS haben bisweilen einen relativ schlechten Ruf. Sie sind nach dem Akronym „Lifestyle of Health and Sustainabilty“ (Lebensstil für Gesundheit und Nachhaltigkeit) benannt. LOHAS gelten als die konsumfreudigen Nachfolger der Ökos, denen es – so die bösen Zungen – vordergründig um sozial und öko geht, die sich aber vor allem dank ihres gefüllten Geldbeutels bessere Produkte leisten können – und das auch gerne heraushängen lassen. Die Idee ist aber eigentlich eine andere, nämlich über einen gezielten Konsum die Produkte und die Produktion im Kleinen, aber auch im Großen zu verbessern. Ob es Aufgabe des Verbrauchers oder doch eher der Politik ist, dafür zu sorgen, dass Tierquälerei, Kinderarbeit, Niedriglöhne, Waldvernichtung, Überfischung und vieles andere aus dieser Welt verschwinden, darüber lässt sich trefflich streiten.

]Dass ein nachhaltiger Konsum aber zumindest ein wesentlicher Motor ist, davon ist beispielsweise Christoph Harrach überzeugt, der in Deutschland mit dem LOHAS-Thema in Verbindung gebracht wird. Unter dem Namen KarmaKonsum  betreibt er einen Blog, agiert als „Trendscout“ und berät Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit. Seit sechs Jahren richtet er auch den KarmaKonsum-Kongress aus.

Mir ist keine andere Veranstaltung bekannt, die so geschickt Wirtschaft, Wissenschaft und Spirit zu einem schlüssigen Gesamtkonzept zusammenspinnt, wenngleich die Zutaten Yoga, Massage und Duftspender vielleicht den ein oder anderen konventionellen Unternehmer und Entscheider abschrecken dürften. Die Konferenz findet seit einigen Jahren im Haus der alten Frankfurter Börse im Schatten von Bulle und Bär statt, was freilich dieses Jahr besonders kokett war, da das Thema sich im Kern um die Abschaffung des heutigen geldgesteuerten Wirtschaftssystems drehte. Zusammengefasst sprachen sich die Referenten und Diskutanten dafür aus, das Wirtschaftssystem von Gewinnstreben und Konkurrenz auf Gemeinwohlstreben und Kooperation umzubauen.

Vor noch fünf Jahren waren die Themen Gemeinwohl, Gemeingüter oder auch Glück in ökonomischen Debatten etwas für Sektierer. Heute haben sie sich schon fast zum Mainstream entwickelt: Mannigfaltige Genossenschaften sprießen aus dem Boden, alternative regionale Währungen entstehen, kooperative Wirtschaftsmodelle werden erprobt und sogar die Bundesregierung sucht nach Formen, den völlig fehlleitenden Wohlstandsindikator Bruttoinlandsprodukt um soziale und ökologische Faktoren zu ergänzen. Auch in der Bevölkerung ist die Ablehnung der gewinnorientierten Ökonomie gefährlich stark angewachsen und äußert sich in einer Skepsis gegen die da oben – seien es Manager oder Politiker.

Die drei herausragenden Beiträge der Konferenz kamen dieses Jahr von Christian Felber, Silke Helfrich und Franz-Theo Gottwald: Der Autor und Globalisierungskritiker Felber hat sein Wirken in die Verbreitung der Gemeinwohl-Ökonomie  gestellt. Das bedeutet, dass sämtliche wirtschaftliche Tätigkeit dem Gemeinwohl zu dienen hat und nicht etwa der Gewinnmaximierung von Banken, Unternehmen oder Privatpersonen. Eine Gemeinwohl-Ökonomie beruht statt auf Konkurrenz und Wachstumszwang auf Kooperation, Solidarität, ökologischer Verantwortung und Mitgefühl. Der Beitrag zum Gemeinwohl soll dem entsprechend das Maß des unternehmerischen Erfolgs werden und in Form einer Gemeinwohl-Bilanz gemessen werden. Gut 100 Unternehmen tun dies bereits, etwa die Sparda-Bank München. Diese Bilanz fragt danach, was das Unternehmen für Lebensqualität, Bedürfnisbefriedigung, Wohlstand der Menschen leistet. Ein alternatives Modell für die Wirtschaft bedeutet keinesfalls eine weniger leistungsfähige Wirtschaft. Im Gegenteil: Kooperation motiviert deutlich stärker als die Konkurrenz, denn Kooperation hat gemeinsame Ziele, während Konkurrenz über Angst motiviert.

Auch Silke Helfrich plädierte leidenschaftlich dafür, dass die Wirtschaft die Bedürfnisse der Menschen decken soll. Das Gemeinwohl sei nicht privateigentumsfähig. Das aber ist genau das, was derzeit passiert: Güter, die allen gehören – wie die Atmosphäre, die Meere, die Wälder, aber auch lebende Organismen oder Gensequenzen – werden massiv übernutzt oder privatisiert. Auch Wissen und Ideen werden künstlich verknappt, obwohl Wissen mehr wird, wenn wir es teilen. So wird aus Vielfalt und Wohlstand für alle der Reichtum für wenige. Die Idee der Gemeingüter, auch Commons genannt, erlebt daher zur Zeit eine Renaissance. Sie schöpfen aus der Fülle, sind produktiv. Commons seien kein Bereich für Freibeuter, betont Helfrich, sondern ein geschützter Bereich, der nach bestimmten Regeln funktioniere. Das was aus dem gemeinschaftlichen Besitz, auch Allmende genannt, geschöpft wurde, soll auch an diese zurückgegeben werden. Das mit dem geteilten Wissen meint Silke Helfrich ernst: Ihre Bücher gibt es gedruckt im Buchhandel und gratis als PDF, ebenso ihren Report der Böll-Stiftung.

Als Einstieg zum diesjährigen Gründerpreis hielt Franz-Theo Gottwald eine fulminante Rede. Dem Honorarprofessor, Theologen, Unternehmensberater, Yogi und Geschäftsführer der Schweisfurth-Stiftung geht es nicht nur darum, Nachhaltigkeit als strategisches Thema zum Aufbau von Geschäftsfeldern zu nutzen. Er forderte nicht weniger als die Überwindung des moralischen Notstands, in dem viele politisch und wirtschaftlich Verantwortliche leben, was Korruption, Bestechung, kurzfristige Vorteilsnahme, Karrierismus und allgemeine Charakterschwäche angeht.

Den Gründerpreis gewann übrigens das Projekt „Mundraub“, nach eigenem Bekunden eine Plattform für Obst-Allmende. Sie will dazu beitragen, dass herrenlose, wilde Obstbäume und ihre Früchte wieder geschätzt und genutzt  werden. Das nutzt der Artenvielfalt – und der Allgemeinheit.

Den Preis übergab Moritz Zielke, bekannt als „Momo“ aus der Lindenstraße; die musikalischen Zwischentöne brachte Tyron Ricketts auf die Bühne, auch er bekannt aus dem Fernsehen, unter anderem als Kommissar der SOKO Leipzig.

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