Die Beschaffenheit der Leitplanken: Eine kluge Straßenbegrenzung gibt nach

Fahrbahnbegrenzungen sollen den Verkehr sicherer machen. Doch die Kampagne der Gütegemeinschaft Stahlschutzplanken bietet eher Lobbyismus als Aufklärung.
von Volker Eidems
Foto: Rainer Jensen © dpa - Bildarchiv

Es gibt sie aus Beton und Stahl und sie sollen die Strassenverkehrsteilnehmer schützen: Leitplanken. Volker Eidems findet, die Schockkampagne der Gütegemeinschaft Stahlschutzplanken ist eher eine lobbyistische Zumutung als neutrale Aufklärung.

Schon mal von der Gütegemeinschaft Stahlschutzplanken e.V. gehört? Neulich musste ich erstmals von dieser Organisation Notiz nehmen – auf der Toilette einer Autobahnraststätte. Dort blickte ich in die leeren Augen eines an der Autoscheibe zerquetschten Kindes und seines Teddys. Ich wollte das nicht sehen. Der zugehörige Text informierte kurz über besagte „Gütegemeinschaft“ und dass Leitplanken aus Stahl nachgeben, im Fachjargon „Unfallenergie aufnehmen und in Verformung umsetzen“, während Betonwände dies nicht tun. Auf der Website stand dann noch viel mehr: Über 70 Unternehmen der Stahlschutzplankenindustrie hätten sich zusammengeschlossen, um die Sicherheit auf deutschen Straßen zu erhalten. Denn neuerdings würde verstärkt mit Beton gebaut und die Folgen eines Unfalls wären fatal – dafür gab es ja schon das geschmacklose Bild mit dem Kind. Die Website wirbt für die sogenannten RAL-Systeme aus Stahl, unter anderem weil diese von verschiedenen Herstellern produziert würden (Wettbewerb und Lieferbarkeit), kompatibel und reparaturfähig sind und es sich um DIN-geprüfte Produkte handele. Eine ganze Reihe Filme von „Anprallversuchen“ zeigen eindrücklich, dass so eine Leitplanke ein ausgereiftes Stück Technik ist: Selbst ein Linienbus wird mehr oder weniger abgelenkt, während sich die Planke verformt. Dennoch ist die Sachlage nicht ganz so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint.

Zum einen gibt es auch Betonwände, wie sie etwa bei Baustellen häufig eingesetzt werden, die aus verschiedenen Bauteilen zusammengefügt werden. Diese können durchaus auch Energie aufnehmen bzw. ablenken, insbesondere, wenn sie nicht starr im Boden verankert sind und bei einem Aufprall nicht brechen. Zum anderen gibt es auch Stellen, an denen der Bereich hinter der Fahrbahn geschützt oder ein Brückenpfeiler vor Einsturzgefahr bewahrt werden muss; dort hat eine starre Betonwand Vorteile. Hier geht es eher darum, den unbeteiligten Verkehr zu schützen, als die Folgen für den Unfallbeteiligten so gering wie möglich zu halten. Und schließlich fand ich in einem Artikel der Rheinischen Post die Aussage von Ralf Klöckner von der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) in Bergisch Gladbach, wonach ein Forschungsprojekt der BASt keine unterschiedlichen Verletzungsrisiken nachgewiesen habe: „Im Mittel ist die Unfallschwere etwa gleich,“ wird Klöckner hier zitiert. Er kündigt aber weitere Untersuchungen an, weil in der Studie Stahlsysteme neuerer Bauart noch nicht berücksichtigt hätten werden können.

Nach unterschiedlichen Quellen sind die Investitionskosten von Stahl und Beton vergleichbar, zumindest wenn Folgekosten wie Reparaturen nach einem Unfall, Langlebigkeit etc. mit berechnet werden. Damit könnte sogar die Umweltbilanz vergleichbar werden: Zwar ist der Energieaufwand um eine Tonne Stahl zu produzieren ungleich höher als der für eine Tonne Beton. Dafür wird jedoch deutlich weniger Material benötigt und Reparaturen bzw. Recycling wären besser möglich.

Einen klaren Sieger gibt es also nach aktuellem Erkenntnisstand nicht. Und insbesondere wenn die Sachlage nicht so einfach ist, würde ich mir eine weniger martialische und informativere Aufklärung an der Raststätte wünschen; es muss nicht Erschrecken oder Ekel sein, um die Aufmerksamkeit wecken. Die „aktuelle Studie“ auf der Website der Gütegemeinschaft Stahlschutzplanken ist zudem eine bloße Meinungsumfrage, wer sich bei welcher Straßenbegrenzung besser geschützt fühlt, und – wenig überraschend an der Stelle – die Mehrheit bevorzugt Stahl. Aber diese Studie ist weit entfernt von echter Unfallfolgenforschung. Das ist zu wenig und lässt die Glaubwürdigkeit der Gütegemeinschaft eher in Richtung Lobbyverein sinken.

Weitere Informationen:

Gütegemeinschaft Stahlschutzplanken: http://www.guetegemeinschaft-stahlschutzplanken.de/

  • Christian Kleemann

    Auch ich habe die Plakatwerbung auf der Raststätten-Toilette gesehen. Ich möchte unabhängig der genannten Argumente jedoch einen für mich sehr wichtigen Gedanken ins Feld führen: ich finde, "Beton-Einfassungen" in manchen Situationen auf der Autobahn schlichtweg beängstigend. Man kommt sich so eingekesselt vor. Ich frug mich neulich, wo ich wohl Schutz finden könne, wenn ich eine Panne auf dem linken Fahrstreifen habe und vor einer Betonbande stehe. Trotz empfundener "Lobbyarbeit mit e.V. – Deckmäntelchen" würde ich mich bei einer herkömmlichen Leitplanke einfach wohler fühlen.

  • Ich vermute, der Bund und die Laender sind zunehmend fuer Beton, weil die Herstellungskosten nach Unfall hier nicht so hoch sind.Wundert mich, dass das Argument nicht auftaucht.

    • hilde m.

      verstehe deinen einwand nicht, da steht doch "Nach unterschiedlichen Quellen sind die Investitionskosten von Stahl und Beton vergleichbar, zumindest wenn Folgekosten wie Reparaturen nach einem Unfall, Langlebigkeit etc. mit berechnet werden." hab die kampagne auch gesehen und mich gefragt was das soll. schätze, die betonbauer dringen in einen stahlmarkt ein und die stahlbauer haben angst ihr monopol zu verlieren

  • Mark Treude

    Mir geht es ähnlich wie wie Christian Kleemann. Die Lobbyarbeit sei mal dahingestellt. Das macht die Betonindustrie auch. Aber letztendlich schätze ich die Stahlleitplanken auch als den sichereren Schutz ein. So wie ich das gelesen habe fordert die Initiative ja gerade auch den Einsatz moderner Leitplanken und da gibt es nur eine laufende vergleichende BASt-Forschung zu: http://www.bast.de/cln_033/nn_42716/DE/Forschung/… – Titel: "Insassenbelastung beim Anprall moderner Pkw an Schutzeinrichtungen". Aber das folgende Zitat daraus gibt mir bezüglich der Sicherheit von Beton schon zu denken: "Beim Anprall von Pkw an diese Konstruktionen steigt die Belastung der Fahrzeuginsassen, durch das abruptere Umlenken der Fahrzeuge, tendenziell." Auch Wissenschaftler und Polizeigewerkschaften haben sich schon gegen den Beton ausgesprochen – kann man unter folgendem Link nachlesen: http://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/Der-Be… Fazit: Es spricht eigentlich alles für den Einsatz von Stahlleitplanken und darum finde ich die Initiative, ob Lobbyarbeit oder nicht, für einen guten Zweck und mehr Sicherheit auf jeden Fall sinnvoll.

  • Hiekmann

    Wenn ein Fahrzeug von der Fahrbahn abkommt, dann können nur s.g. Fahrzeugrückhaltesysteme Insassen schützen und sollen Schaden mindern. Fahrzeugkarosserie und Schutzeinrichtungen können Insassen nur schützen wenn Energie geteilt und vernichtet wird, damit Personen weniger belastet werden. Physikalisch geling dies besser durch den Einsatz von auffangenden Stahlsystemen als von abweisenden Betonsystemen. Es gibt keine technisch, wirtschaftlich und/oder sicherheitsrelevanten Argumente für Betonsysteme. Es sollten ohnehin nur die Schutzbelange für Menschen in Not, die von der Fahrbahn, aus welchem Grund auch immer abkommen, beurteilt werden. Dann ist die bessere Schutzwirkung durch nachgiebige Stahlsysteme nachweislich die bessere Lösung, die sich in der Praxis über Jahrzehnet bewährt haben.