Die dOCUMENTA (13) in Kassel

Ein Abenteuerpark für Kopf und Seele

Kunst kann eine Wellness-Oase sein. Die documenta in Kassel mit ihren meditativen Idyllen ist Nahrung für Hirn und Psyche.
documenta-Besucher sehen sich die Tonskulpturen des argentinischen documenta-Künstlers Adrian Villar Rojas auf den Weinbergterrassen in Kassel anFoto: Uwe Zucchi © dpa/lhe

Kunst zu betrachten muss nicht nur für Augen und Hirn eine Wohltat sein: Auch die Psyche kann davon profitieren. Die documenta 2012 hat es geschafft, beides miteinander zu vereinen. evidero-Blogger Andreas Schäfer war dort und berichtet von seinen Eindrücken.

Die dOCUMENTA (13) ist eine Wellness-Oase, ganz im Gegensatz zu ihrem 2007er-Vorgänger. Kassel ist ein sinnlicher wie sinnhafter Ort in der Mitte Deutschlands geworden, quasi des Korbiniansapfels Kern. Die Leiterin Carolyn ­Christov-Bakargiev hat einen solchen Korbinians-Apfelbaum pflanzen lassen. Dort könnte man nun die Mitte des bedeutendsten Weltkunstevents 2012 verorten. Diese documenta ist wohl auch die grünste seit Beuys 7.000 Eichen von 1982. Diese Eichen sind längst erwachsen geworden und rekeln sich in das Grau des Kasseler Himmels. Aber es wird ja noch Sommer.

Die Annäherung von Kunst und Natur ist gelungen. Carolyn Christov-Bakargiev, die Italo-Amerikanerin mit bulgarischem Einsprengsel, erzählt mit ihren Annäherungen heuer Geschichten und Geschichte zwischen Yin und Yang. Eben wie die des Korbiniansapfels und des Pfarrers Korbinian Aigner, der Hunderte von hübschen Äpfeln und Birnen malte. Die Nazis mochte er nicht und so landete er in Dachau, wo er nicht aufhörte,  hinter dem Stacheldraht Äpfel zu züchten. Tiefe und Sinnlichkeit müssen bei einer Kunstausstellung kein Widerspruch sein.

Documenta lädt zum Flanieren ein

Diese documenta ist alles andere nur nicht monothematisch. Mal wird das Gehirn bedient, mal die Seele. Selbst wenn die documenta-Agenten, die die Ausstellung zusammengetragen haben, sich der Wissenschaften bedienen ist das kein Event, der nur den Kopf befriedigt. Und nicht nur Menschen. Es gibt sogar Führungen nur für Hunde. Der kanadische Künstler Brian Jungen hat einen Park für die vierbeinigen Freunde in die Karlsaue gepackt. Überhaupt lädt die documenta 2012 zum langen Flanieren ein.

Die Karlsaue, dieser 125 Hektar große Barockgarten, ist die entspannende Komponente. In die Gartenkultur-Naturlandschaft sind mehr als 20 Holzhäuschen und nachhaltige Pavillons gebaut, die von diversen Künstlerinnen und Künstlern bespielt und sogar bewohnt werden. Hin und wider verirrt sich auch einer der 3.000 von der Künstlerin und Biologin Kristina Buch auf dem Friedrichsplatz freigesetzten Schmetterlingen dorthin.

Anspannen und entspannen

Die meditative Idylle kennt auch Kontraste. Die Künstlerin Ruth Robbins aus Houston und Kollege Red Vaughan Tremmel haben in einen solchen nachhaltigen Pavillon Requisiten und Klänge von historischen amerikanischen Burlesque-Shows gepackt. In der documenta-Halle dürfen dagegen aufgesägte Motoren von Thomas Bayrle zum geflüsterten Vaterunser ihre Kolben strecken. Im Fridericianum werden Photonen und Quanten gejagt, während daneben die frühe Graphic Novel von Charlotte Salomon die Untiefen des 20. Jahrhunderts entblättert. Das berührt zutiefst, während man zuvor den Kopf qualmen lassen kann. Das kennt man vom Yoga, anspannen und entspannen.

Die dOCUMENTA (13) ist jedenfalls ein Event, aus dem man irgendwie besser hinauskommt, als man hineingekommen ist. Wenn man sich drauf einlässt! Man wird bespielt, bedacht und aufgeklärt. Erbaulich hieß so was mal. Der südafrikanische Bildhauer William ­Kentridge hat seine Großinstallation in den Hauptbahnhof verfrachtet: „The Refusal of Time“: Da wird man mit magischen Bildern beschenkt, während eine Holzmaschine atmet. Manchmal ist es so schön, da bleibt die Zeit einfach stehen.

Die 100-tägige dOCUMENTA (13) in Kassel ist noch bis zum 16. September 2012 geöffnet.

Andreas Schaefer
Blogger

Andreas Schäfer

Andreas Schäfer ist Autor und Regisseur. Seit 2009 ist er Chefredakteur des Magazins Showcases. In einer Essayreihe beschäftigt er sich mit der Kommunikation im 21. Jahrhundert...

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One thought on “Ein Abenteuerpark für Kopf und Seele

  1. Warum sollte es die Besucher auch nicht erfreuen, den Sinnen entsprechen oder diese sogar weiter kultivieren, Sie hat sie verändert, die Kunst, sie schreiben nicht, ob nachhaltig, die Frage ist, hat es ihre Sichtweise auf Dinge oder Situationen geändert, Ihre Meinung verändert, Sie auf etwas aufmerksam gemacht, Kunst ist ewig angedockt an Gesellschaft, Ausnahmen bestätigen die Regel, Ideen, Konzepte, Inhalte, es geht die Individualität Wege, die globaler nicht sein können. Schulen prägten schon seit jeher das Bild der aktuellen Darstellungsweisen, ordnen sich die Ideen dem unter, sind wir unabhängig ? Ist die Künstlerschaft dem Aktuellen verpflichtet und verändert den Blick, sagt ihnen, von welchem Blickwinkel aus etwas zu sehen, ist nicht immer der, den die Gesellschaft vorgibt oder die allgemeine Sicht, hat diese, eine der besten Ausstellungen, die es hierzulande gibt, das bewirkt, es sollte weiter gehen als eine Nabelschau der Gefühle und Reminiszensen auf die Grüne Anfangsbewegung, teilen die Künstler ihre Dinge mit den Zuschauern oder Besuchern. Commons_ein Zugang zu Wissen, der allen zur Verfügung steht geht kostenlos und unendlich teilbar unter demokratischer Ordnung in die Gesellschaft ein, es wird geteilt, Gedanken teilen sich, das ist mehr als das bloße Mitteilen. Einzelne Künstler heben das Alltägliche in den Zenit der Darstellung, die Subjektivität ist anhand der Gegenständlichkeit gesichert, das wird wechseln, so wie das Nichts darstellbar wird, somit stellt sich die Frage nach der Aktualität, wir leben in einer interessanten Zeit, die nicht ausschließlich Ist ist, sondern veränderbar, durch bestimmte Prozesse, die gemeinschaftsgeneriert sind. Eine Gemeinschaft zu bilden, anstelle von Ich – Du, dazwischen mit "mir mein" Werk, hier schaut, das war ein Teil "meines" Lebens, ihr könnt die Ergebnisse sehen, oder, teilhaben zu lassen, ist für mich ein wichtiger Hintergrund geworden, ich denke, oft findet dies Erfüllung bei den aktuellen Kunstprozessen. Karl Prantl, der erste, der ein Symposion ins Leben rief, wußte um diese Gemeinschaft, diese zu pflegen, ihm großes Bedürfnis war, in seinem Gedanken zu arbeiten macht Mut, gemeinsam, wir, die Menschen, sollten daran denken, zusammenzuarbeiten, Gemeinschaften zu bilden, die kreative Innovationen beinhalten durch Vielschichtigkeit, die Künstler und die Gesellschaft, das kann auch ein Gegeneinander bedeuten, kontrovers und /oder einfach nur so da, ohne etwas, selbstverständlich, wir werden es am Ergebnis ablesen können, freut mich, daß das Thema in Ihr Interesse gefunden hat und somit sich mir die Gelegenheit zum Kommentar bot. Übrigens, die Apfelpfarrer-Geschichte finde ich besonders toll, danke für die Info ! sorry, ist etwas länger geworden, der Beitrag….Schreibfluss eben, Fohrer

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