Manifest gegen die Apokalypse: Können wir die ökologische Katastrophe noch abwenden?

Ist die Menschheit bereits an einem Punkt ohne Wiederkehr angelangt, oder können wir die absolute Katastrophe noch verhindern? Daniel Pinchbeck glaubt, es geht - und hat ein Manifest gegen die Apokalypse geschrieben.
von Manuela Hartung
Industrielandschaft: Ökologische Katastrophe abwenden?© Pixaby

Wir alle wissen, dass wir der ökologischen Apokalypse entgegensteuern. Globale Erwärmung, Artensterben, die Rodung der Regenwälder, häufigere Naturkatastrophen und Waldbrände. Doch das sei kein Grund zur Hoffnungslosigkeit, sagt Philosoph und Futurist Daniel Pinchbeck in seinem neuen Buch “How soon is now”.

Wenn wir die Welt retten wollen, dann brauchen wir vor allem eines: Einen Bewusstseinswandel. Im Prinzip ist das die Kernaussage von Pinchbecks Buch und mit dieser hat er vollkommen Recht.

Denn egal ob es um den Fleischkonsum, Flugreisen oder Konsumgüter wie Laptops und Smartphones geht: Zwar wissen wir, dass all diese Dinge dem Planeten und anderen Lebewesen schaden, wir tun und kaufen sie aber trotzdem. Pinchbeck untersucht in seinem Buch, warum das so ist, welche konkreten Auswirkungen es hat und wie wir aus der Teufelsspirale entkommen können.

Die Menschheit braucht wieder mehr Spiritualität

Pinchbeck - How soon is nowIm ersten Kapitel seines Buches geht Pinchbeck vor allem auf spirituelle und okkulte Themen ein. Zwar stimme ich nicht mit allen seinen Methoden überein (bewusstseinserweiternde Drogen halte ich zum Beispiel für keine Möglichkeit, die für die Massen geeignet wäre), doch da ich selbst gläubig und somit auch spirituell bin, stimme ich zu, dass die Menschheit im Zuge der zunehmenden Materialisierung den Blick auf die spirituelle Welt verloren hat – und dass uns das schadet.

Pinchbeck zieht Verweise zu indigenen Naturvölkern, in denen es noch Initiationsriten oder spirituelle Reisen gibt, in denen die Natur gewürdigt und verehrt wird, in denen nicht der Besitz einen Menschen ausmacht, sondern das, was er tut und ist. Wenn wir das “Heilige” als Instanz abgeschafft haben, ist nichts mehr heilig, auch nicht der Planet, der uns ernährt und für unser Überleben sorgt.

Das Erstaunliche ist nun, dass wir, obgleich wir sehen, dass unser Verhalten bereits zu einem Flächenbrand im Ökosystem geführt hat, einfach immer weitermachen, ja, unseren Konsum und unser ausbeuterisches Verhalten sogar noch steigern. Pinchbeck glaubt, dass wir ein weltweites Übergangsritual benötigen, ein kollektives Erwachen. Nur so können Kopf und Herz wieder miteinander verbunden werden.

Klimazweifler und die Großindustrie – Niemand kann den Klimawandel ernsthaft leugnen

Den zweiten Teil seines Buches widmet Pinchbeck den aktuellen klimatischen Gegebenheiten. Er führt viele Gründe an, warum manche Menschen die Anzeichen ignorieren – Furcht etwa, oder den Gedanken, dass man eh nichts daran ändern könne, solange Staaten wie China oder Indien nicht mitziehen.

Pinchbeck geht auf die Biodiversität und globale Erwärmung ein. Zwar ist sein Buch nicht dazu gedacht, Klimagegner zu überzeugen, doch seine Zusammenfassung zeigt deutlich, wie kritisch die Situation eigentlich ist.

Und dann kommt er zur Schuldfrage. Bei dieser ist er – ganz in meinem Sinne – ausgesprochen klar und direkt. Nicht die Überbevölkerung des Planeten ist Schuld an der ganzen Misere, sondern der Lebensstil der reichen, westlichen Welt. Und dazu gehören auch Ottonormalverbraucher in Deutschland, einfach nur deshalb, weil unser gesamtes Konsumverhalten mit nichts auf der Welt vergleichbar und gerechtfertigt wäre.

Selbstverständlich gibt es da auch die Großindustrie und die Superreichen, die, wenn sie nur wollten, die meisten Probleme dieser Welt stark reduzieren könnten – oder sie elimieren. Doch wir können nicht die Verantwortung immer auf andere abschieben und selbst so weitermachen, wie bisher.

Alle müssen ihr Verhalten ändern – und auch Verzicht üben

Sozialverhalten ist ansteckend, so Pinchbeck. Das bedeutet, wenn wir anfangen, einen anderen Lebensstil vorzuleben, wird sich die Gesellschaft verändern. Das können wir bereits beobachten: Es gibt immer mehr vegetarische oder vegane Produkte, Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit sind mittlerweile Begriffe, mit denen die Werbung arbeitet, weil sie als erstrebenswerte Werte angesehen werden.

Vor allem die Medien könnten viel ausrichten, um den globalen Bewusstseinswandel hervorzurufen. Denn, das hält Pinchbeck ebenfalls fest, viele Menschen sind einfach Mitläufer, die das tun, was die Masse tut. Daher ist es von Bedeutung, ob man sofort das neueste Smartphonemodell kaufen muss, sobald es auf dem Markt ist, oder ob man sein Handy so lange benutzt, wie es noch funktioniert und man es reparieren lässt, anstatt es wegzuwerfen.

Die gute Nachricht: Verzicht macht nicht unbedingt unglücklich. Tatsächlich gibt es sogar immer mehr Menschen, die nach dem Minimalismus freiwillig darauf verzichten, Besitz anzuhäufen und sich mit dem begnügen, was sie tatsächlich brauchen. Das macht Platz frei für Dinge, für die viele von uns gar keine Zeit mehr haben: Familie, Beziehungen, Engagement, Gemeinschaft, Stille, innere Ruhe.

Wenn die Menschheit es schaffen würde, eine Zeitlang kollektiv ihr Konsumverhalten drastisch zu reduzieren, könnte der Planet sich erholen. Doch was braucht es dazu?

Regenerative Lösungen sind die Zukunft des Planeten

Eine der größten Herausforderungen, vor der wir stehen, ist den kompletten Wandel von Ressourcen verschwendenden Industrien zu regenerativen Möglichkeiten. Auch diesem Thema widmet Pinchbeck ein ganzes Kapitel und geht dabei nicht nur auf alternative Energien ein, sondern auch auf die Verantwortung der Landwirtschaft, die einer der Hauptverantwortlichen für den Klimawandel ist.

Auch die Industrie wird bedacht und mit ihr die Möglichkeit des Menschen, seine Kraft zu Innovation und Erfindungen nicht mehr in Spaß und Unterhaltung zu stecken, sondern Dinge zu entwickeln, die unserem Planeten helfen können, sich zu regenerieren.

Allerdings stellt Pinchbeck auch klar, dass er nicht glaubt, dass Technik die alleinige Lösung sein kann. Zwar können wir vielleicht Dinge erfinden, die das Plastik aus den Meeren entfernen oder uns eine unerschöpfliche Energiequelle bieten, dennoch muss sich am Verhalten der Menschen etwas ändern – und vor allem an ihrer Einstellung gegenüber Mutter Erde.

Was können wir tun?

Im Fazit seines Buches gibt Pinchbeck einige nützliche Vorschläge, die jeder in seinem Alltag umsetzen kann, ohne gleich als Einsiedler im Wald leben zu müssen. Nichtsdestotrotz liegt die größte Verantwortung dort, wo Menschen angeleitet und gesteuert werden: Bei Medien und Staat.

Auch wenn Pinchbeck insgesamt für dezentrale Lösungen statt Nationalstaaten plädiert, so sind manche Notwendigkeiten für das Überleben des Planeten nicht zu schaffen, ohne dass die Staatsgewalt eingreift. So bräuchten wir Gesetze, die den CO2 Ausstoß rigoros regulieren, die den Fleischverbrauch senken und die Produktion von Biolebensmitteln fördern, die regional produziert und konsumiert, anstatt um die Welt geflogen werden.

So schildert sein Buch also sehr drastisch den Zustand des Planeten, es zeigt, WARUM sich etwas ändern muss und es zeigt, WIE sich etwas ändern kann, im Großen und im Kleinen. Es bleibt nur zu hoffen, dass der Bewusstseinswandel, das Erwachen der Menschheit, das er herbeibeschwört, auch tatsächlich eintritt.

Die Macht des Kapitalismus zu brechen, die Vorstellung, dass mehr nicht genug ist, ist dabei sicher die größte Herausforderung. Doch hoffnungslos ist es nicht.

evidero-Redakteurin Manuela Hartung hat an der Uni Köln Germanistik, Linguistik und Phonetik studiert. Zu ihren Hobbies zählen Radfahren und kreatives Schreiben.
Tipp
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