Biokraftstoff durch Gentechnik: Nur noch schnell die Welt retten

Kann man wirklich Biokraftstoff aus Algen gewinnen? Craig Venter sagt ja, wir sind da skeptisch.
von Andreas Schäfer
Craig Venter entwickelt Bakterium mit Kunst-ErbgutFoto: J. Craig Venter Institute/ho © dpa

Craig Venter, der “Herr der Gene” plant seinen neuesten Streich: Biokraftstoffe aus photosynthetischen Algen schaffen. Unser evidero-Blogger Andreas Schäfer fragt sich und uns: Brückentechnologie oder Humbug? 

Während die Atmosphäre Jahr für Jahr dank der ungedrosselten Verbrennung fossiler Energieträger und unendlich vieler methanhaltiger Kuhpupser dauerhaft erwärmt wird, heizen immer mehr Menschen das Feuer noch weiter an. Als ich ein Kind war, waren es gerade mal zwei Milliarden. Die sieben Milliarden, die es jetzt sind, wollen alle essen, trinken, sich kleiden, gesund und mobil sein. Wenn wir fair sind, müssen wir ihnen die gleichen Rechte auf Dienstleistungen und Güter zugestehen wie uns. Aber das ist ein Riesenproblem. Unendliches Wachstum in einer begrenzten Welt stößt zwangsläufig mal an seine Grenzen.

Für Craig Venter, den Entschlüssler des menschlichen Genoms, ist die Lösung dieses Problems ganz einfach: Algen. Die Idee ist verlockend. Auf der Homepage seiner Firma Synthetic Genomics Inc. verkündet er, dass es nicht nur um die Erzeugung von Energie geht, sondern auch um synthetische biologische Impfstoffe und sauberes Trinkwasser. Zur „Entwicklung von Biokraftstoffen der nächsten Generation aus photosynthetischen Algen“ ist 2009 auch der Energieriese Exxon Mobil in die Forschung von Craig Venter eingestiegen. Man platzierte bei Synthetic Genomics einen Scheck über 300 Millionen Dollar. Weitere 300 Millionen Dollar verblieben für das Vorhaben im Exxon-Konzern.

Man könnte jubeln. Venter will das reichlich vorhandene CO2 nutzen, um zusammen mit dem Sonnenlicht jede Menge Biomasse zu produzieren, aus der dann die modernen Kraft- und Kunststoffe sowie Arzneimittel hergestellt werden können. Die Sache hat aber auch einige Haken. Venter braucht nicht nur CO2 und Licht, er braucht auch sehr viel Wasser und Stickstoff. Der zweite Haken ist der, dass Venter mit gentechnisch veränderten Algen in gigantischer Großtechnologie arbeiten will.

Andreas Schäfer ist Autor und Regisseur. Seit 2009 ist er Chefredakteur des Magazins Showcases. In einer Essayreihe beschäftigt er sich mit der Kommunikation im 21. Jahrhundert...
Venter ist von seinen Möglichkeiten berauscht. Als Pharisäer, der ich manchmal bin, gebe ich zu bedenken, dass ich das wahrscheinlich auch wäre, wenn die Industrie mir hunderte Millionen von Dollar zur Verfügung stellen würde. Eine Folgeabschätzung ist derweil extrem schwierig. Venters synthetische Biologie könnte der Universalschlüssel für die Zukunft der Menschheit sein. Sie könnte aber auch die nächste Büchse der Pandora sein, die wir öffnen, ohne die andere, die der Nukleartechnologie, geschlossen zu haben. Ist die synthetische Biologie wirklich eine Vision oder nur technologische Überheblichkeit?

Hand auf’s Herz. Ich bin hin und hergerissen. Ist das nun wirklich die Brückentechnologie in die Zukunft der Menschheit? Oder öffnet man damit die Schleusen in Frankensteins Labor. Venter spielt mit der Schöpfung. Er designt Leben, wenn auch primitives. Bakterien und Viren sind ebenso primitiv wie Algen, aber zuweilen tödlich. Was passiert mit der natürlichen Biologie, wenn Hekatomben von diesen genmanipulierten Algen auf natürliches Leben oder weiteres synthetisch erzeugtes einprasseln? Was passiert, wenn Venters Algen auf Monsantos Mais treffen? Oder auf tückische Viren wie Aids? Ich muss gestehen, Craig Venters Verkäuferlächeln beruhigt mich nicht.

Nach Three Mile Island, Tschernobyl und Fukushima sind auch die Verheißungen des Atomzeitalters nicht mehr so verlockend, wie sie vor fünfzig Jahren mal klangen. Und wir wissen inzwischen, dass auch die geringste Wahrscheinlichkeit irgendwann einmal eintritt: ja sogar zweimal und dreimal. Vielleicht ist der Weg über die Algen der richtige. Sie wachsen schnell und sind im Vergleich zu höheren Pflanzen wirklich anspruchslos, aber geht das ganze vielleicht auch ohne Genmanipulation? Was wäre, wenn Exxon seine Mittel in eine Forschung mit klassischen Kreuzungen stecken würde: das einfache Mendeln. 600 Millionen Dollar sind viel Geld! Möglicherweise wäre auch damit ganz viel für die Menschheit drinnen. Ganz ohne Frankenstein.

Weitere Informationen:

Informationen zu Craig Venters: http://www.jcvi.org/

Informationen zum Projekt: http://www.syntheticgenomics.com/

  • Elisabeth

    Ich finde, es ist an der Zeit der Gentechnik eine Chance zu geben. Dank der Gentechnik gibt es heute Insulin, Interferone, Antibiotika, Impfstoffe etc, ganz abgesehen von den industriellen Prozessen die durch den Einsatz von Gentechnik "grüner" wurden. Dass die fossilen Energieträger limitiert sind und nur noch auf Zeit ausgebeutet werden können, ist schon seit Jahren/Jahrzehnten bekannt und es ist an der Zeit eine Lösung zu finden. Welcher Lösungsansatz schlussendlich den Durchbruch erreichen wird, sei mal dahingestellt. Wesentlich für heute ist, dass es kreative Forscher und unterstützende Unternehmen gibt, die bereit sind an einer Lösung zu arbeiten. Umso mehr Lösungsansätze es gibt, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass wir eine für Mensch und Umwelt verträgliche Alternative zu den fossilen Rohstoffen finden. Die Anwendung von Gentechnik wäre ein Lösungsansatz, der in meinen Augen erfolgsversprechend sein könnte. By the way: "Einfaches Mendeln" und Gentechnik sind sich sehr ähnlich, mit dem Unterschied, dass Gentechnik im Labor stattfindet, die Änderungen im Erbgut gezielt eingebracht werden können und akkurat analysiert werden können. Dass die Gentechnik auch Gefahren birgt, möchte ich nicht abstreiten, daher halte ich ausführliche Risikoüberlegungen und -berechnungen für unentbehrlich. Trotz des Risikos glaube ich aber, dass es an der Zeit ist, der Gentechnik endlich eine Chance zu geben und sie nicht ständig schlecht zu reden!

  • Gregor Huyskens

    Gentechnik ist genaus wenig "gefährlich" wie das "Internet" oder das "Autofahren".
    Venter öffnete einen neuen Weg, Gene systematisch zu erforschen und letztlich
    auf ein Minimum zu reduzieren.
    Wenn Mutationen gefährlich sind, dann weil sie uralte deaktive Gene reaktivieren.
    Eine minimales, wohl verstandenes Genom würde diese Technologie sicherer machen
    als (das) Fliegen.