Askese bereichert das Leben: Wie man durch Verzicht etwas gewinnen kann

Immer mehr Menschen wünschen sich mehr einfaches, pures (Er-)Leben. Es scheint, als erfasst eine neue Massenbewegung asketischer Lebensführung die Gesellschaft.
Annette Coumont
von Annette Coumont
Mehr Glück durch AskeseFoto: Ton Koene © picture alliance

Fasten, Wandern, regionale Küche, Klosterleben, Gärtnern, Selbermachen, Muße, Yoga, Meditation, … immer mehr Menschen wünschen sich mehr einfaches, pures (Er-)Leben. Es scheint, als würde eine neue Massenbewegung asketischer Lebensführung unsere Gesellschaft erfassen.

Mitten im Zeitalter der totalen Ökonomisierung und Digitalisierung aller Lebensbereiche zeigt sich bei vielen ein neuer Freiheitswille in einer Sehnsucht nach archaischen Tätigkeiten wie Fasten, Gärtner oder Selbermachen. Haben wir denn nicht schon die unendliche (Wahl-)Freiheit durch differenzierteste Konsummöglichkeiten? Und sind wir denn nicht frei wie nie durch die moderne Technik?

Längst müssen wir nicht mehr selber waschen und dank Convenience Produkten auch nicht mehr selber kochen. Computer übernehmen unsere Fahrplanung, unser Fitnessprogramm, unsere Zeitorganisation und unsere Partnerwahl. Demnächst könnten sie uns wohl auch das Denken ersparen. Die unendlichen Wahlmöglichkeiten geben uns aber nur scheinbar Freiheit, wie Barry Schwartz, der amerikanische Psychoanalytiker, herausfand.

Askese befreit von Fremdbestimmung

„Ich muss endlich aus diesem Hamsterrad raus“, „mein Leben ist total überfrachtet und durchorganisiert“, „Ich habe keine freie Zeit mehr für mich“, „Ich fühle mich leer und ausgelaugt“, „was ich tue, macht irgendwie keinen Sinn“ – höre ich oft genug in meinem persönlichen Umfeld. Von Menschen mit beruflichem Erfolg und materiellem Wohlstand. Sie fühlen sich trotzdem unglücklich und chronisch unfrei in ihrer Wirklichkeit.

Ihr Leben wird zunehmend von äußeren, komplexen Faktoren fremdbestimmt, die sie selber nicht mehr verstehen und auch nicht mehr abstellen können. Dirigiert von der Technisierung und Kommerzialisierung aller Lebensbereiche verlieren die Menschen zunehmend die Kontrolle über die alltäglichsten Dinge und das Gefühl für ihre eigenen Bedürfnisse. Wer kann sich denn heute noch mit einfachen handwerklichen Tätigkeiten weiterhelfen, wenn Heizung, Herd, Musikanlage oder Auto eine Software enthalten, über die nur der Hersteller die Kontrolle hat?

Die einfachsten mechanischen Dinge sind komplex geworden, wir durchblicken diese Welt nicht mehr, verlieren unsere Handlungsoptionen und fühlen uns irgendwie gar nicht mehr frei. „Paradox of Choice“ nennt sich dieses von Barry Schwartz wissenschaftlich nachgewiesene Phänomen. Danach lähmen uns paradoxerweise zu viele Auswahlmöglichkeiten.

Die Wiederentdeckung der Langsamkeit: Downshifting und Entschleunigung

„Slow“ ist das neue Lebensmotto derjenigen, die das Leben bewusst und in seiner Tiefe erleben möchten. Typische Vertreter dieser neuen Bewegung zur Langsamkeit sind beispielsweise der Slow-Food-Verein, Cittaslow oder Slowretail. Die neue Sehnsucht nach Langsamkeit und Einfachheit hatte aber bereits Lothar J. Seiwert in seinem Buch „Simplify your Life“ auf den Punkt gebracht. Und die neue Langsamkeit ist längst mit Begriffen wie „Downshifting“ oder „Entschleunigung“ in der Therapieszene und sogar in der Wellness-Bewegung angekommen.

Dabei geht es im Kern aber immer um Askese und Selbsterkenntnis. Bereits in der Antike wussten die Menschen, dass sie durch Selbstschulung Tugenden der Selbstkontrolle und der Festigung des Charakters erreichen können. Und in anderen Weisheitstraditionen, wie beispielsweise im Buddhismus, spielt die Askese die zentrale Rolle. Moderne Menschen, wie beispielsweise Master Han Chan, alias Hermann Ricker, ging schon Anfang der 70er als erfolgreicher Unternehmer in die radikale Askese als buddhistischer Bettel-Mönch.

Heute betreibt er ein buddhistisches Meditationszentrum in Thailand. Er hat seinen Alltag radikal vereinfacht, um frei zu sein und 15 Stunden täglich zu meditieren. Philosophen wie der vor 150 Jahren verstorbene Henry David Thoreau heben die Askese mit „simplify“ als Lebensmotto hervor, um die Menschen mit dem einfachen Leben vor gesellschaftlichen Zwängen zu bewahren. Das Problem ist also wohl schon älter. In der Neuzeit fordert der Asketen-Philosoph Peter Sloterdijk mit „Du musst Dein Leben ändern“ eine radikale Vereinfachung unseres individuellen Lebens durch die tägliche Übung und die Arbeit an uns selbst.

Simplify kommt aus der Antike

Das Wort Askese kommt ursprünglich vom altgriechischen ´askein´, was ´üben´ heißt. Die asketische Übung beinhaltet demnach die Disziplinierung des `Denkens´ und `Wollens´ wie auch des `Verhaltens´ und umfasst damit sämtliche Ebenen der menschlichen Handlungsmöglichkeiten.

Verzicht und Kasteiung – heute und freiwillig? Darin liegt eine große Chance. Die Askese soll im Wesentlichen zur Vereinfachung unseres Lebens, zu wahrhaftigerem Leben und damit zum persönlichen Glück beitragen. Für den modernen Menschen, der seiner unüberschaubaren Wahl- und Entscheidungsfreiheit ins Auge sieht, bedeutet Askese ´bewusst und aktiv´ auf eine maximale Wahlfreiheit zu verzichten.

Kein Mensch braucht wirklich fünfzehn Sorten Toilettenpapier zur Auswahl. Im Verzicht auf die Wahlfreiheit liegt die eigentliche Handlungs-Freiheit: Wir übernehmen wieder Kontrolle über unser Leben. Indem wir zum Beispiel wandern, spüren wir die wahrhaftigen Bedingungen von Raum und Zeit, wir erleben die Umwelt mit allen Sinnen und fühlen uns als Mitglied der Natur.

Wir gärtnern und sehen das Ergebnis unseres Bemühens, wir ernten die Früchte, die wir säen, wir könnten uns selber versorgen. Wir kaufen regionale und saisonale Produkte, vereinfachen somit nicht nur unsere Essensgewohnheiten, sondern auch die Handelsprozesse. Wir fasten und gewinnen ein Gefühl von Unabhängigkeit und Reinheit.  Wir meditieren und reduzieren überflüssige Gedanken, werden ruhig und gewinnen ein größeres Bewusstsein für die wichtigen Dinge des Lebens.

Verzicht bringt mehr Glück und persönliche Freiheit

Das Versprechen der modernen Askese birgt neben dem persönlichen Glück und der Rückgewinnung der eigenen Freiheiten noch weitere positive Nebenwirkungen. So trägt sie in besonderem Masse zu einem nachhaltigen Umgang mit unseren eigenen körperlichen und geistigen Ressourcen und damit zu unserer Gesundheit bei. Und vielleicht könnte man die Askese sogar als eigentlichen Keim der ökologischen Bewegung bezeichnen. Denn wer asketisch und damit bewusst lebt, der trägt ganz nach dem Motto „weniger ist mehr“ entscheidend zu einem nachhaltigen Umgang mit unserer Natur bei.

Annette Coumont
Annette arbeitet als freie Redakteurin und Autorin mit Schwerpunkt Achtsamkeit und bewusst nachhaltige Lebenstile. Sie schreibt auch für die evidero Redaktion…
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