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Stressmanagement in der Chefetage: Mitleid mit dem Chef – Stress ist kein Privileg von Angestellten

Wer von Burnout spricht, denkt häufig zuerst an den gemeinen Arbeitnehmer und einfachen Angestellten, der dem Druck ausgesetzt ist, einen Job zu finden und zu behalten. Doch was ist eigentlich mit den Arbeitgebern, Chefs und Selbstständigen? Haben die etwa keinen Stress?
Rolf Hess
von Rolf Hess
Burnout bei Arbeitgebern© william87 - Fotolia.com

Alle sprechen vom gestressten Arbeitnehmer, doch was ist mit ihren Chefs? Sind wir der Meinung, dass unsere Vorgesetzten gemütlich und ausgeruht auf ihren Chefsesseln sitzen und den Tag genießen? Stressexperte Rolf Hess zeigt uns, dass Stress auch für Arbeitgeber kein Fremdwort ist.

Viel Verantwortung bedeutet viel Stress

Arbeitgeber sind in vieler Hinsicht stark gefordert. Je größer der Betrieb ist, desto eher kann ein Arbeitgeber zwar viele Arbeiten delegieren, doch desto höher sind auch die Verantwortungen, die unsere „Obersten“ tragen müssen. Entscheidungen in der obersten Etage können unter Umständen Auswirkungen auf viele Mitarbeiter haben.

Dessen ungeachtet gibt es viele kleine Betriebe, wo der Arbeitgeber gleichzeitig Chef, Manager und Mitarbeiter ist. Er muss selbst mit anpacken, um einen akzeptablen Umsatz zu generieren. Neben den vielen leitenden Aufgaben muss auch noch die Buchhaltung, das Administrative, die Werbung und vieles andere erledigt werden. Das sind viele Bereiche, die ein Mitarbeiter oft nicht sieht und meistens nichts davon erfährt.

Viele Alleinerziehende sind selbstständig, weil sie so die einzige Möglichkeit sehen, dem Kind und der Arbeit gerecht zu werden. Umso größer sind die Herausforderungen, nebenher auch noch den Haushalt zu erledigen, familiären Verpflichtungen nachzukommen und den Kontakt zu Freunden zu pflegen.

Ein Unternehmen zu leiten ist enorm zeitaufwendig

Arbeitgeber sitzen oft noch am Abend im Büro und versuchen, alle administrativen Aufgaben zu erledigen. Weil viele keine gelernten Buchhalter sind, brauchen sie länger, um diese Arbeiten zu erledigen.

Durch die lange Arbeitszeit werden sie von ihren Kindern vermisst und das macht zusätzlich ein schlechtes Gewissen. Auch der/die Partner/in wird sich Gehör verschaffen wollen. Die Freunde werden weniger, da die Zeit für “nichts tun”, Kinobesuche oder geselliges Beisammensein immer weniger wird.

Auch der Chef leidet unter Stresssymptomen

Die Stressauswirkungen sind in der Regel dieselben wie bei Arbeitnehmern, Hausfrauen, Freiberuflichen und Arbeitslosen.

Es fängt an mit Kopfschmerzen, Müdigkeit, Verspanntheit, geht weiter über Sodbrennen, psychosomatische Schmerzen, Aggressionen, Dünnhäutigkeit und endet beim Nervenzusammenbruch, Herzversagen, Nieren und Leberschäden oder Depressionen. Im Extremfall kann ein Burnout auch zum Tod führen.

So kann man als Chef oder Selbstständiger einem Burnout vorbeugen

  • Vereinbaren Sie mit Ihrer Familie, dass Sie am Sonntag und an einem anderen Tag in der Woche (es muss nicht immer der Samstag sein) sowie an zwei Abenden nur für sie da sind.
  • Mit dem/der Partner/in sollten Sie ebenso eine gemeinsame Abmachung treffen. Verabreden Sie sich mit ihr/ihm regelmäßig. Aber Achtung: Mit regelmäßig ist nicht alle zwei bis drei Jahre gemeint. Ihr Gegenüber möchte bestimmt Zeit nur mit Ihnen verbringen und diese sollten sie ihr/ihm so oft wie möglich geben. Auch eine Blume vom Feld zeigt, dass Sie immer wieder an sie/ihn denken.
  • Erzählen Sie zu Hause von ihrem Alltag, damit kann Ihr/Ihre Partner/in auch nachvollziehen, weshalb sie vielleicht in der einen oder anderen Woche weniger Zeit mit ihm/ihr verbringen können.
  • Suchen Sie sich Anregungen und Ideen bei Buchhaltern oder Treuhändern, um die lästigen administrativen Aufgaben schneller erledigen zu können. Eventuell können Sie diese Aufgaben sogar an einen tatsächlichen Buchhalter abgeben. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, die nicht allzu teuer sind.
  • Lernen Sie für sich, Pausen einzuhalten und sich genug Bewegung zu gönnen. Bewegung reduziert Stress und lässt Sie ruhiger und ausgeglichener werden. Am Besten sind circa 30 Minuten Gehen, Radfahren, Schwimmen oder Ähnliches nach der Arbeit, um den Kopf wieder frei zu bekommen. Ideal wäre, diese Zeit mit Ihrem/Ihrer Partner/in zu verbringen. Sie können auch größere Kinder mitnehmen. Unterschätzen Sie diese aktive Zeit niemals.
  • Suchen Sie sich einen Mentor, der sich in Ihrem Metier auskennt und Ihnen Tipps und Tricks zeigen kann, wie Sie dieselbe Arbeit effektiver gestalten könnten und so zu mehr Freizeit gelangen (nicht mehr Arbeit!). Überarbeiten Sie Ihr Arbeitskozept, suchen Sie sich qualifizierte Arbeiter und behalten Sie nicht den unbegabten Kollegen, weil Sie sich nicht trauen, ihm eine passendere Stelle zu ermöglichen.
  • Entwickeln Sie sich selbst weiter. Lernen Sie Neues und integrieren Sie das Neue in Ihren Betriebsalltag. So bleiben Sie flexibel und können mit anderen Firmen mithalten.

Nun wünsche ich Ihnen als Arbeitgeber viele freie Stunden, die Sie genießen können und genug Arbeit, um die täglichen Herausforderungen bezahlen zu können.

 

Rolf Hess
Experte: Rolf Hess
Rolf Hess ist Stressregulationsexperte und Leiter des Schweizerischen Zentrums für angewandte Stressforschung (SZS) in Solothurn (CH). Nach 10-jähriger Anstellung in einem gerontopsychiatrischen Altersheim...