Apple im Nachhaltigkeitstest: Nachhaltigkeit bei Apple – „Steht alles auf unserer Website“

Apple machte 2011 rund 25 Milliarde Dollar Gewinn. In Sachen soziale und ökologischer Produktion ist der Computerhersteller jedoch nicht die Nummer Eins.
von Volker Eidems
Apple Inc. HeadquartersFoto: Alan Greth © picture alliance / ZUMA Press

Von Apple bis Zara, von Zalando bis AEG, Unternehmen hinterlassen Spuren – nicht nur im Markt, sondern auch ökologisch, gesundheitlich und sozial. Diese Fußabdrücke nimmt evidero-Autor Volker Eidems unter die grüne Lupe. Seine Serie richtet den Fokus auf die unternehmerische Verantwortung von Marken und Marktführern. Ziel ist immer die direkte Stellungnahme der Unternehmen, sollten die aber nicht antworten, wird auch das dokumentiert. Ob die Marke damit unter Generalverdacht erscheint oder das Verhalten als verständliche Marketingmaßnahme einzuordnen ist, bleibt dem Leser überlassen. Dass man das Thema auch ganz anders sehen kann zeigt der evidero-Blog von Matthias Leier. Er schreibt aus der Sicht der wohlwollenden, aber leidgeplagten Unternehmer.

Unter der grünen Lupe: Apple

Das aktuell wertvollste Unternehmen der Welt leistet sich keine persönlichen Antworten. Fragen zu Apples Nachhaltigkeit würden auf den Internetseiten beantwortet, darüber hinaus wolle man keine Angaben machen, teilt Georg Albrecht mit, Manager Corporate Communications bei Apple Deutschland. Informationen jenseits der reinen Selbstdarstellung müssen also andere Quellen liefern.

Allen voran fällt die Wahl auf den „Guide to greener electronics“, ein Rating, das die Umweltorganisation Greenpeace regelmäßig herausgibt. Der letzte Bericht von November 2011 analysierte 15 Elektronikhersteller. Apple erreichte hier Rang 4 und hat damit fünf Plätze aufgeholt im Vergleich zum letzten Bericht, in erster Linie weil die umweltkritischen Stoffe PVC und BFR (Bromierte Flammschutzmittel) aus den Produkten verbannt wurden. Greenpeace bemängelt aber weiterhin drei Handlungsfelder: Apple gebe keine Informationen über die Verwendung recycelter Kunststoffe, die Herkunft von Papier und Pappe sei unklar, und es gebe keine kommunizierte Firmenstrategie zum Einsatz von grüner Energie.

Schwarze Wolken in der Cloud

Energie ist auch das Thema einer weiteren Greenpeace-Studie von Beginn dieses Jahres. Darin fällt Apple zusammen mit Microsoft und Amazon auf den letzten Platz, weil es Kohle- und Atomstrom für seine Server nutze, über die etwa iTunes-und App-Store-Käufe sowie iCloud-Dienste abgewickelt werden. Ein neues Server-Zentrum in Maiden (North Carolina) soll nun neue Standards in Energieeffizienz und –produktion setzen. Laut der Apple-Website umfasst es das „größte, im Besitz von Endverbrauchern befindliche Solarfeld sowie den Aufbau der größten, von unabhängigen Erzeugern („Nonutility“) betriebenen Brennstoffzellenanlage in den USA.“ Ganz in der Unternehmenstradition „Hauptsache Superlativ“, auch wenn dieser erst durch die Einschränkung auf die Endverbraucher zustandekommt. Greenpeace kritisiert insbesondere, dass der Standort für die Server nicht nach der Verfügbarkeit erneuerbarer Energiequellen gewählt wurde. Zum Vergleich: Ein neues Rechenzentrum von Facebook wird in der Nähe des Polarkreises gebaut, wo bereits die Umgebungstemperaturen für Kühlenergie sorgen.

Wie steht es um iRecycling?

In den vergangenen Jahren haben sich die Aktivitäten des Unternehmens von PCs und Notebooks stark in Richtung kleiner, tragbarer Unterhaltungsgeräte verlagert. Vorteile wie die lange Lebensdauer und der hohe Wiederverkaufswert sinken bei den mobilen Kleingeräten im Vergleich zu den „echten“ Computern. Die Marke Mac machte nach Angaben des US-Infodienstes Anandtech im ersten Quartal 2011 nur noch 20 Prozent des Umsatzes aus, iPad, iPhone und iPod zusammen fast 70 Prozent. Um die Recyclingquoten zu erhöhen, hat Apple ein Rücknahmesystem eingerichtet, an dem allerdings nur teilnehmen kann, wer über ein Gerät mit Wiederverkaufswert verfügt oder ein neues Gerät bei Apple kauft – allen anderen bleibt nur der Gang zum Wertstoffhof.

Das Unternehmen wirbt damit, bereits beim Design auf die Recyclingfähigkeit seiner Produkte zu achten. Der häufig verwendete Werkstoff Aluminium bietet diese Eigenschaft besser als jedes Polycarbonat-Gehäuse. Allerdings wird für die Herstellung von Aluminium viel mehr Energie benötigt, es sei denn, es handelt sich um Aluminium aus dem Recycling. Leider macht Apple keine Angaben, wie hoch der Anteil bereits recycelter Stoffe in seinen Produkten ist.

Das Unternehmen brüstet sich einerseits mit größtmöglichen Innovationen, so heißt es etwa: „OS X nutzt wirklich auch die kleinste Gelegenheit, um Energie zu sparen. Es reguliert sogar den Prozessor zwischen den Tastenanschlägen und senkt beim Tippen den Energieverbrauch.“ Auf der anderen Seite steht das Design immer an erster Stelle: Die kabellosen neuesten Versionen von Trackpad oder Maus – ohne verschmutzungsanfälligen Scrollball – benötigen zwei Batterien. Für 29,– Euro liefert Apple dazu ein passendes Ladegerät, dessen „wiederaufladbare[n] Batterien halten unglaublich lange mit einer Ladung und haben eine Lebensdauer von bis zu 10 Jahren.“ Wirklich unglaublich – und wirklich nötig? Im Internet kursieren Versuche von (Öko-?)Elektronikern, die versuchten, an die kabellose „Magic Mouse“ USB-Kabel zu löten um dann auf Batterien verzichten zu können. Hatte nicht auch Steve Jobs in der Bastler-Garage angefangen,  seine Innovationen zu verwirklichen?

Ein echtes Problem: die Arbeitsbedingungen

Während der Auftraggeber Rekordumsätze erzielt, gehen die Arbeiter leer aus. Bereits Mitte 2010 gab es Meldungen über Selbstmorde von Arbeitern des Apple-Zulieferers Foxconn im chinesischen Shenzhen und Chengdu. Als Gründe wurden Arbeitsbedingungen wie unbezahlte Überstunden und Totalüberwachung genannt. Anfang 2011 klagten rund 130 chinesische Arbeiter der Firma Wintek, sie seien beim Säubern von iPhone-Displays vergiftet worden. Der Konzern verwies angesichts der Vorwürfe auf seinen Verhaltenskodex, den Zulieferer einzuhalten hätten. Die Vorwürfe hielten an, doch erst im Januar 2012, nachdem ein weiterer Artikel in der New York Times mit Berichten ehemaliger Unternehmens-Manager erschienen war, wurde Apple aktiv und trat der Fair Labor Association (FLA) bei. Die FLA wurde mit einer Untersuchung beauftragt, Apple hatte eingesehen, dass die firmeneigenen Audits nicht der Realität entsprachen. Ende März veröffentlichte die FLA die ersten Ergebnisse ihrer Untersuchung, unter anderem aus 35.000 anonymen Fragebögen, beantwortet von Foxconn-Mitarbeitern. Danach überschritten die Überstunden weiterhin die Vorgaben der FLA wie auch der chinesischen Gesetze, der Arbeitsschutz werde stellenweise nicht beachtet und die Betroffenen fühlten sich ungeschützt. Zudem fehlten den Arbeitern Mitspracherechte in Gesundheits- und Sicherheitsbelangen. In der New York Times fasste ein ehemaliger Apple-Manager die Lage wie folgt zusammen: „Wenn Sie die gleichen Problemmuster Jahr für Jahr sehen, dann heißt das, dass die Unternehmen dies ignorieren, anstatt es zu lösen.“

Fazit

Apple wurde 2011 der Negativpreis Big Brother Award verliehen. Doch wenn man von seiner Vorliebe absieht, Nutzerdaten zu sammeln, während über die eigenen Geschäfte geschwiegen wird, steht das Unternehmen nicht schlecht da. Apple-Geräte sind energiesparsam und langlebig. Dies gilt selbst, wenn die Spanne zwischen den Produktinnovationen kleiner wird und entsprechend der Absatz und damit der Rohstoffumsatz zunehmen. Die CO2-Emissionen je Euro Umsatz sinken nach Unternehmensangaben jedoch stetig – im Gegensatz zum Gewinn. In den letzten Jahren hat Apple verstärkt Maßnahmen zur Nachhaltigkeit ergriffen, allerdings hat es länger gedauert als bei anderen Firmen und geschah häufig erst auf wachsenden Druck von außen. Die Vorgänge rund um den Zulieferer Foxconn etwa sind seit Jahren bekannt und wurden wie so manches Detail so lange es ging totgeschwiegen.

Bleibt die Frage: Wenn nicht der beliebte Riese, der mit hochpreisigen wie hochwertigen Produkten an die weltweite Unternehmensspitze gelangt ist, vorneweg geht, um die wichtigsten Maßnahmen für eine intakte Umwelt und gerechtere Gesellschaften zu ergreifen, wer dann? Apple machte im Fiskaljahr 2011 rund 25 Milliarden Dollar Gewinn. Würde das Unternehmen seine Innovationskraft in gleichem Maße der Nachhaltigkeit wie seinen Produktlinien widmen, der Apfel wäre vermutlich zurecht grün und die Verbraucher könnten ganz ohne Bedenken zubeißen.

Volker Eidems (Soziologe M.A.) ist gern unterwegs, am liebsten mit dem Rad. Wenn die Strecken aber zu lang oder die Koffer zu groß für den Fahrradanhänger sind, nutzt er möglichst das ökologischste alternative Verkehrsmittel – und das ist gar nicht so einfach zu ermitteln...