Blog von Volker Eidems

Die Wahrheit übers Fliegen (Oder) Grenzen des Wachstums im Flug erreichen

Veröffentlicht am 03, April 2012 um 06:00 UHR

 

Die letzten Beiträge drehten sich um den Straßenverkehrsdschungel, in dem man endlos um den Block cruisen, sich leider aber auch verfahren kann. Heute richten wir deshalb den Blick gen Himmel. Neulich las ich auf Spiegel Online einen interessanten Beitrag „Verkehrskonzepte der Zukunft: Apokalypse Stau“. Experten – darunter kein Geringerer als Bill Ford, seines Zeichens Urenkel von Henry Ford – befürchten bis 2050 weltweit so viele Fahrzeuge auf den Straßen, dass der Verkehr zusammenbricht, und manche sehen den Kapitalismus gleich mit untergehen. So we it nichts Neues, auch intelligente Navis, Bordcomputer etc. als Lösungsansätze sind allgemein bekannt.

Unter den Kommentaren fand ich aber einen, der – zumindest in Sachen Heiterkeit – auf die vordersten Plätze gehört:

#100 13.03.2012 15:54 von Markus Landgraf

Noch eine Lösung: mehr Flugzeuge

Zitat von fahrgast07

Das Verkehrsproblem ist simple Mathematik: Mit dem Auto braucht man den fünf-bis zehnfachen Platz, um einen Menschen zu befördern, als mit Fahrrad oder Straßenbahn.

Wer erinnert sich noch daran, dass man bei Problemlösungen in die Zukunft statt in die Vergangenheit blickte? Wie wär’s denn damit, Menschen mit Kleinflugzeugen auf mittleren Strecken fliegen zu lassen? Den Weg zum Flugplatz kann die Strassenbahn erledigen. Das Platzproblem auf Autobahnen wäre damit gelöst, ohne Strasse zu bauen.

Ach so, und bevor Sie in die folgenden Richtungen dagegen argumentieren: Fliegen ist nicht komplexer und ausserdem viel sicherer als Autofahren.“

Klasse, oder? Manche Menschen scheint der Traum vom Fliegen immer noch so kerosinzubenebeln wie in den Tagen der ersten Flugversuche. Lassen wir die Themen Energieverbrauch und Sicherheit zum Beispiel in einer kleinen Cessna mal außen vor und folgen in Gedanken einem ganz normalen Flug: Einsteigen auf dem Rollfeld, die Startbahn entlangdüsen und abheben, eine Runde drehen, aufsetzen und auf der Landebahn ausrollen. Hat dann das kleine Flugzeug doch viel Flughafenfläche gebraucht, und weit hörbaren Lärm produziert. Und das stört dann ja doch eine ganze Menge Menschen, selbst wenn allein aus Kostengründen ganz sicher nicht jeder Individualreisende in seiner eigenen Silberkugel unterwegs wäre …

Flughafenausbau konkret

Am vergangenen Wochenende fanden bundesweit Veranstaltungen der verschiedensten Bürgerinitiativen gegen Fluglärm und Startbahnausbau statt; Hotspots waren Berlin, Frankfurt und München – alle drei sind von Ausbauplänen betroffen. Unversöhnliche Argumente stehen sich jeweils gegenüber: Befürworter hoffen auf Wirtschaftswachstum (bzw. den möglichen Abtransport von Produkten: da die bestehenden Kapazitäten ausgereizt sind, würde aus dieser Sicht ein Ausbauverzicht geradezu den Wirtschaftsstandort schädigen, von neuen Arbeitsplätzen rund um den Flughafenbetrieb ganz zu schweigen). Auf der anderen Seite Bürger, denen dann plötzlich die Jumbos über die Köpfen donnern, die mit Lärmschutzverglasungen ruhig gestellt werden sollen (wer schläft heute schon bei offenem Fenster?) und von Schutzzonen träumen oder Umweltschützer, die den Verlust von Biotopen befürchten.

Ein Blick in einschlägige Statistiken bestätigt den Anstieg beim Luftfrachtvolumen weltweit, das schließt Deutschland als Exportnation selbstverständlich ein, auch wenn der innereuropäische Handel meist ohne Flugzeug auskommt und einen hohen Anteil am Gesamtvolumen ausmacht. Doch ein weiterer Blick in das Gutachten zum Ausbaubedarf am Flughafen München lässt verwundern: da wird immer noch von Edmund Stoibers Spielzeug, der Magnetschwebebahn zum Hauptbahnhof ausgegangen, ein Plan der längst Geschichte ist, womit die Fluggäste zur Anfahrt weiterhin eine Dreiviertelstunde mit der S-Bahn unterwegs sind. Außerdem gelte es die Entwicklung am Konkurrenzstandort Frankfurt zu beobachten – der ja mittlerweile auch sicher bauen will, und trotzdem braucht München die dritte Startbahn?

Ohne Frage ist München eine der wenigen Regionen in Deutschland, die wachsen, wirtschaftlich gut aufgestellt und attraktiv für Zuzügler. Aber wer sagt, dass das so bleibt? Die Prognosen gehen von einer Vervierfachung des Fracht-/Postvolumens zwischen 2004 und 2020 aus, die Fahrgastzahlen sollen sich verdoppeln. Als vor ein paar Jahren die Billigflieger aufkamen und Regionalflughäfen aus dem Boden schossen, wollte keine Kommune außen vor bleiben, die die Möglichkeiten für einen eigenen Flughafen hatte. Allein, die Prognosen blieben unerfüllt, die Investoren haben Millionen versenkt und das Thema ist vom Tisch. Die Autobahnen sind voll und trotzdem werden Waren im Zickzack durch Europa gekarrt, ein Paket Biomöhren „aus der Region“ kostet im Supermarkt ein Viertel mehr im Vergleich zur „Anywhere-grown-Biokarotte“. Vielleicht könnte man doch mal die Frachtsubventionen abschaffen, bevor neue Straßen geplant werden? Vielleicht hat so mancher Trucker ja auch mehr Lust, auf einem Trecker in seiner Heimat zu sitzen und die ökologische Agrarwende zu beackern? Könnte diese arbeitsintensiven Produkte günstiger machen.

Wachstum mit Augenmaß

Aber ich schweife ab (und ja, ich wollte auch die „Trucker im Trecker“ loswerden). Im Kern geht es um die Notwendigkeit von Wachstum, bzw. um das, was uns als solches verkauft wird. Ich kenne keinen, der am Flughafen stehenbleiben musste, weil er kein Ticket mehr bekam – wenn doch, gäbe es ja noch die Bahn – und wundere mich, wenn ich denn einmal fliege, nicht selten über halbleere Flugzeuge. Selbst ohne den großen Teufel eines globalen wirtschaftlichen Zusammenbruchs an die Wand malen zu wollen, ist doch ziemlich offensichtlich, dass die reinen Wachstumstheorien ein Auslaufmodell sind. Die Lufverkehrsprognose für München kommt zu dem Schluss, dass  „ein Großteil der in 2020 vorhandenen Nachfrage [...] ohne Erweiterung des Flughafens abgewiesen werden [müsste]: 13,9 Mio. oder 25 % der Fluggäste, 322.000 t oder 39 % der Luftfracht/Luftpost und 137.000 oder 22 % der Flugbewegungen.“ Interessant, wie hier „ein Großteil“ definiert wird. Interessant auch, dass in allen möglichen Bereichen die Effizienz gesteigert, oder zumindest dieses Anliegen formuliert wird, beim Verkehr aber wird ausgebaut als ob es keine Grenze gäbe. Dabei glaube ich, dass die Grenzen des Wachstums auch hier erreicht werden, weniger weil alle plötzlich weise und vernünftig werden, sondern weil schlicht der äußere Rahmen andere Verhaltensweisen erfordert. Schon jetzt zahlen manche Pendler die Hälfte ihres Gehalts für die Fahrt zur Arbeit, der auf die Fluglinien ausgedehnte Emissionshandel macht Tickets teurer, und Billigflieger gehen pleite. Wenn gebaut und irgendwas bewegt wird, nennt man das Wachstum, dabei ist die Ruhe doch viel effizienter – und letztlich billiger für die ganze Volkswirtschaft. Wenn wir also schon beim Fliegen sind, würde ich mir wünschen, dass zum Beispiel Lösungen wie der Cargolifter (die Idee eines Frachtzeppelins, der fast geräuschlos fliegt und viel weniger Energie braucht als ein Jumbo) nicht nur von einer unterfinanzierten Tüftlerfirma betrieben, sondern als echte Nachhaltigkeitsaufgabe verstanden werden. Und dass das einzige Ventil für die Zukunftsentwicklung nicht immer nur „mehr“ sondern auch mal „anders“ heißen kann.

 

www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,820413,00.html#ref=nldt

www.dfld.de/Andere/MUC/ROV/Luftverk_Prognose_Intraplan.pdf

 

Tags: Fluglärm, Flughafenausbau, Verkehrsprognose, Verkehrswachstum

2 thoughts on “Die Wahrheit übers Fliegen (Oder) Grenzen des Wachstums im Flug erreichen

  1. danke für den Beitrag – ich las grad witzigerweise auf GMX, dass in der USA ein Autoflugzeug auf den Markt kommen soll, bin gespannt, was da noch so auf uns zukommt. Meine Aussicht: die 80 Prozent auf dem unteren "Sozialen Scherenblatt" fahren Fahrrad und die paar Reichen fliegen statt Porsche Cayenne mit ihrem Autoflugzeug …

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